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Verfechter der Entgrenzung

Vor 40 Jahren lieferte Prince mit der Single »Controversy« ein zukunftsweisendes Identitätsmanifest

  • Von Frank Jöricke
  • Lesedauer: 6 Min.
Hetero, homo, bi, schwarz, weiß, romantisch, politisch, sexuell und spirituell: Prince war alles zugleich.
Hetero, homo, bi, schwarz, weiß, romantisch, politisch, sexuell und spirituell: Prince war alles zugleich.

Im Reich des Pop ist Gnade ein Fremdwort. Hier regiert die Willkür. Es geht dort so barbarisch zu wie im Frankreich der Revolutionsjahre. Wer eben noch oben war, wird plötzlich zum Fall fürs Fallbeil. Das mussten in den siebziger Jahren die Art- und Prog-Rocker erfahren, die den Punk-Scharfrichtern zum Opfer fielen. Dem Würgegriff der Stranglers konnten selbst Pink Floyd (und ihr Album »Animals«) nicht entgehen. Ja, sogar die Beatles mussten in die musikalische Verbannung. In den synthielastigen 80ern galten sie als »Oldieband«, also als uninteressant. Denn die Massen sind launisch. Ihre Liebe zu den Herrschern des Pop hält nie lange vor. Oft endet die Verehrung nach einem Album, manchmal bereits nach einem Lied. Wem sagt der Name Terry Jacks (»Seasons in the Sun«) noch etwas? Oder Gazebo (»I Like Chopin«)? Oder Mr. Big (»To Be with You«)?

An Prince hingegen können sich alle erinnern, die in den achtziger Jahren jung waren. Er löste den King of Pop, Michael Jackson, als Regenten ab - was wir begrüßten. Letzterer war uns immer ein wenig suspekt gewesen, weil wir spürten: »Der hat noch viel größere Probleme als wir.« Und unsere waren schon nicht ohne. Man musste nicht schwul oder trans sein, um als 15-Jähriger am Thema »Identität« zu verzweifeln. Grönemeyers Frage »Wann ist ein Mann ein Mann?« hätten wir, pubertierende heterosexuelle Jugendliche, beim besten Willen nicht beantworten können. Permanent kollidierte die eigene Verklemmtheit mit der allgegenwärtigen Pornografie. Wir blätterten in »Schmuddelheftchen« und träumten vom Händchenhalten. Wie hätten wir ein Mädchen ins Bett kriegen sollen, wenn uns bereits der Weg zum Küssen so unüberwindbar schien wie die Berliner Mauer!

Doch wir hatten einen mächtigen Verbündeten: Prince. Zwar war er nur 1,58 Meter klein, und seine Stimme klang oft so, als habe er vorm Singen an einem Helium-Luftballon gesogen. Doch sobald Gitarre, Bass und Beats einsetzten, entwickelten die Klänge eine unbändige, eine urgewaltige Kraft. Dies war keine Musik, die auf den Geschlechtsverkehr einstimmte oder ihn akustisch begleitete. Diese Musik war Geschlechtsverkehr. Sie ließ die Menschen auf der Tanzfläche ihre Komplexe vergessen und versetzte sie in einen körperlichen Rausch. In »Erotic City«, der meistgespielten B-Seite der Diskothekengeschichte, heißt es: »All meine Hemmungen sind weg; ich wünsche mir, bei dir wäre es genauso.«

Spätestens da begriffen wir: Wenn Prince von Sex sang, ging es nicht um Stellungen, sondern um Einstellungen. Um die Haltung gegenüber einem Thema, bei dem viele - trotz oder wegen der allgemeinen Pornografisierung - befangen sind. »Hab keine Angst, trau dich!«, war die eigentliche Botschaft, die hinter seinen »explicit lyrics« stand. Und diese Botschaft war nicht auf das Geschlechtsleben beschränkt. Für Prince gehörten Sex und Sozialkritik zusammen. Die Grenzen, die Menschen an ihrer sinnlichen Entfaltung hinderten, waren ja nur Ausdruck einer Gesellschaft, in der es überall von Wachtürmen, Mauern und Zäunen wimmelte.

