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Ein anderes Jetzt ist möglich

Yanis Varoufakis erträumt sich in seinem neuen Buch eine paradiesische Welt

  • Von Stefan Berkholz
  • Lesedauer: 4 Min.
Wie könnte eine gerechte und gleichberechtigte Gesellschaft aussehen? Kann es Wohlstand und Wachstum geben, ohne die Erde zu ruinieren? Ist der Mensch in der Lage, all seiner Fehler zum Trotz, eine gute, friedvolle Gesellschaft zu gestalten? Yanis Varoufakis hat ein aufregendes Gedankenexperiment angestellt, der Titel seines Buchs: »Ein anderes Jetzt. Botschaften aus einer alternativen Gegenwart«. Darin gibt Varoufakis so radikale wie subversive Antworten.

Streckenweise ist das schwere Kost, dem Leser wird in diesem Buch einiges abverlangt. Yanis Varoufakis, der Wirtschaftswissenschaftler und 2015 kurzzeitige Finanzminister Griechenlands, entfaltet ein weiteres Mal seine wirtschaftspolitischen und antikapitalistischen Überlegungen und Visionen, diesmal in einer gefällig wirkenden Form wie ein Roman.

Drei Figuren setzt Varoufakis in Szene, um sie miteinander ringen und debattieren zu lassen: Da ist Eva, eine libertäre Ex-Bankerin, die nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers Wirtschaftswissenschaften zu studieren beginnt; Iris, eine marxistische Feministin, die nach dem Siegeszug von Margret Thatcher in den 80er Jahren politisch aufgegeben hat und sich mit dem Knüpfen von Wandteppichen begnügt; und schließlich Costa, ein technisch hochbegabter Eigenbrötler und Einzelgänger, der sein Talent nicht länger den Profitinteressen von Konzernen unterwerfen will.

Alle drei sind desillusioniert, alle drei sind auf ihre Weise aus ihren eigentlichen Aufgaben und Funktionen ausgestiegen und werkeln für sich allein. Alle drei finden sich, raufen sich zusammen und suchen im Geist nach einem neuen Weg, der aus der Klemme Kapitalismus mit Aktienmarkt, Finanzhandel und Megakonzernen hinausführt.
Der Grieche Costa hat mit aufwendigen Computerprogrammen Blicke in die Zukunft, in eine andere Welt, erschlossen, in »Ein anderes Jetzt«, wie der Titel des Buches lautet, und nach und nach macht er mit »Botschaften aus einer alternativen Gegenwart« bekannt, so der Untertitel.

Im Disput ziehen die drei Intellektuellen Bilanz, blicken zurück und schauen in eine, in ihre, in unsere Zukunft. 2008, im Bankencrash, habe sich die Finanzwelt aufgelöst. 2020, unter der Pandemie, zerfielen alle Märkte auf dem Planeten – »mit Ausnahme derjenigen für Beatmungsgeräte, Desinfektionsmittel und Toilettenpapier«. 2023, also in zwei Jahren unserer Zeit, sei der Kipppunkt des Klimawandels überschritten worden, »als die letzten Gletscher der Erde beinahe vollständig geschmolzen sind«.

Und nun blicken wir ins Jahr 2025, jenes Jahr, das auch Varoufakis’ politische, digitale Jugendbewegung als Ziffer im Namen trägt, »DiEM25«, Democracy in Europe Movement 25. Eine schöne neue Welt wird erträumt: Die Unternehmen sind demokratisiert und vergesellschaftet worden, es gibt keine Hierarchien mehr, keine Banker, keine Aktienmärkte und keine Makler, »Privateigentum an Unternehmen, Land, Kredit und Geldschöpfung« ist überwunden, also die »demütigende Armut durch Erbe und Dividende«, wie es heißt; es gibt ein »Grundeinkommen für alle«.

Es hat eine Revolution stattgefunden, »um in allen Lebensbereichen Rivalität durch Kooperation zu ersetzen«, heißt es. Die Internetkonzerne sind umgestaltet worden, sodass zielgerichtete, personalisierte Werbung, das derzeitige Milliardengeschäft, ausgeschlossen ist. Doch auch in dieser neuen Gesellschaft gibt es »Ärger im Paradies«, wie Kapitel sieben benannt ist. Wieder tauchen Mörder und Betrüger auf, die Bürgerversammlungen sind unvollkommen, internationale Solidarität herzustellen sei schwer oder nahezu ausgeschlossen.

Und das Patriarchat lebt noch »wie eine unverwüstliche Kakerlake fort«, heißt es, Sex ist weiterhin ein Macht-, ein Tauschverhältnis. Zudem stellt sich auch in dieser neuen Gesellschaft die Frage, ob Wirtschaftswachstum Umweltzerstörung verhindern könne und ob das ewige Profitstreben des Menschen tatsächlich aus den Köpfen zu kriegen ist.
Wer die Durststrecken und proseminarbehafteten Vortragspassagen übersteht, erkennt schließlich die Tiefe und Überzeugungskraft eines aufregenden, überwältigenden, beinahe erschlagenden Gedankenexperiments. Wie stimmig Varoufakis’ wirtschaftspolitische Überlegungen tatsächlich sind, werden Fachleute genauer bewerten.

Der 60-jährige Yanis Varoufakis belegt mit diesem Buch zweifellos erneut, dass er einer der interessantesten, diskussionsfreudigsten und herausforderndsten Denker unserer Zeit ist. Ein bewundernswerter, ein großartiger Essay, der zugleich Visionen bietet, liegt vor. Erzählt als Traum für den Moment, der wahr werden könnte.

Yanis Varoufakis: Ein anderes Jetzt. Botschaften aus einer alternativen Gegenwart. A. d. Engl. v. Ursel Schäfer. Kunstmann, 256 S., geb., 24 €.

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