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  • Obdachlosigkeit in Berlin

Wohnungslose nach Bedarf unterbringen

Gesamtstädtische Steuerung zur Unterbringung von Wohnungslosen startet

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 3 Min.
Berliner Notunterkunft für eine wohnungslose Familie
Berliner Notunterkunft für eine wohnungslose Familie

»Na sag mal, ist denn hier heute Tag der Offenen Tür?«, wundert sich eine Bewohnerin. Die ältere Frau steigt am Montagmorgen die Treppen im Familienhaus im Erstaufnahmeheim Forckenbeckstraße hinauf und muss sich an den Medienvertreter*innen vorbei schlängeln, die eingeladen sind, sich am Beispiel ihres Zuhauses anzuschauen, wie es aussehen kann, wenn wohnungslose Menschen bedarfsgerecht untergebracht werden.
Dies berlinweit zu ermöglichen, ohne dass Privatanbieter aus der Not der Menschen noch Profit schlagen, ist das Ziel der Gesamtstädtischen Steuerung der Unterbringung wohnungsloser Menschen, die im September gestartet ist.

Sie soll eine »Brückenfunktion« bei der Überwindung der Wohnungs- und Obdachlosigkeit in Berlin bis zum Jahr 2030 übernehmen, erklärt Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke). Das System dahinter funktioniere wie ein »Hotelbuchungssystem«. So werde eingegeben, ob ein Platz für einen Mann oder eine Frau gebraucht wird, ob der Platz rollstuhlgerecht sein oder ob eine ganze Familie kindgerecht untergebracht werden sollte. Auch soll aufgeführt werden, ob es neben einer räumlichen Ausstattung zusätzlich sozialarbeiterische Unterstützung gibt. »Menschen mit Suchterkrankung haben einen anderen Schwerpunkt im Leben, sie verlassen die Unterkünfte auch spontan wieder«, sagt Breitenbach zu »nd«. Tauchen sie drei Tage lang nicht in der Unterkunft auf, wird der Platz wieder frei gegeben. Damit gehe alles wieder von vorn los oder sie bleiben ohne Obdach. Zukünftig solle eine direktere Kommunikation es ermöglichen, dass die Betroffenen auch nach einiger Zeit wieder in die Unterkünfte zurückkehren könnten. »Es muss möglich sein, dass Menschen sich entscheiden können, welchen Weg sie gehen und trotzdem nicht allein bleiben«, betont die Sozialsenatorin.

Mit dem System sollen stadtweit alle Orte erfasst werden, in denen Menschen gemäß ihres Rechts auf Unterbringung eine Unterkunft finden können. Sie müssen Qualitätsstandards einhalten, die vorab geprüft und regelmäßig kontrolliert werden. Bisher obliegt die Regelung den Bezirken. Diese handhaben das Prozedere sehr unterschiedlich. Nicht immer steht das Wohl der Betroffenen im Vordergrund. »Es gibt Bezirke, da heißt es zu Unterbringung von Wohnungslosen und Geflüchteten: ›Ja, das ist wichtig, aber nicht bei uns‹«, kritisiert die Senatorin. Charlottenburg-Wilmersdorf gilt demgegenüber als Positivbeispiel. »Wir schaffen es, Menschen würdevoll unterzubringen und die ›Glücksritter‹ auszuschalten, die über die Unterbringung Geld verdienen«, erklärt dazu der Bezirkssozialstadtrat Detlef Wagner (CDU). Wagner lobt nicht nur die Zusammenarbeit mit der Linke-Senatorin, sondern erklärt die Gesamtstädtische Steuerung auch aus »Praktikersicht« zur »ganz großen Sache«.

Das neue System wird nun als Pilotprojekt in Mitte und Charlottenburg-Wilmersdorf sowie im Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten erprobt. Insgesamt fünf Unterkünfte für verschiedene Zielgruppen werden über das neue Verfahren belegt. Auch die Unterkunft in der Forckenbeckstraße gehört dazu. 103 Menschen sind hier in zwei verschiedenen Gebäuden untergebracht. »Es gibt Ein- , Zwei- und Dreibettzimmer im Männerhaus und im Familienhaus, die wir an alleinstehende Männer, an Paare, Alleinerziehende oder Familien vergeben können«, erklärt der Leiter der Einrichtung, Clemens Ostermann. Viele bleiben auch langfristig hier, weil sie das Umfeld und die Unterstützung schätzen, zumal es kaum möglich sei, auf dem Berliner Wohnungsmarkt ein Zuhause zu finden. Allein ein Eintrag in das Schufa-Register stelle dabei ein schier unüberwindbares Hindernis dar, sagt Ostermann. »Hier können die Menschen zur Ruhe kommen«, erklärt der Leiter, während er einen Teil der Räume zeigt, die gerade nicht belegt sind. Manche der Bewohner*innen blieben über mehrere Jahre, sie sehen die Unterkünfte als ihr Zuhause an.

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