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  • The Handmaid’s Tale

Die schrecklichste Serie der Welt

Auch die vierte Staffel von »The Handmaid’s Tale« fesselt mit ihrer finsteren Dystopie eines faschistoiden Gottestaates

  • Von Jan Freitag
  • Lesedauer: 4 Min.
June (Elisabeth Moss) entfacht in Staffel 4 von »The Handmaid’s Tale« den Furor ihrer Unterdrücker.
June (Elisabeth Moss) entfacht in Staffel 4 von »The Handmaid’s Tale« den Furor ihrer Unterdrücker.

Wer Ende 2017 »The Handmaid’s Tale« gesehen hat, erinnert sich vermutlich noch gut an die Momente der Beklemmung, gefolgt von jenen der Befreiung. Ein fundamentalistisches Männersystem, das Frauen versklavt, Schwule erhängt und Lesben steinigt, mag zwar zutiefst verstört haben; doch als steinzeitreligiöse Staatsform existierte es seinerzeit ja nicht mal mehr in Afghanistan. Lange her. Vier Jahre Trump plus vier Wochen Taliban, um genau zu sein. Wer heute auf Hulu oder Magenta die vierte Staffel sieht, wird demnach das Gefühl nicht los, »The Handmaid’s Tale« sei gar keine Dystopie, sondern Realität.

36 schwer erträgliche, brillant inszenierte Folgen lang haben Abermillionen Zuschauer in aller Welt die Dienstmagd June alias Offred dabei beobachtet, wie sie ein christlich-faschistoides Amerika überlebt. 36 schwererträgliche, brillant inszenierte Folgen lang blieb dieser Überlebenskampf allerdings so abstrakt, dass sich besonders die Zuschauerinnen in Sicherheit wähnten. Margaret Atwoods Erzählung einer postapokalyptischen Zukunft, die als Vorlage der Serie dient, in der Umweltkatastrophen so viele Frauen sterilisiert haben, dass fruchtbare zu Gebärmaschinen degradiert werden, das war ersichtliche Science-Fiction.

Und jetzt? Gipfelte Donald Trumps christlich-reaktionäre Regentschaft im Sturm aufs Kapitol, der vom Bürgerkrieg nur eine Handvoll todessehnsüchtige Waffenfans entfernt war, während die Taliban nach dem - von Trump vereinbarten - Abzug der US-Armee gerade ihr steinzeitislamistisches Schreckensregime wiedererrichten. Da schaut man die neuen zehn Folgen doch gleich mit anderen Augen. Sie beginnen so: Weil die renitente June zum Abschluss der dritten Staffel 86 Kindern zur Flucht nach Kanada verhilft, liegt sie in der vierten schwer verwundet im Wald.

Mit einer Schar entflohener Mägde kommt sie auf dem Gutshof eines Landbesitzers (Bill MacDonald) unter, dessen junge Frau Esther (Mckenna Grace) Sympathien für die Aufständischen hegt und Hass auf die Machthaber des alttestamentarisch regierten Gilead hat, die ihrerseits auf der Suche nach den Aufständischen sind und dafür einen Krieg mit Kanada riskieren. Das Setting bleibt also unverändert: hier ein männlicher Machtapparat christlicher Taliban, der seine misogyne Ideologie mit aller Gewalt exekutiert. Dort rechtlose Frauen, die sich zaghaft vor die Mauern ihrer Gefängnisse wagen und den Furor der Unterdrücker erst richtig entfachen. Wie gut, dass sich die Serie wie in den Staffeln zuvor nie im Befreiungskampfmodus erschöpft.

Das Unbehagen über die »schöne neue Welt« von Margaret Atwood befällt in dieser Gegenwart Opfer und Täter zugleich - beklemmend verkörpert durch Junes Besitzer Fred (Joseph Fiennes) und seine Frau Serena (Yvonne Strahovski) oder Anne Dowds rücksichtslose Aufseherin Lydia. Selbst Krisengewinner sind unglücklich, über allem liegt ein Mehltau der Angst. Wenn die versehrte June lächelt, als sie ihre Widerstandsgruppe beim Tanzen sieht, ist das der hellste Moment einer Geschichte, die selbst im Sonnenschein dunkel bleibt. »Wir sind nicht frei«, widerspricht June einer Magd, die sich übers karge Asyl in der Ödnis freut, und entgegnet: »Aber vielleicht sind wir so frei, wie möglich«. Kein Wunder, dass ihr Aufstand defensiv bleibt.

Wenn sie im Lastwagen durch Kontrollpunkte geschleust werden, erinnert ihr schmaler Sehschlitz an eine Burka. Immer wieder kriecht die Kamera den Eingeschüchterten porentief ins Gesicht. Die Atmosphäre ständiger Furcht bleibt so erdrückend, bis es wehtut - wäre da nicht Hauptdarstellerin Elisabeth Moss.

Nie zuvor am Bildschirm und selten auf Leinwand hat eine Hauptdarstellerin Kraft, Schmerz, Zorn, Schwäche, Empathie und Hass eindringlicher zum Ausdruck gebracht, ohne dabei zu schreien. Kein Wunder: Diese Form von Empowerment hat sie drei, vier Unterdrückungslevel tiefer bereits in der Macho-Serie »Mad Men« geübt. Hier findet es eine Vollendung, die 2021 abermals bedrückender wirkt als vier Jahre zuvor und sich trotzdem weniger abnutzt als Eskalationsspiralen wie »The Walking Dead«. Manchmal ist dieser feuchte Traum der AfD zwar so fesselnd wie eine Massenkarambolage, meistens jedoch schlicht wie die beste schreckliche Dramaserie der Welt.

»The Handmaid’s Tale« auf Magenta-TV

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