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»Wenn es vergessen wird, kann es wieder passieren«

Zivilgesellschaftliche Initiativen beweisen seit 30 Jahren, dass Hoyerswerda aus dem dunklen Fleck seiner Geschichte gelernt hat

  • Von Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 4 Min.
Dacid Macau lebte zwölf Jahre in Hoyerswerda und arbeitete als Schweißer in einem Braunkohlebetrieb. 1991 wurde er in sein Herkunftsland Mosambik und den dortigen Bürgerkrieg abgeschoben. Ein ausländerfeindlicher Mob hatte in der sächsischen Stadt vor dem Wohnheim randaliert, in dem er und andere Vertragsarbeiter wohnten. Die Behörden wussten sich keinen besseren Rat, als die Opfer eilig außer Landes zu bringen.

Jetzt kehrt Macau nach Hoyerswerda zurück. Er wird bei einem Gedenkwochenende zum 30. Jahrestag der ausländerfeindlichen Ausschreitungen auftreten, am Samstag auf einem Podium über seine Erinnerungen an den September 1991 und die Jahre danach berichten, eine Ausstellung eröffnen, der Premiere eines Dokumentarfilms beiwohnen. Details wie die offizielle Einladung an Macau markieren eine Zäsur in der Weise, wie die Stadt mit dem schwarzen Fleck in ihrer Geschichte umgeht, sagt Cindy Paulick: »Man hört Betroffene an, lässt Meinungen von außen zu und geht aktiv mit dem Thema um.« Paulick arbeitet bei der Regionalen Arbeitsstelle für Bildung, Demokratie und Lebensperspektiven (RAA) Hoyerswerda. Der Verein wurde 1993 gegründet, als »direktes Ergebnis« der Ereignisse zwei Jahre zuvor, sagt Geschäftsführerin Evelyn Scholz. Es sei »klar gewesen«, dass eine Wiederholung nur vermieden werden könne, »wenn wir schon Kinder und Jugendliche für Weltoffenheit, Toleranz und Demokratie begeistern«. Dem widmet sich die RAA seither mit viel Energie. Erinnerungspolitik spielt eine wichtige Rolle. Seit 26 Jahren gibt es ein gemeinsames Projekt mit der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten. Die DDR-Geschichte wird aufgearbeitet, und auch die Ausschreitungen von 1991 sind Thema, sagt Paulick, die im Verein die politisch-historischen Projekte koordiniert: »Für heutige Schüler ist das ja eigentlich nur noch ein Ereignis aus dem Geschichtsunterricht.«

Die RAA ist Teil einer regen Zivilgesellschaft, die in der 32.000 Einwohner zählenden und von Strukturbrüchen geschüttelten Stadt in der Lausitz ein buntes und vielfältiges Leben gestaltet, sich für Weltoffenheit einsetzt und beweisen will, dass man aus der eigenen Geschichte gelernt hat. Als 2014 ein Flüchtlingsheim eröffnet wurde – ein Ereignis, das 23 Jahre nach den Ausschreitungen als »zweite Chance« für Hoyerswerda bezeichnet wurde –, organisierte die RAA mit Gleichgesinnten etwa aus Kirchen Hilfe für Flüchtlinge. Das Bündnis »Hoyerswerda hilft mit Herz« bringt seither Migranten und Alteingesessene zusammen – mit Erfolg, sagt Scholz: »Wir haben die zweite Chance genutzt.« Man ließ sich auch von Rückschlägen nicht entmutigen. 2006 feierten Nazis mit einer Demonstration, dass 15 Jahre zuvor die Stadt »ausländerfrei« gemacht worden sei, wie es zynisch hieß. Viele in Hoyerswerda fanden das »entwürdigend« und reagierten mit der Gründung einer Initiative Zivilcourage, die jetzt das Gedenkwochenende organisiert hat. Die RAA war Mitgründerin.

Lange traf das Engagement in der Bürgerschaft aber auf zwei Schwierigkeiten. Zum einen beschäftigte die Stadtpolitik scheinbar weniger die Ausschreitungen von 1991 als vielmehr die Folgen, die das für den Ruf der Stadt hatte. Deren Name galt bundesweit als Synonym für dumpfen Ausländerhass. Nicht wenige in Hoyerswerda fühlten sich zu Unrecht an den Pranger gestellt und verbaten sich Belehrungen von außen. Die Erinnerung an die Übergriffe »behalten wir Hoyerswerdaer uns selbst vor«, sagte Ex-PDS-Rathauschef Horst-Dieter Brähmig 2006.

»Das Gefühl war, dass die Geschichte mit uns anfängt« - Früher war in Hoyerswerda alles möglich, für die »Kinder von Hoy«. Ein Gespräch mit der Autorin und Regisseurin Grit Lemke

Die Kehrseite davon ist eine überregionale Wahrnehmung der Stadt, die auch Engagierte wie Scholz als ungerecht empfinden. Zu Jahrestagen der Ausschreitungen kämen regelmäßig Journalisten, die weniger über die mühevolle Auseinandersetzung mit der Stadtgeschichte berichteten, sondern »ihr Bild bestätigt sehen« wollten und Indizien dafür suchen, dass Hoyerswerda gewissermaßen noch immer ein braunes Nest ist.
Die RAA-Chefin will nichts schönreden in einer Stadt, in der jeder Dritte die AfD wählt. Sie ist auch weit entfernt davon, einen Strich unter 1991 ziehen zu wollen. »Die Erinnerung muss wach bleiben«, sagt sie: »Wenn es vergessen wird, kann es wieder passieren.« Gleichwohl hofft sie, dass auch Bemühungen stärker gewürdigt werden, in Hoyerswerda aus der Geschichte zu lernen.

Vielleicht ist das Gedenkwochenende ein Anlass dafür. Es ist ein Wochenende, das die Stadtpolitik maßgeblich mitträgt: »Nur wenn man die Ereignisse aus dem Herbst 1991 als Teil der Stadtgeschichte von Hoyerswerda annimmt, kann das zu (...) Versöhnung führen«, sagt SPD-Rathauschef Torsten Ruban-Zeh in einem Grußwort. Und es ist ein Gedenken, bei dem unbequeme Fragen erwünscht sind, etwa bei einem »Critical Walk« zu Originalschauplätzen von 1991 am Samstag. Zu den bemerkenswertesten Veranstaltungen gehört ein Podium, auf dem Vertreter aus Hoyerswerda und aus den drei anderen Städten sitzen, die 1991 zum Inbegriff von Ausländerhass wurden: Rostock, Mölln und Solingen. »Wir wollen drei Jahrzehnte des Erinnerns reflektieren«, sagt Cindy Paulick – mit Kommunalpolitikern aus allen vier Städten und mit Betroffenen wie David Macau.

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