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Was hat mich bloß so idiosynkratisiert?

Klaus Heinrich lebt! Über das Werk des großen Religionsphilosophen, der den produktiven Eigensinn kultivierte

  • Von Iris Dankemeyer
  • Lesedauer: 6 Min.
Selbstporträt von Klaus Heinrich
Selbstporträt von Klaus Heinrich

Als der Religionsphilosoph Klaus Heinrich im Dezember des vergangenen Jahres starb, bekam er die große Presse, die seinem Werk zu Lebzeiten verwehrt blieb. Die Nachrufe huldigten dem »großen deutschen Gelehrten« (FAZ) mit »genialer Deutungsgabe« (»Zeit«), dem Mitbegründer der Freien Universität (FU) Berlin, dem berühmten Unbekannten mit seinen berüchtigten Vorlesungen. Von 1971 bis 1999 zog der zierliche Mann mit der hellen Stimme nicht nur studentisches Publikum, sondern auch das Berliner Künstlermilieu in seinen Bann. Zurückzuführen ist die außerplanmäßige Anziehungskraft dieses ordentlichen Professors vor allem auf seine gänzlich unakademische Art, freie und spontane Reden über alles Mögliche zu schwingen.

In der ihm eigentümlichen »Verbindung von äußerster Konzentration und freischwebender Aufmerksamkeit«, so der Heinrich-Herausgeber Hans-Albrecht Kücken, legte Heinrich das Gattungswesen quasi auf die Couch; dessen transzendentalphilosophisches Superego will nur in abstrakten Begriffen denken und von »Geschlechterspannung« oder Drecksarbeit nichts wissen. Da es aber zugleich auch Leib- und Triebwesen ist, hat es konkrete Nöte, Ängste und Wünsche. Diese sprechen sich vor allem in den Religionen aus. In mythologischen Figuren und religiösen Bildern spürt Heinrich unerledigte Konflikte und verdrängte Bedürfnisse auf.

Heinrichs erklärte Intention war das Aufsprengen formalistischer Wissenschaft durch redenden Stoff, sein Gegenstandsbereich reichte von Logik bis Lyrik. Es waren Vorlesungen, nicht Ablesungen. Mitschnitte hat er sich ausdrücklich verbeten; seine Worte seien zum Nachdenken und Verschwinden gedacht. Weil seine ungehorsamen Schüler ihn heimlich doch auf Tonband aufnahmen, liegt nun Heinrichs große »Faszinationsgeschichte« der Gattung in bisher sieben Vorlesungsbänden vor.

Tradition der Kritischen Theorie

Die Bücher von Klaus Heinrich waren zuerst bei Stroemfeld, 1970 als Roter Stern von dem einstigen SDS-Vorsitzenden KD Wolff gegründet und inzwischen insolvent, erschienen. Seit 2020 sind die bereits veröffentlichten Titel wieder im Ça-ira-Verlag lieferbar, neue frisch herausgebracht und weitere angekündigt. Heinrichs Leben als Autor hat gerade erst begonnen. Zeitlebens schrieb er mit Bedacht: 1952 eine nur als Typoskript vorliegende Dissertation, 1964 die Habilitation »Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen« (in der eben erschienenen Neuauflage gerade einmal 162 Seiten), zudem einige verstreute Aufsätze und Vortragsmanuskripte. Das Gesamtwerk des großen Gelehrten gibt nun nicht zufällig der kompromisslose linkskommunistische Kleinverlag Ça ira heraus. Damit steht Heinrich nicht als Renaissancemensch im bürgerlichen Feuilleton, sondern in der Tradition Kritischer Theorie.

Im Gespräch mit Heiner Müller im Jahr 1987 erklärt Heinrich, »was mich so idiosynkratisiert hat« - die Untergangsverklärung des faschistischen Täterkollektivs und die Unsichtbarkeit des Kapitalismus (»Kinder der Nibelungen«). Als Klammer von Real- und Triebgeschichte malt »Faszinationsgeschichte« kein erbauliches Menschheitsporträt, sondern verzeichnet die destruktiven Tendenzen des Gattungswesens in antifaschistischer Absicht. Ausgangspunkt von Heinrichs Analyse ist der nicht auf- und schon gar nicht durchgearbeitete Nationalsozialismus. Das im »Versuch« entwickelte Begriffspaar »Sucht und Sog« verdeutlicht, wie der Selbstvernichtungstrieb in Opfergeist und Katastrophensehnsucht fortlebt. Der gleichnamige Essay im Bändchen »anfangen mit freud« untersucht Phänomene wie S-Bahn-Surfen und Magersucht und kritisiert die Subjektlosigkeit der Phänomenologie und Existenzialontologie. Von Symbolen und Symptomen, fortgesetzten Spannungen und ungelösten Problemen erzählen auch die »Dahlemer Vorlesungen«, und zwar jede anders: Mal gibt es eine Einführung in die Logik ohne lebensferne Langeweile (»tertium datur«), mal geht es um die Gegenwelt der Götter und das Vernunftwesen in Menschengestalt (»anthropomorphe«), mal darum, den Begriff der Aufklärung in der Religionswissenschaft als Sexualaufklärung zu begreifen (»gesellschaftlich bestimmtes naturverhältnis«).

