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Der Hype ist Quatsch

Natürlich ist Tiflis nicht das neue coole Berlin. Wer sich an den Besuchermassen nicht stört, kann in Georgiens Hauptstadt dennoch viel erleben

  • Von Philip Malzahn und Robert Putzbach, Tiflis
  • Lesedauer: 6 Min.

Als »Capital of cool« beschreiben deutsche Zeitungen gern die georgische Hauptstadt Tiflis. Lange Artikel preisen die Erlesenheit ihrer alternativen Musikszene und die Vielfalt der hiesigen Vegetarierküche. Doch natürlich ist das ziemlich übertrieben, denn: Tiflis ist keinesfalls wie Berlin. Der Grund dafür ist simpel: Die georgische Gesellschaft besteht längst nicht nur aus Technoliebhabern und Feierwilligen. Sie ist stattdessen oft ziemlich religiös und ziemlich reaktionär: Erst im Juli wurden LGBTIQ-Personen von rechten Mobs durch die Stadt gehetzt. Ein Mensch starb. Die Pride Parade wurde abgesagt.

Airport-Roulette

Schon bei der Ankunft am Flughafen in Tiflis könnte mancher meinen, er habe im falschen Flugzeug gesessen. Das Airport-Interieur gemahnt nämlich nicht an den sagenumwobenen Kaukasus, den man aus alten Sowjetfilmen kennt, sondern an Las Vegas: Die Koffer rollen über ein überdimensionales Rouletterad. Das Gummi ist rot, dann schwarz, immer mit einer Nummer in der korrekten Reihenfolge. Unsere Taschen liegen auf Rot 13 und Schwarz 18. Überall hängt Werbung: Casinos, Schnaps, noch mehr Casinos. Manchmal McDonald’s. Das ändert sich auch nicht auf der Fahrt in die Stadt: Casinos, Casinos! Besoffen Geld verspielen, ist augenscheinlich das Motto der Tiflis-Besucher. Dabei werden nebenher die Landschaft und auch die Gebäude immer ansehnlicher.

Im Zentrum angekommen, ist es endlich in etwa so wie erwartet. Die reißende Kura trennt die Stadt in zwei Hälften, links und rechts erstrecken sich am Hang die unzähligen Wohnhäuser der Metropole, die eine Million Einwohner zählt. Alte Männer mit haariger Brust und dicker Goldkette sitzen auf Plastikschemeln und trinken Kaffee. Überall streunen Hunde umher, aber friedliche: Kein Vergleich zu den aggressiven Straßenkötern von Kairo oder Neu-Delhi. In Tiflis sind alle Hunde gechipt und mit gelber Plakette im Ohr markiert. Dementsprechend brav benehmen sie sich auch: Wer gerne Streicheleinheiten verteilt, ist am richtigen Ort!

Die Gassen in der Altstadt sind eng, die Gebäude haben Holzfassaden und Holzbalkone, die an das Fachwerk im Schwarzwald oder in Erfurt erinnern. Nur ist es hier im Sommer viel heißer. Und unglaublich schwül. Von elf Uhr am Vormittag bis nachmittags um fünf bleibt man lieber zu Hause.

Oder man flüchtet in ein klimatisiertes Restaurant. Das ist ein Erlebnis! Wer die georgische Küche nicht kennt, sollte schleunigst das nächstgelegene Restaurant in seiner Heimat ausfindig machen oder direkt einen Flug buchen. Zu den Klassikern gehören Chinkali: Maultaschen, wie es sie fast überall in Europa in irgendeiner Variante gibt. Diese georgischen jedoch werden beim Kneten einmal um die eigene Achse gedreht und das spiralförmige Resultat wahlweise mit Käse, Pilzen und oder Fleisch gefüllt. Der Füllung schwimmt in einer würzigen Brühe. Die Kunst des Chinkali-Verzehrens besteht darin, einen zarten Bissen zu nehmen, die Brühe möglichst laut auszuschlürfen und dann erst den Inhalt zu verspeisen. Es gilt die Faustregel: Je lauter das Schlürfen, desto besser der Koch.

Hervorragend lässt sich derlei georgische Hausmannskost zum Beispiel im Restaurant »Pasanauri« probieren: Rustikales Holzinterieur und zentrale Lage machen es zu einem Muss. Die Deluxeversion dessen gibt es im »Chveni« auf der östlichen Flussseite - edle Küche mit dem gewissen Extra wie etwa das Hühnchen in Kirschsoße.

Für das Frühstück empfehlen sich Chatschapuri, mit Käse gefüllte, tellergroße Hefeteigflatschen. Jede georgische Region hat ihre eigene Version, mal ist der Käse in der Mitte des Teigs platziert, mal verstreut wie auf einer Pizza. Im Endeffekt nimmt sich alles nicht viel: Chatschapuri ist Käse im Übermaß - ein üppiger, fettiger Genuss.

