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  • 1. FC Union Berlin

Verloren, aber glücklich

Besonders die Fans des 1. FC Union feiern in Prag die Europapokalteilnahme ihres Klubs - und sich selbst

  • Von Matthias Koch, Prag
  • Lesedauer: 4 Min.

In Prag kehrte am Freitagmittag wieder ein bisschen mehr Ruhe ein. Spätestens da waren die meisten der mehr als 3000 Anhänger des 1. FC Union Berlin wieder auf dem Heimweg. Seit Mittwoch hatten viele von ihnen die Goldene Stadt belagert. An den Touristen-Hotspots wie der Karlsbrücke, der Prager Burg und am Altstädter Ring gehörten die rot-weißen Vereinsfarben der Köpenicker für rund 48 Stunden zum Stadtbild dazu. Nur das Union-Graffito am Ufer der Moldau bleibt sicher noch eine Weile länger.

Das erste Spiel der Eisernen in der Gruppenphase der Europa Conference League zog alte und junge Unioner in den Bann. Auch die Ultras waren mal wieder am Start. Nicht nur weil die Europapokalspiele nach 20-jähriger Abstinenz ein absoluter Höhepunkt des Vereins sind. Die aktive Fanszene rückte auch geschlossen an, weil Tickets im freien Verkauf erworben werden konnten. Zudem musste man nach erfolgreichem 3G-Nachweis im Sinobo Stadium keine Maske tragen.

Die 15 286 Besucher sorgten bei Prager Dauerregen, der auch die Zuschauer trotz Überdachung nicht verschonte, für eine tolle Atmosphäre. Daran änderte für die Berliner Zuschauer auch die 1:3-Niederlage ihrer Mannschaft nichts. Sie honorierten den tollen Kampf der Berliner Elf von Kapitän Christopher Trimmel, auch weil die Gäste nach der gelb-roten Karte für Innenverteidiger Paul Jaeckel über eine Halbzeit lang in Unterzahl hatten agieren müssen.

Kollektives Ausflippen

Nach dem Abpfiff wurde Union ganze acht Minuten lang mit Gesängen gefeiert. Hätte Trimmel dann nicht die Initiative ergriffen und die Spieler vom Feld geführt, wäre es wohl noch länger so weiter gegangen. »Die Fans würden uns auch feiern, wenn wir 0:5 verlieren würden. Das ist für sie auch ein Bonus-Wettbewerb, den wir uns im letzten Jahr erspielt haben. Trotzdem wollen wir etwas mitnehmen«, sagte Angreifer Max Kruse. »Die Unterstützung ist ein wichtiges Plus für uns. Man hat gesehen, wie viele wieder hier waren. Auch die nächsten Donnerstage werden sicher so stimmungsvoll sein.«

Nach dem zwischenzeitlichen 1:1-Unentschieden stand Union in der Gruppe E, in der sich am Dienstag Maccabi Haifa und Feyenoord Rotterdam 0:0 getrennt hatten, vor einem Achtungserfolg. Der eingewechselte Angreifer Kevin Behrens hatte in der 70. Minute für ein kollektives Ausflippen der Anhänger gesorgt, als er eine schöne Kombination über die ebenfalls eingewechselten Offensivakteure Andreas Voglsammer und Sheraldo Becker erfolgreich abschloss.

Doch dann schlug der tschechische Meister durch Tore von Jan Kuchta (84.) und Ivan Schranz (88.) zurück. Er machte Union sinnbildlich nackig - in einer Phase, in der sich gerade Hunderte Slavia-Ultras die Oberteile ausgezogen hatten.

Erste Niederlage der Saison

»Wir brauchten einen Moment, um ins Spiel zu kommen. Dann wurde es besser bis die gelb-rote Karte kam. Da haben wir ein bisschen Lehrgeld gezahlt«, fasste Berlins Trainer Urs Fischer die Partie zusammen, ohne große Enttäuschung erkennen zu lassen. »Die Mannschaft hat es in der zweiten Hälfte sehr gut gemacht und diesen Ausgleich mehr als verdient. Am Schluss kam ein bisschen Pech dazu. Das 2:1 entstand eher zufällig. Schade, dass wir nichts mitgenommen haben.«

Für Union gab es in Prag somit die erste Niederlage in einem Pflichtspiel dieser Saison. Das muss kein Rückschlag sein. Aber die kommende Bundesliga-Aufgabe am Sonntag (17.30 Uhr) bei Borussia Dortmund hat es in sich. Union reist als krasser Außenseiter an. Fischer dürfte zudem auf einigen Positionen rotieren lassen. Vielleicht bekommen nicht mehr ganz so schnelle Spieler wie Trimmel und Kruse zunächst eine Bankpause.

Von einer Dreifachbelastung durch den Europacup möchten die Wuhlheider dennoch nicht sprechen. »Das Wichtigste ist, dass es Spaß macht. Für uns ist es niemals eine Belastung. Jeder möchte dabei sein. Und wenn man Freude hat an dem was man tut, entwickelt man Kräfte, die man vorher gar nicht kannte«, sagte Präsident Dirk Zingler. »Es fühlt sich sensationell gut an. Wir sind einen weiten Weg gegangen, die Fans, der gesamte Verein, die Mitarbeiter, die Vereinsführung. Jetzt spielen wir in Europa. Es ist ein schönes Gefühl.«

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