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Entpolitisierung könnte Impfkampagne befördern

Kommunikationsexperten glauben nicht an große Erfolge der Aktionswoche. Nötig wäre eine effizientere und zielgerichtete Aufklärungsarbeit, aber nicht durch den Staat

  • Von Kurt Stenger
  • Lesedauer: 5 Min.
Der Bundespräsident überwacht, ob bei einer Impfaktion der Malteser an einer Berliner Schule alles korrekt abläuft. Besser liefe es aber, wenn sich Politiker heraushielten.
Der Bundespräsident überwacht, ob bei einer Impfaktion der Malteser an einer Berliner Schule alles korrekt abläuft. Besser liefe es aber, wenn sich Politiker heraushielten.

»Man sollte positiv über die Impfbereitschaft berichten und keine falschen Signale senden«, meint Katrin Schmelz vom Exzellenzcluster »Die Politik von Ungleichheit« der Universität Konstanz. In Politik und Medien wird aus Sicht der Psychologin viel zu sehr über die Probleme gesprochen. Das habe negative Folgen: »Impfbereitschaft ist ansteckend, Impfskepsis aber auch«, so die Expertin für Verhaltensökonomie. »Menschen folgen dem Herdentrieb: Wenn die bisher Ungeimpften hören, dass die Kampagne stockt, wähnen sie sich in guter Gesellschaft.« Man müsse besser kommunizieren, dass sich allein in den vergangenen beiden Wochen eine Million Menschen zum ersten Mal haben impfen lassen. Die wirklich harte Gruppe der Impfgegner liege konstant bei unter fünf Prozent der Bevölkerung.

Tatsächlich sind 62,3 Prozent der deutschen Bevölkerung mittlerweile vollständig gegen Covid-19 geimpft; das sind 51,7 Millionen Bundesbürger. Eine stolze Zahl, denkt man einige Monate zurück, als die Impfkampagne unter anderem wegen knapper Vakzine nur schleppend vorankam. Bedenkt man zudem, dass Kinder unter zwölf Jahren bisher nicht geimpft werden dürfen, ist die Situation noch besser: Bei Erwachsenen liegt die Quote schon jenseits der 70-Prozent-Marke, die manche Epidemiologen als wichtige Schwelle im Kampf gegen Corona ansehen, wenn dies mit weiteren Maßnahmen verbunden ist.

Allerdings könnte es schneller gehen, da Impfstoffe hierzulande im Überfluss vorhanden sind. Aus diesem Grunde hat die Bundesregierung nun die Aktionswoche unter dem Motto #HierWirdGeimpft gestartet. Unterstützt etwa vom Einzelhandelsverband HDE soll es dabei Impfangebote beispielsweise beim Einkaufen geben. Dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die jetzt umgarnte Zielgruppe erst vor wenigen Tagen wieder pauschal als »Impfmuffel« verunglimpfte, dürfte da kontraproduktiv gewesen sein. Experten vermuten zwar, dass ein Impfzelt neben dem Bratwurststand am Baumarkt oder Möbelhaus sicher nicht schaden, aber wohl auch nicht viel bringen wird. Statt irgendwo irgendwas zu machen, wäre es effektiver, zielgerichtete Aktionen für bestimmte Bevölkerungsgruppen durchzuführen, was eigentlich zum Einmaleins der Epidemiologie gehört.

Dazu müsste man aber erst einmal wissen, welche Gruppen sich nicht impfen lassen und warum dies so ist. Leider kann auch die oberste Fachbehörde des Bundes, das dem Gesundheitsministerium unterstellte Robert-Koch-Institut (RKI), nicht weiterhelfen, da es wegen Datenschutzhindernissen dies nicht erheben darf. Im Juli hatte das RKI stattdessen vorgegeben, dass sich eine vierte Welle nur verhindern lasse, wenn bei den 18- bis 59-Jährigen eine Impfquote von 85 Prozent erreicht werde. Da dies nicht gelungen sei, kündigte Behördenchef Lothar Wieler vor wenigen Tagen mit unglücklicher Wortwahl einen »fulminanten Verlauf« der vierten Welle in den kommenden Monaten an.

Wer etwas über das Impfverhalten der Bevölkerung wissen will, muss sich anderweitig umhören: etwa beim Covid-19 Snapshot Monitoring (Cosmo) der Universität Erfurt, einer regelmäßig durchgeführten, repräsentativen Befragung zum Thema. Demnach sagen 56 Prozent der nicht Geimpften strikt Nein – aus politischer Haltung, aus gesundheitlichen Gründen oder wegen überstandener Infektion. Allerdings wollen sich etwa 20 Prozent auf jeden Fall noch impfen lassen, weitere 24 Prozent sind unsicher oder zögerlich. Auf diese müsste man sich jetzt konzentrieren. »Vor allem Frauen sind bisher zögerlich«, erläutert Cosmo-Leiterin Cornelia Betsch. Mit der jetzt erfolgten Impfempfehlung für Schwangere könnte sich dies ändern, so die Hoffnung der Professorin für Gesundheitskommunikation. Ebenfalls stark vertreten sind demnach Jüngere, Ostdeutsche, Bürger mit niedriger Bildung und Menschen mit Migrationshintergrund. Letztere, meint Betsch, könnten vielleicht über die Kinderimpfungen erreicht werden. Bei Kinderimpfungen wiederum bremsen eher die Eltern, da sie sich nicht ausreichend informiert fühlen.

Unterteilt man die Ungeimpften nach Ost und West, gibt es laut Cosmo keinen Unterschied bei der Quote der Ablehnung der Regierung (18 Prozent). Ostdeutsche hätten hingegen weniger Vertrauen in die Impfstoffe, sie schätzten das Risiko einer Covid-Erkrankung geringer ein, und sie verließen sich mehr auf andere, die ja schon in großer Zahl geimpft sind.

Cornelia Betsch verlangt ein »offensives Informationsangebot«, um mehr Leute zum Impfen zu motivieren. Dabei müsste man Folgendes klarmachen: »Es ist eine Gesundheitsentscheidung, die getroffen werden muss, und keine politische Entscheidung.« Aufgeklärt werden müsse über den individuellen Nutzen, die Sicherheit der Impfstoffe, den Schutz auch anderer; Falschinformationen müssten entkräftet werden. Besonders wichtig: Die Aufklärung müsse über Ärzte und Wissenschaftler laufen, nicht über Politiker.
Doch wie erreichen die Informationen die Zielgruppen? Laut Felix Rebitschek, Leiter des Harding-Zentrums für Risikokompetenz an der Universität Potsdam, sollten unbedingt Arbeitgeber, Vereine und Verbände einbezogen werden. Medizinfachverbände sollten Ärzten Infos bereitstellen und diese ihre nicht geimpften Patienten ansprechen. Es brauche aber auch Rückmeldungen, wo es warum Probleme gibt. Cosmo-Leiterin Betsch findet zudem niedrigschwellige, kreative GrassRoots-Aktionen erfolgreich, wie es sie an Schulen oder von Medizinstudenten und an Universitäten gibt.

Eine Impfpflicht, selbst die Debatte darüber, halten die Experten dagegen eher für kontraproduktiv. Psychologin Schmelz kritisiert etwa Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock, die sich bei einem Triell für eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen aussprach. Zentral für den Kampagnenerfolg sei nämlich das Vertrauen in Institutionen und Regierung, wie man etwa in Dänemark sieht. Dieses werde beschädigt, wenn eine Impfpflicht erst über Monate ausgeschlossen wurde und jetzt womöglich doch kommen soll. Ein weiteres Argument für eine Entpolitisierung der Impfkampagne.

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