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Wildern im Berliner Fußballdschungel

Von Viktoria über den BAK bis nach Hohenschönhhausen zum BFC Dynamo

  • Von Frank Willmann
  • Lesedauer: 3 Min.

Zu leben, bis man stirbt, ist schon genug harte Arbeit, pflegte meine Oma zu philosophieren, wenn mal irgendwo der Schuh drückte. Jetzt aber bläst mir und euch endlich der Fußballwind der ewigen Freude wieder ins Gesicht und lässt uns von guten Taten träumen. Weil ich keine Büchse Mett als Herz mit mir herumtrage, sondern die einst eingepflanzte Fackel des Fußballsports, treibt es mich jedes verdammte Wochenende raus. Wie ein wildes Tier, das aus einem Wald herausspäht, erkenne ich aus der Ferne fliegende Bälle und schnurre sogleich wie eine Katze. Das Leben gibt dir keine zweite Chance, also greif zu, wenn sich das Leder bewegt und die Gladiatoren des Spiels ihre Glieder knacken lassen!

Berlin bietet aktuell einen Drittligisten auf, Viktoria heißt er. Zwei Hamburger Brüder gönnen sich seit ein paar Monden diesen Klub, der den eigentlich geschlossenen Jahn-Sportpark im Prenzlauer Berg belebt. Ist es ein Wunder? Oder heißt das Zauberwort Geld? Der letzte Mieter des Stadions nannte sich BFC Dynamo und musste das Gebiet räumen, weil der Berliner Senat an gleicher Stelle ein nagelneues und ganz inklusives Stadion errichten will/wollte/vielleicht wollte ...

Ich sehe mit meinem dritten Auge große Dinge, ich habe den neuen und natürlich geheimen Namen der Arena (Bürgermeister-Müller-Stadion) schon in Kuhscheiße geritzt.

Zurück zu Vicky, wie der Klub von seinen, ja, wenigen Fans genannt wird. Ich war am ersten Spieltag dort, gegen Vicky Köln. Die Berliner spielten mutig nach vorn, das interessierte aber nur wenige Zuschauer, null Fankultur, null Stimmung. Das war mir zu wenig, ich komme erst mal nicht wieder.

Eine Woche drauf sah ich beim Spiel Berliner AK gegen Jena die flackernden Schatten der Liebe. Der BAK hat sich einen Instagram-Star geschnappt. Nader El-Jindaoui heißt der Gute. Kickt okay und zieht bei jedem Spiel einen Riesentrupp Instafans ins Stadion. Muss man sich gönnen. Nader ist eine Art Lebenshelfer und Markenerklärer für junge Menschen. Seine freundliche Frau und er fahren beispielsweise nach Istanbul zum Zahnarzt, wir mittenmang usw. Zitat: »Dabei sind wir vor allen Dingen eines: ehrlich!« Seine Schwester ist auch ganz »weird«, oder war’s »spooky«? Jedenfalls ist Stimmung im Poststadion, wenn Nader seinen Alabasterkörper bewegt. Muss man gesehen haben. Und sonst? Ich kann Bier trinken, aber auch Ostfriesentee.

Und ich war beim BFC. Was soll ich meinem Vater sagen, wo ich bin und was ich mache? Es war gar nicht so schlimm. Der BFC spielt wieder in Hohenschönhausen, das leicht gammelige Sportforum wurde ein bissel aufgehübscht, hat nun Flutlicht und zieht aus einem mir nicht nachvollziehbaren Grund die FußballfreundInnen an. Kamen die Beatles vor dem BFC? Jein! Liegt es am vegetarischen Bier, gereicht im bestimmt einzigen Hohenschönhauser vegetarischen Imbiss gegenüber der Straßenbahnhaltestelle Sandinostraße? Fängt sich das Flutlicht so schön in den Glatzen? Was ist der Grund für das verstärkte Fanaufkommen am schrottigen Charme des einstigen DDR-Vorzeigesportobjekts?

Der BFC-Anhang gehört offensichtlich nach Hohenschönhausen wie Union nach Köpenick, so sieht’s aus! Der Platzwart scheint sich allerdings nicht so häufig blicken zu lassen. Dafür hat der BFC den Ex-Magdeburger Christian Beck geholt, der sich ob seiner bescheidenen Attitüde und seiner Torballerei sofort zum Liebling der Fans emporgeschwungen hat. Beck scort und scort, auch gegen Lichtenberg 47 traf er, diesmal vom Elfmeterpunkt. Schwupp, schon steht der BFC auf Platz eins der Regionalligatabelle. Pyro, Bierdusche, Fangetümmel!

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