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»Sie haben gelernt zu lügen«

Afghanische Frauen halten die moderaten Töne der Taliban für reine Täuschung

  • Von Cyrus Salimi-Asl
  • Lesedauer: 3 Min.
Narges Sadat wurde bei einer Demonstration von Frauenrechtsaktivist*innen von Taliban-Milizen geschlagen.
Narges Sadat wurde bei einer Demonstration von Frauenrechtsaktivist*innen von Taliban-Milizen geschlagen.

Was ist neu an diesen Taliban von 2021? Offenbar immer weniger, je länger sie an der Macht sind. Deutlich wird dies an der Übergangsregierung und der Frage, welche Rolle sie den Frauen in der afghanischen Gesellschaft zubilligen. Die Liste der Regierungsmitglieder liest sich wie ein Steckbrief von Schwerverbrechern, unter den 33 Ministern fehlen Frauen und Vertreter der Hazara-Minderheit; statt eines Frauenministeriums wurde eines für »Tugend und Laster« eingeführt, das wohl wie unter der ersten Taliban-Herrschaft (1996-2001) die Einhaltung der »islamischen Regeln« überwachen soll.

Die rapide Verschlechterung der Menschenrechtslage wird auch bestätigt von den Afghaninnen, die der Berliner Geflüchtetenverein Yaar am Donnerstag zu einer Online-Diskussionsveranstaltung zusammengebracht hat. Die aus Afghanistan zugeschalteten Frauen waren sich in einem einig: Die Taliban hätten in den vergangenen mehr als 20 Jahren vor allem gelernt, zu lügen und diese Lügen über moderne Kommunikationsmittel zu verbreiten.

Die Journalistin Qudsia Shujazada aus der nordafghanischen Stadt Masar-e Scharif berichtete, dass sich ein in ganz Afghanistan operierendes Netzwerk von Frauen gebildet habe, die sich gegen die Beschneidung ihrer Rechte stellen. Sie forderte mehr Druck aus dem Ausland auf die Taliban-Führung, »damit sie die Menschenrechte sowie die Rechte von Frauen und Minderheiten respektieren«. Gleichzeitig dürfe die internationale Gemeinschaft Afghanistan nicht alleine lassen: »Es gibt viele Arbeitslose, keine Jobs und wir stehen vor einer Hungerkrise.« Deutschland könne seiner Verantwortung nachkommen, indem es afghanische Flüchtlinge aufnehme und seine ehemaligen Ortskräfte raushole.

In dieser Situation wird der Umgang mit den Taliban zum Balanceakt: Einerseits wollen die westlichen Staaten keine Zugeständnisse machen und die Taliban-Regierung politisch aufwerten; andererseits können sie die Afghan*innen nicht verhungern lassen. Qudsia Shujazada hat dazu eine klare Meinung: »Das Welternährungsprogramm (WFP) und andere UN-Agenturen müssen weiterarbeiten in Afghanistan.« Trotzdem sieht sie die internationale Gemeinschaft in der Lage, Druck auf die Taliban auszuüben, um Zugeständnisse bei Menschenrechten zu erreichen. Einig waren sich die Frauen darin, dass die Taliban-Machthaber diplomatisch keinesfalls anerkennt werden dürften.

Und was erwarten die Afghaninnen von den Nachbarländern? Shukria Rahimi rückte die Rolle Pakistans ins Blickfeld und fordert internationalen Druck auf die Regierung in Islamabad, damit diese ihre militärischen Übergriffe am Boden und aus der Luft einstellt. Die Nachbarländer sollten Geflüchtete aufnehmen, würdevoll behandeln und mit Zelten, Lebensmitteln etc. versorgen. »Niemand verlässt sein Land ohne Not«, sagte sie.

Shukria Rahimi setzt zudem Hoffnung in den Widerstand im Pandschirtal: »Ahmad Masud könnte ein Vorbild für andere Regionen sein, sich zu erheben.« Das sieht Narges Sadat, Aktivistin aus Kabul, ganz anders. Sie hat früher fürs Militär gearbeitet und kämpft jetzt für die Rechte der Frauen. »Ahmad Masud ist nicht Teil der Lösung. Der Widerstand im Pandschirtal ist nobel, aber allein hat er keine Chance. Es gab genug Blutvergießen und Opfer, wir brauchen jetzt eine politische Lösung«, sagt sie überzeugt. Eine erneute Militärintervention lehnt sie ab und fordert zugleich, den Waffenfluss nach Afghanistan zu stoppen. Bei einer der jüngsten Demonstrationen für die Einhaltung der Menschenrechte und die Teilhabe von Frauen am öffentlichen Leben war Narges Sadat von Taliban-Milizen geschlagen worden.

In der Regel holten die Organisator*innen der Protestaktionen stets die Erlaubnis der örtlichen Behörden ein, erzählen die zugeschalteten Frauen. So hatte der Bürgermeister von Masar-e Scharif eine Genehmigung erteilt, Teilnehmer*innen seien aber noch auf dem Weg zur Demonstration verfolgt und angegriffen worden. Hinter dieser doppelten Strategie stecke System.

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