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Mann: Made in GDR

Selbstauskünfte aus dem Osten

  • Lesedauer: 10 Min.

Wendeverlierer, Abgehängte, Rechtspopulisten - das sind die Zuschreibungen für Männer aus dem Osten Deutschlands. Ellen Händler und Uta Mitsching-Viertel lassen die Klischees beiseite und die Ostmänner selbst zu Wort kommen. Stück um Stück entsteht ein differenziertes, vielschichtiges Bild der Lebenswirklichkeiten in Ostdeutschland vor und nach der Wende. Die Autorinnen führen die Leserinnen und Leser durch achtzig Jahre deutscher Geschichte.

Aus dem Geleitwort von Matthias Platzeck

Für viele westdeutsche Landsleute ist der Blick auf den Osten bis heute davon bestimmt, oder besser getrübt, dass oft relativ eintönige und einheitliche Biografien erwartet werden. Was soll es im Osten schon Spannendes gegeben haben? Welch ein Irrtum! Immer wieder schimmert aus den Schilderungen sehr deutlich, dass die DDR eine Arbeitsgesellschaft war - vieles, auch im privaten Leben, rankte sich um den Betrieb, die Brigade … 1989/90 hat keine neue Zeitrechnung bei null begonnen. Es war eine politische und gesellschaftliche Zäsur, aber die Lebensläufe, die Biografien schrieben sich fort. Was nach diesem Einschnitt passierte, hing oft eng mit den Jahrzehnten davor zusammen - im Guten wie im Schlechten.

Werner, Jahrgang 1956, drei Kinder, verheiratet in erster Ehe

Ost: Konditor; West: Außendienstmitarbeiter, Verkaufsleiter Pharmadienst, Geschäftsführer

Gott hat uns hierher gestellt, und wir wollen unsere Rolle wahrnehmen

Ich habe in den Jahren festgestellt, dass der Ostmann und der Westmann total unterschiedlich sind. Beiden ist wichtig, dass es Regeln gibt. Regeln, an denen man sich orientieren kann. Der Ostmann will sie, um sich an sie zu halten. Der Westmann will sie, um sich kurz danach als Ausnahme von den Regeln zu definieren. Der Wessi belastet einen ständig damit, davon auszugehen, dass er die Ausnahme ist. Das werde ich nie verstehen. Er ist immer ein Einzelfall und deshalb oft so ein Individualist. Sie sind kaum Teamspieler, sondern es geht immer um die eigene Verwirklichung. Ich bin sicher alles andere als ein Kommunist, aber wenn man sich nie in den Dienst der Sache stellt, sondern nur auf sich guckt und denkt, wie man am besten durchkommt, kann das nicht funktionieren. Der Ostmann will die Sache weiterentwickeln, der Westmann es selbst zu was bringen. Das ist Egoismus …

Douglas, Jahrgang 1950, drei Kinder, verheiratet in erster Ehe

Ost: Offizier, Kneipier; West: Kneipier, Gaststättenleiter

Ich wollte mit achtzehn die Enge meines Zuhauses unbedingt verlassen

Ich habe die Wende in der Kneipe mitbekommen und sofort begriffen, dass unsere gute Zeit jetzt langsam dem Ende entgegen geht. Ich wusste genau, dass alles, was ich mir aufgebaut hatte, vorbei sein würde. Autos und anderes würde keinen Wert mehr haben. Das Materielle bekäme nun die Oberhand. Bei mir stiegen am Abend keine Freudenraketen in den Himmel. Die Währungsunion spülte uns noch einmal Geld in die Kassen. Die Wessis haben sich tot gelacht über unser Geld. Sie aßen vom Feinsten für nichts oder wenig und waren die Besatzer, allerdings auch in vielen Fragen schlauer …

Bernd H., Jahrgang 1949, zwei Kinder, verheiratet in erster Ehe

Ost: Agrotechniker, Maurer; West: Maurer

Das sind Ossis, die können nichts

Meine Mutter war immer zu Hause, denn wir waren elf Kinder. […] Mein Vater war sehr streng, es herrschte Ordnung in der Familie. Unser Name ist im Dorf noch heute Programm. Es standen immer abends elf Paar Schuhe in einer Reihe. Ein Pfiff vom Vater - ein Ton, den wir ganz genau kannten - und jeder von uns Kindern kam aus seiner Ecke. Ich war ein ängstliches Kind. Ich erinnere mich an einen Abend, an dem Mutter und Vater zum Tanzen gehen wollten, gar nicht weit weg. Als beide losgingen, lagen wir schon in unseren Betten. Ich hatte aber Angst, sprang deshalb aus dem Fenster und schrie nach Vater und Mutter. Vater hat sich das drei- oder viermal angeguckt, ist zurückgekommen, hat einen Strick geholt und mich fest an einen Baum gebunden. Da stand ich zwei Stunden, bis ich müde wurde. Er kam zurück und legte mich ins Bett. So streng war er, denn er wollte sich den Abend mit Muttern nicht verderben lassen. Ich bin eben so erzogen worden …

