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Holz als Klimakiller

Exporte nach China werden vor dem Seetransport mit einem toxischen Gas behandelt

  • Von Hermannus Pfeiffer, Hamburg
  • Lesedauer: 4 Min.
Internationaler Holzhandel kann in Sachen Klimaschutz auf den Holzweg führen.
Internationaler Holzhandel kann in Sachen Klimaschutz auf den Holzweg führen.

Die Holzpreise in Deutschland schossen während dieses Sommers in den Himmel. Einer der Gründe dafür ist die sehr hohe Nachfrage aus Übersee. Vor allem China kauft mittlerweile große Mengen an Rundholz aus hiesigen Wäldern. Die Stämme werden in Containern nach Hamburg transportiert und dann auf Seeschiffe verladen. Doch zuvor müssen sogenannte Schädlinge bekämpft werden. In der Hansestadt wurde das kürzlich zu einem Politikum.

Bis zu dreimal wöchentlich kommen in Hamburg Güterzüge aus Warstein im Sauerland in Nordrhein-Westfalen an. Mit diesen gelangt auch viel Holz in den Hafen, das von hier aus in die Welt verschifft wird. Mit seinen fast 300 000 Hektar Waldfläche nimmt das Sauerland bundesweit eine wichtige Position als Rohstofflieferant ein. Ein großer Teil des Waldes ist sogenanntes Kalamitätsholz, von Borkenkäfern befallene Bäume. Solche lassen sich in Deutschland kaum verkaufen, sollen aber schnellstmöglich aus dem Forst verschwinden. Das ist mehr oder weniger in allen deutschen Mittelgebirgen mittlerweile eine Herausforderung. Von diesem vergleichsweise preiswerten Kalamitätsholz profitieren Käufer in Übersee.

Die abgeholzten Bäume werden am Waldrand direkt in Container verladen. Zwar gibt es immer wieder Versuche, Nutzholz als offene Ladung zu befördern. »Jedoch kann sich diese Methode gegenüber dem Containertransport nicht durchsetzen, der ein rundum einfacheres und zuverlässigeres Handling verspricht«, erklärt eine Sprecherin von Hamburg Hafen Marketing (HHM). Das treffe besonders auf asiatische Märkte zu, in denen sich die meisten Seehäfen auf Container spezialisiert hätten.

Aus den Wäldern wird die tonnenschwere Ladung per Lkw nach Warstein transportiert. In der 30 000-Einwohner-Stadt am Nordrand des Sauerlandes betreibt die gleichnamige Brauerei seit 2005 ein hauseigenes Terminal mit drei wöchentlichen Verbindungen nach Hamburg. Um die Züge auszulasten, können allerdings auch andere Verlader aus der Region das Terminal nutzen.

Die Holztransporte aus Warstein wickelt das Hamburger Speditionsunternehmen Fr. Meyer’s Sohn ab. »Eine nachhaltige und ökonomisch sinnvolle Lösung, unter Einbezug der Verlagerung von Verkehren auf die Schiene, stand bei uns im Vordergrund«, erklärt ein Firmensprecher. Bevor jedoch die Stämme vom Eurokombi-Terminal Hamburg aus nach Übersee verschifft werden können, müssen einige Auflagen zur Schädlingsbekämpfung erfüllt werden. Direkt nach Ankunft im Hafen findet daher eine »Begasung« der Container statt. Dies geschehe unter Einhaltung aller gesetzlichen Vorschriften und Genehmigungen, versichern Speditionsunternehmen und der Hafenverband HHM.

Für die Begasung wird Sulfurylfluorid (SO2F2) eingesetzt. Mit dem farb- und geruchlosen, nicht brennbaren Gas können ganze Gebäude behandelt werden. Nach Auskunft von Smartgas, einem Hersteller von Messgeräten in Heilbronn, wird Sulfurylfluorid auch häufig zur Begasung von Überseecontainern verwendet, um die Verbreitung invasiver Arten einzudämmen. Das Gas wird an Land zudem als Insektizid zur Schädlingsbekämpfung bei Getreide, Nüssen und Trockenfrüchten eingesetzt.

Doch SO2F2 ist auch ein wahrer Klimakiller: Das Gas soll eine 4090-fach stärkere Klimawirkung als Kohlendioxid haben. Dies geht aus einer Anfrage der Linksfraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft hervor. Der entsprechenden Antwort zufolge hat der rot-grüne Senat bislang keine Maßnahmen eingeleitet, um die Verwendung des Gases zu stoppen. »Mir bleibt die Spucke weg angesichts dieser Politik des Aussitzens«, schimpft Stephan Jersch, umweltpolitischer Sprecher der Linksfraktion. »Der Senat duckt sich weg und verweigert sich notwendigem Handeln.«

Ein weiterer Aspekt, den bisher offenbar noch niemand im Blick hat, ist die Frage der Arbeitssicherheit der Beschäftigten. Auch die Gewerkschaft Verdi, die Hafenarbeiter vertritt, zeigt hier auf Anfrage bisher kein Problembewusstsein.

Mittlerweile liegt immerhin ein Vorgutachten der Technischen Universität Hamburg-Harburg zu den Klimaauswirkungen des Gases vor. Darin wird auf eine Problematik hingewiesen, die andere Bundesländer bereits erkannt haben. Ein Beschluss des Bundesrates vom Mai dieses Jahres zielt darauf ab, das Klimagas durch harmlosere technische Verfahren zu ersetzen - die es aber offenbar für den industriellen Einsatz noch nicht gibt.

Im Hamburger Hafen werden monatlich bis zu 150 000 Quadratmeter mit Sulfurylfluorid begast. Laut Berechnungen des Umweltbundesamtes entsprechen die Umweltauswirkungen des Einsatzes allein in Hamburg, umgerechnet in Euro und Cent, einem Schaden von bis zu 605 Millionen Euro im Jahr, wenn man die langfristigen Folgen berücksichtigt.

Die Zulassung für Sulfurylfluorid in der EU gilt noch bis zum 31. Oktober 2023. Das Gas befindet sich, so der Hamburger Senat, derzeit zudem in der Neubewertung beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit; auch das Umweltbundesamt sei daran beteiligt. Da mit einer weiter zunehmenden Nutzung des nachhaltigen Rohstoffes Holz zu rechnen ist, sollten die Verantwortlichen das Thema nicht auf die leichte Schulter nehmen.

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