Für Vegetarier oder Veganer gibt es einige Optionen. Nicht nur, weil die Restaurants mittlerweile die Bedürfnisse ihrer westlichen Gäste kennen, sondern auch, weil die georgische Küche als Armeleuteküche natürlich wunderbare Alternativen zu Fleisch und Käse bietet, etwa gegrillte Aubergine mit Walnusspaste und frischem Granatapfel.

Als Softdrink lieben die Georgier eine schreiend süße Limonade namens Natakhtari. Neben klassischem Sorten wie Birne oder Kirsche gibt es ausgefallene wie Sahne oder Estragon. Großartig ist auch Borjomi - salziges Mineralwasser: Es schmeckt, als würde man einen Berg ablecken. Wer gerne wilder feiert, bestellt sich am besten Cha-Cha: Traubenschnaps - aber in der Ferrari-Version.

Preise wie in Berlin

Aus Berliner Sicht betrachtet ist Georgien vollkommen durchgentrifiziert. An jeder Ecke gibt es Hotels, Apartments und Souvenirläden. Hingegen findet man Sowjetschick, geheime Gassen oder kaukasische Folklore meistens nur in Restaurants, die verzweifelt versuchen, die Gäste mit derlei Szenerien zum Einkehren zu bewegen. Die Kellner tragen - offensichtlich gegen den eigenen Willen - schlecht sitzende Kostüme. Ihr Durchschnittslohn beträgt 500 Lari, etwa 140 Euro. Dieser Niedriglohn spielt allerdings bei der Preisgestaltung keine Rolle. In Sachen Restaurantpreise lässt sich Tiflis gut mit Berlin vergleichen. Bezahlen darf man gern auch in US-Dollar oder Euro.

Georgischkenntnisse sind nicht dringend erforderlich: Vor allem mit den Jüngeren unterhält man sich gut auf Englisch. Mit Russisch indes halten es jungen Georgier wie die Franzosen mit dem Englisch: Sie können schon, wollen aber nicht. Die ältere Generation aber spricht fließend und bereitwillig die Sprache des großen Nachbarn. Wer zu Stalins Geburtsort Gori, etwa 90 Kilometer von Tiflis, fährt, kann spätestens dort prächtig alte Russisch-Kenntnisse auffrischen: »Mui gawarim pa-russki.«

Georgien wird oft als Land zwischen Europa und Russland beschrieben, weder Ost noch West zugehörig. In Wirklichkeit ist dem Land nur passiert, was jede Geheimtipp-Nation erlebt, deren politische Orientierungslosigkeit und wirtschaftliche Stagnation massenhaft westliche Reisende anlockt, die diesen »unentdeckten« Ort erstmals auf Instagram erblickt haben: Es ist in Mode.

Die Emiratis wollen kompensieren

So kommen sie aus allen Ecken der Welt: Russen, Amerikaner, Deutsche. Männergruppen aus den reichen Golfstaaten Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Qatar ziehen umher. An die Seitenfassade des edlen Hotels »The Biltmore« wird gelegentlich die Flagge der Emirate projiziert.

»Die Emiratis kommen her, um hier das zu tun, was bei ihnen verboten ist«, erzählt Irakli Kakashvilli. Der 42-Jährige organisiert Tagesausflüge, aber auch wochenlange Trecks durch die Berge. »Ich bin froh über den besten Job der Welt«, erzählt er. Irakli spricht Georgisch, Englisch, Russisch, Französisch und lernt gerade Griechisch. Als Guide verdiene er viel mehr, als er es nach seinem Pharmaziestudium normalerweise tun würde, sagt er. Seine Familie könne von den Gästen leben. Trotzdem habe der Tourismus Schattenseiten. »Die Scheichs etwa haben ein starkes Bedürfnis nach wilden Feiern: Alkohol, Prostitution, Glücksspiel - sie haben viel zu kompensieren«, erzählt Irakli. »Die wenigsten von ihnen wollen mit mir in die Berge zum Wandern.« Das führe zu einem Erstarken krimineller Strukturen im Lande. Neben Drogen und Prostitution ist auch Glücksspiel ein Nährboden für Kriminalität.

Irakli hingegen möchte den Gästen die Schönheiten der Natur zeigen - davon hat Georgien reichlich zu bieten. Er und seine Fremdenführerkollegen bieten für 30 bis 150 US-Dollar pro Tag Ausflüge an: Ob zum nahe gelegenen Weingut, Wildwasserkajak oder Wandern, für alle Altersgruppen und körperlichen Möglichkeiten ist etwas dabei.

Wer Massentourismus aushält und Spaß finden kann in dem absurden Widerspruch, den das moderne Reisen immer wieder deutlich vor Augen führt, der wird in Georgien viel erleben können. Im Schwarzen Meer Wassersporteln, von dort aus in die Berge zum Skifahren oder Wandern und dann wieder in die Großstadt, um sich dort den Wanst mit Chinkali und Chatschapuri vollzuschlagen. Es kann paradiesisch sein.

Und natürlich muss sich niemand vor zu viel Naturschönheit ängstigen: Alkohol und ein Casino, in dem sich fix auch ein Vermögen verzocken lässt, sind in Georgien jederzeit und fast überall zu finden.

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