Michael, Jahrgang 1948, zwei Kinder, verheiratet in erster Ehe

Ost: Physiker, Bereichsleiter; West: Mitgeschäftsführer und Produktmanager

Wenn wir gewonnen hätten, wäre es schlimmer gekommen

Meine Eltern waren einfache Leute. Mein Vater war Schneider, beschäftigt zum Schluss seines Berufslebens als Bandleiter in einem großen Konfektionsbetrieb. Meine Mutter blieb im Wesentlichen zu Hause, sie war also keine typische Ostfrau. Es ist mir sehr wichtig, das festzustellen, denn unter den aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen hätten meine Eltern meine Ausbildung nicht finanzieren können. Taschengeld habe ich nie bekommen. Ich brauchte das nicht. Als Knabe sang ich im Knabenchor der Staatsoper Berlin. Dafür erhielt ich Geld, und das musste reichen. Während des Studiums bekam ich ein Leistungsstipendium zwischen 40 und 60 Mark. Dazu kamen 180 Mark Grundstipendium. Für das Studentenwohnheim bezahlte ich monatlich zehn Mark, für die Fahrt nach Berlin drei Mark D-Zugzuschlag und 3,60 Mark für die Fahrkarte. Von dem Stipendium habe ich nicht nur gelebt, sondern mir noch das Geld für ein Motorrad zusammengespart. Essen in der Mensa kostete 60 oder 70 Pfennige, und wenn ich nach Hause fuhr, plünderte ich immer den Kühlschrank, das musste für eine Woche reichen. Ich habe in Dresden Physik studiert. Dem schloss sich ein Forschungsstudium mit Dissertation an. Nach insgesamt sieben Jahren war ich fertig …

Dietrich, Jahrgang 1936, fünf Kinder, verheiratet in dritter Ehe

Ost: Kulturwissenschaftler; West: Universitätsprofessor, Sektionsdirektor, Gast am Zentrum für Zeithistorische Forschung

Das Schicksal meint es wohl nicht gut mit ostdeutschen Männern

Durch Technisierung und Industrialisierung nahm Hausarbeit über die Jahre langsam ab. Davon profitierten vor allem Frauen. Ich erinnere mich noch gut an unsere erste Waschmaschine, den ersten Kühlschrank, das erste tiefgefrorene Gemüse und das erste Perlonhemd. Doch mit der Zahl nützlicher Geräte wuchs allerlei Reparaturbedarf. Und da die DDR keine Wegwerfgesellschaft war und alles möglichst lange benutzt werden sollte, waren wir ständig auf der Suche nach Ersatzteilen, am Tauschen und am Reparieren. Dies war nun großenteils Männersache. Das war an soziologischen Zeitstudien abzulesen: Das anfangs kleine Freizeitbudget von Frauen wuchs mit den Jahren, das deutlich größere der Männer dagegen schrumpfte. War Sozialismus schlecht für Männer? …

Ostmänner können mit Westmännern nicht mithalten. Sie hatten und haben selten den Rückhalt einer begüterten Familie. So meint es das Schicksal wohl nicht so gut mit ostdeutschen Männern. Unter ihnen sind etliche zu finden, die mit ihren Lebensumständen hadern. Sie fühlen sich benachteiligt, vom System abgedrängt. Sie finden nur schwer eine Partnerin, auf dem Dorfe kaum noch. Ich erlebe das seit 40 Jahren in der Uckermark. Die Jungen gehen weg, Frauen suchen sich in der Ferne einen Partner und kommen nicht zurück …

Detlef A., Jahrgang 1962, ein Kind, verheiratet in erster Ehe

Ost: Gas-Wasser-Installateur; West: Installateur, selbstständiger Haushandwerker, Meister für Maschinenbau, selbstständiger Trainer für Reha-Sport

Wenn wir uns streiten, streitet sie und ich höre geduldig zu

Es gibt einige Erfahrungen aus dem Arbeitsleben der DDR, die ich gerne in das Heute herübergerettet hätte. Im Betrieb konnte man seine Meinung sagen, Verbesserungsvorschläge einbringen oder sich über den Chef beschweren. Heute kann man sich zwar auf den Marktplatz stellen und jeden Politiker öffentlich kritisiere. Aber in der Firma konkrete Probleme deutlich ansprechen, ist kaum möglich. Als kritischer Geist bin ich vermutlich genau deshalb selbstständig tätig …

