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Konzentrationslager Perleberg dem Vergessen entreißen

Jugendliche erforschen in ihrer Freizeit die Nazivergangenheit ihrer Heimat

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 3 Min.
Artillerieschuppen der ehemaligen Kaserne haben die Nationalsozialisten im Sommer 1933 als Konzentrationslager genutzt.
Artillerieschuppen der ehemaligen Kaserne haben die Nationalsozialisten im Sommer 1933 als Konzentrationslager genutzt.

In Perleberg bestand im Sommer 1933 für wenige Wochen ein frühes Konzentrationslager. In einem alten Artillerieschuppen mussten die Häftlinge - Sozialdemokraten und Kommunisten aus der Westprignitz - unter einem Dach aus Teerpappe schlafen. Es war sehr heiß und die hygienischen Bedingungen katastrophal, berichtet der 14-jährige Leo Bobsien. Zusammen mit dem 16-jährigen Edgar Stütz und anderen Jugendlichen hat er zweieinhalb Jahre lang die Geschichte des Lagers erforscht. Nicht alle waren die ganzen zweieinhalb Jahre bei der Sache, Leo und Edgar aber schon.

Das machten sie im Rahmen des Programms »überLAGERt«, für das der Landesjugendring mit der Stiftung brandenburgische Gedenkstätten, dem Landesdenkmalamt und der Stiftung Großes Waisenhaus zu Potsdam kooperierte. Die Aktion Mensch und zwei weitere Stiftungen förderten das Projekt in den Jahren 2018 bis 2021 - nicht nur für die Gruppe in Perleberg. Andere Gruppen in Eisenhüttenstadt, Grüneberg im Landkreis Oberhavel, Fürstenwalde und Wildau haben bei sich zu Hause ebenfalls der Nazivergangenheit nachgespürt. Ihre Ergebnisse stellten sie am Samstag auf dem Gelände der Jugendherberge Sachsenhausen vor. Sie gaben Einblicke in die oft umständliche Recherche und präsentierten das im Projekt entstandene »Logbuch zur NS-Geschichte vor Ort«.

»Dass es ›so etwas‹ bei ihnen im Ort gibt, haben sie nicht gewusst«, heißt es in einer Erklärung des Landesjugendrings. »Dass das Lagersystem der Nationalsozialisten so flächendeckend und zeitgleich unterschiedlich war, dass sich mit der Geschichte der Lager einzelne Schicksale verbinden, wurde vielen der Jugendlichen erst im Laufe der Projektarbeit bewusst.«

Im Depot der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen befindet sich auch die Schreibmaschine, auf der einst die kommunistische Untergrundzeitung »Der Perleberger Horcher« getippt wurde, erzählt Edgar Stütz. Zunächst im Stadtarchiv und dann auch in anderen Archiven studierten die Jugendlichen Dokumente. Sie haben mit dem Leiter des Stadtmuseums gesprochen und mit Söhnen ehemaliger KZ-Häftlinge. Einer dieser Häftlinge war in dem Lager in Perleberg. Sein Sohn lebt nicht weit weg in Bad Wilsnack. Die Jugendlichen besichtigten auch den alten Schuppen und fotografierten ihn. Sie befragten außerdem Einwohner der Stadt und stellten dabei zu ihrer Überraschung fest, wie wenig dieses frühere Konzentrationslager in Perleberg der Bevölkerung bekannt ist.

»Wir haben alte Quellen genutzt, sind aber auch auf neue Informationen gestoßen«, kann Edgar stolz berichten. Historiker möchten er und Leo allerdings nicht werden, sondern Rechtsanwalt und Raketentechniker. Trotzdem waren sie mit Eifer dabei. »Es hat unseren Horizont erweitert über den Geschichtsunterricht hinaus«, sagt Edgar.

Sandra Brenner vom Landesjugendring betont, dass es sich bei dem Programm um außerschulische Projekte handelte. »Die Jugendlichen haben das in ihrer Freizeit gemacht und keine Noten dafür bekommen.«

In Grüneberg zum Beispiel bekamen Jugendliche etwas heraus über ein Außenlager des Konzentrationslagers Ravensbrück, erklärt Brenner. Die weiblichen Häftlinge mussten dort für eine Munitionsfabrik schuften. In Fürstenwalde fanden Jugendliche heraus, dass die Bunkeranlage Fuchsbau ursprünglich durch KZ-Häftlinge aus Sachsenhausen gebaut wurde. Und in Eisenhüttenstadt beschäftigten sich die jungen Menschen mit der Geschichte eines Kriegsgefangenenlagers.

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