Nirgendwo brachte Prince dies deutlicher zum Ausdruck als auf der Single »Controversy«, die vor vierzig Jahren erschien. Der Text liest sich wie ein Manifest zum Thema Identität. Eine inhaltliche Blaupause für unzählige Songs, die folgen sollten: »Ich kann all die Dinge einfach nicht glauben, die die Leute so sagen. Bin ich schwarz oder weiß? Bin ich hetero- oder homosexuell? Glaube ich an Gott? Glaube ich an mich? (…) War ich so, wie du mich wolltest? (…) Das Leben ist nur ein Spiel, bei dem alle gleich sind. Willst du spielen? (…) Die Leute halten mich für unanständig. Ich wünschte, wir wären alle nackt. Ich wünschte, es gäbe kein Schwarz und Weiß. Ich wünschte, es gäbe keine Regeln.«

Eine Kampfansage. Auch an die schwarze Community. 13 Jahre zuvor, 1968, hatte James Brown die Gemeinschaft der Afroamerikaner aufgefordert: »Say it loud - I’m black and proud!« Prince aber wollte genau diese Form der Selbstdefinition über Hautfarbe oder sexuelle Orientierung hinter sich lassen. Damit aber stand er nicht nur im Widerspruch zu vielen seiner Zeitgenossen (zum Beispiel zur Lesben- und Schwulenbewegung, die sich sehr wohl über solche Kriterien definierte), sondern auch zur heutigen Identitätspolitik, die in der Abgrenzung ihr Heil sucht.

Prince hingegen war ein Verfechter der Entgrenzung. Er spielte mit Rollen, die er nach Belieben wechselte - so, wie auch sein Gesang zwischen Kopfstimme, Bariton und Barry White changierte, manchmal sogar im selben Lied. Und mit jeder Verwandlung oder, besser gesagt, Neuerfindung, wurde die Frage nach seiner »wahren« Identität unwichtiger.

Prince war alles. Er war hetero, homo, bi, schwarz, weiß, romantisch, politisch, sexuell und spirituell zugleich. Deshalb finden sich auf »Controversy« Verweise auf Intimverkehr (»War es gut für dich?«) gleichberechtigt neben dem Vaterunser - die Blasphemie-Vorwürfe ließen nicht lang auf sich warten.

Wir aber liebten Prince für jede seiner Grenzüberschreitungen. Denn damit vermittelte er uns, dass auch wir unsere kleine, viel zu enge Welt hinter uns lassen konnten. So wie die Beatles in den 60er Jahren neue Horizonte eröffnet hatten, tat dies nun Prince. »Around the World in a Day« war unser »Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band «, »Parade« unser »White Album« und »Sign o’ the Times« unser »Abbey Road«.

Danach war alles gesagt. Wir hatten uns freigetanzt, freigehört, wir waren endlich weniger gehemmt und verklemmt. Wir brauchten Prince jetzt nicht mehr. Nur noch am Rande registrierten wir es, wenn er neue Songs veröffentlichte. Doch es berührte uns nicht mehr. Andere Musik - House, Grunge, TripHop und Britpop, ja, sogar Easy Listening - schien uns interessanter. Prince war für uns tot.

Als er dann, 2016, tatsächlich starb, machten sich zwei Redakteure des »Musikexpress« die Mühe, seine 39 Studioalben durchzuhören und zu bewerten. Das Überraschende dabei: Auch neuere Werke schnitten oft gut ab. Zwar hatte er hier und da - ein Zugeständnis an musikalische Trends - Sounds und Rhythmen angepasst, doch die Grundhaltung war die gleiche geblieben. Über all die Jahrzehnte hatte Prince seinen Stiefel einfach durchgezogen. Er war sich treu geblieben. Ja, 2004 war ihm mit dem Album »Musicology« sogar ein Comeback gelungen. Doch davon hatten wir, seine Fans der 80er Jahre, nichts mitbekommen. Wir waren ihm untreu geworden.

Ob es ihm einerlei gewesen ist? Vermutlich. Er war schließlich Prince. Der Mann, der den King of Pop vom Thron gestürzt hatte. Wer hätte besser gewusst als er: Im Reich des Pop ist Gnade ein Fremdwort.

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