Im Bunde mit Marx und Freud

Zentral sind für Heinrich die Vorstellung von Gott als »Triebgrund der Wirklichkeit« und die Frage nach der »Bündnisfähigkeit des Schicksals«. Mit dieser wilden Mischung aus altisraelischer Tradition und psychoanalytischer Theorie versucht er der Gefahr von Sucht und Sog die Möglichkeit von Bund und Balance entgegenzustellen. Dazu muss die logozentrische Theologie einsehen, dass Gott auch kein Unschuldslamm war und die Philosophie erkennen, dass ihre Vernunftwesen auch nur Menschen sind. Damit ist Heinrich mit Freud und Marx im Bunde, wie in den Vorlesungen »vom bündnis denken« und »psychoanalyse« nachzulesen ist.

Wer nicht gleich zu den großen Bänden greifen will, kann mit kleineren beginnen. Die Essays aus »der staub und das denken« behandeln den Todeswunsch als geheimen Sprengsatz der Zivilisation anhand literarischer Beispiele von Goethe, Sophokles und Heine. Die Reden aus »dämonen beschwören katastrophen auslachen« befassen sich vorzugsweise mit Lachen und Musik (inklusive beiliegender CD mit Tonbeispielen).

Vier zwischen 1967 und 1987 entstandene hochschulpolitische Streittexte versammelt der Band »der gesellschaft ein bewußtsein ihrer selbst zu geben« - der Titel formuliert die Utopie, von der Heinrich als studentischer Mitbegründer der FU einmal träumte und die in seinen Vorträgen stets lebendig blieb. Als Bildungsenthusiast mit produktivem Eigensinn pflegte er ein erotisches Verhältnis zur Universität, trieb Wissenschaft als Leidenschaft. Er erlaubte sich als Luxus im Denken, gerade das Bedingte für unbedingt wichtig zu halten und mit mythischen Figuren und religiösen Bildern hemmungslos ins Detail zu gehen.

Das Gattungswesen auf der Couch

Die Suche nach dem Urgrund der Welt, den »archai«‚ ist nicht ganz unproblematisch. Bei Heinrich geht es jedoch nie um ein kollektives Unbewusstes, sondern um kollektives Selbstbewusstsein. Das Gattungswesen Mensch ist bei ihm kein urtypisches Exempel positiver Anthropologie, sondern eher das historische Subjekt der theologica negativa: »Gattung ist ein aufklärerischer Begriff - er beschwört, namens ihrer, der wir angehören, die eine menschliche Gesellschaft, die wir (bis jetzt) nicht sind.« Warum das so ist, erklärt der erste Band der »Neuen Folge« in drei Essays mit einer Kritik des Antijudaismus des Johannes-Evangeliums, einer Auseinandersetzung mit der populären Adaption fernöstlicher Meditation und Askese und schließlich anhand des Zusammenhangs von Gemütlichkeit und Brutalität. Passend dazu ist die Vorlesung zur architektonischen Auseinandersetzung mit dem NS anhand der Architekten Karl Friedrich Schinkel und Albert Speer herausgekommen. Im Herbst dieses Jahres erscheint eine Vorlesung über Heidegger, dessen Nähe zu den Nazis Heinrich in den gedanklichen Konstruktionen und nicht bloß in der Biografie nachweist. Soeben erschienen ist auch ein Band mit Zeichnungen.

Nie zuvor gab es so viel von Klaus Heinrich zu lesen und mehr wird noch kommen. Heinrichs Bücher wenden sich nicht nur gegen das transzendentale Subjekt, sondern vor allem auch an das ästhetische. Sie sind sowohl leicht zu lesen als auch schön anzuschauen; sorgfältig ediert bei elegantem Satz auf angenehmem Papier. Das ist materialistische Aufklärung in jedem Sinne. Für jedes einzelne Gattungswesen, dass sich ein wenig für die eigene Psyche und Seele interessiert, ist etwas dabei. Klaus Heinrich lebt.

Das Gesamtwerk von Klaus Heinrich wird im Verlag Ça ira veröffentlicht. Der Band mit Zeichnungen wird anlässlich seines Erscheinens am 8. September in der Galerie Friese in Berlin vorgestellt, wo auch Arbeiten von Klaus Heinrich ausgestellt sind.

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