Bernd, Jahrgang 1952, zwei Kinder, verheiratet in zweiter Ehe

Ost: Akademie der Wissenschaften, INTRAC-HB; West: Umschulung, ABM, Amt für Industrielle Formgestaltung, Versicherungsfachwirt, Projektarbeit, arbeitslos, selbstständig

Hartz IV hat mich manchmal in schiere Verzweiflung gebracht

Im September 1979 wurde unsere Ehe nach kurzer Verhandlung geschieden. Noch ein Jahr hatten wir Stress, bis ich endlich eine Wohnung fand und ausziehen konnte. […] Im Februar 1983 bat sie mich, wieder in die Wohnung einzuziehen, weil sie einen längeren Krankenhausaufenthalt plante. Sie unterzog sich einer psychiatrischen Therapie. […] Ich bin zu gewohnter Zeit nach Hause gefahren, hatte noch eingekauft, kam in die Wohnung und sah meine Frau auf der Couch liegen. Ich dachte, dass sie schlafe. Dann fand ich die Tablettenpackung. Mir wurde sofort klar, was passiert war. Der medizinische Notdienst nahm sie mit. Meine Kinder haben ihre Mutter noch mit dem Krankenwagen abfahren gesehen. Nach wenigen Tagen auf der Intensivstation ist sie verstorben. Das den Kindern mitzuteilen, war das Katastrophalste und Schlimmste in meinem Leben. Der Tod der Mutter war für meine Kinder mit Auswirkungen verbunden, die ich bei beiden bis heute spüre … Ab diesem Zeitpunkt war ich alleinerziehender Vater und konnte die gesetzlichen Bestimmungen der DDR nutzen. Das bedeutete: ein Haushaltstag im Monat, täglich eine Stunde weniger arbeiten bei vollem Lohnausgleich. Selbst die Partei unterstützte mich. Das Parteilehrjahr absolvierte ich in einer Frauengruppe innerhalb der Arbeitszeit. Dort legten wir unsere Themen einfach selbst fest …

Hans, Jahrgang 1948, zwei Kinder, verheiratet in erster Ehe

Ost: Kfz-Schlosser, Hochschulingenieurökonom, Absolvent der Militärakademie, Stabschef, Kommandeur VP Bereitschaft; West: Kommandeur Grenzschutzabteilung, arbeitslos, Bauorganisation, Umschulung, THW-Einsatz in Bosnien, Kosovo, arbeitslos, Katastrophenschutz im Landkreis

»Wenn Ihre Frau nicht Mitglied der Partei ist, können Sie nicht Kommandeur werden.«

Meine größte Sorge war, dass die Bereitschaftspolizei gegen die Bevölkerung eingesetzt werden könnte. Am 7. Oktober, dem 40. Jahrestag der DDR, ging es in Berlin schon los. Am 9. Oktober musste unsere Polizeischule nach Leipzig fahren. Deren stellvertretender Leiter rief mich an und sagte mir, dass sie Waffen und Munition mitzunehmen hätten und dass sich Übermorgen entscheiden werde, ob Waffen eingesetzt werden oder nicht. Die Brisanz wird bis heute unterschätzt. Zum Glück gab es den Dirigenten Kurt Masur mit seiner Sechsergruppe in Leipzig und ihrem Aufruf zum friedlichen Dialog an die Einsatzkräfte und die Demonstranten. Wenn die nicht gewesen wären, wer weiß, ob Egon Krenz es geschafft hätte, keine Waffen einzusetzen. Zum Glück kam die erlösende Nachricht: Kein Waffeneinsatz. Sie standen in den Seitenstraßen Leipzigs bewaffnet bereit …

Jürgen, Jahrgang 1949, vier Kinder, verheiratet in zweiter Ehe

Ost: Elektriker, Fahrschullehrer; West: Elektriker

Zum Glück ist Strom unpolitisch und farbenblind

Von den Freundschaften im Osten sind nur wenige übriggeblieben. Sie hängen mit meinen Hobbies Modelleisenbahn und Kleingarten zusammen. Davon muss man die Zweckfreundschaften im Osten unterscheiden. Zweckfreundschaften entstanden durch »Kannst du mir was besorgen, kann ich dir was besorgen«. Die braucht man heute nicht mehr so. Freundschaften mit Leuten aus dem Westteil habe ich keine. Wir haben Bekannte, dazu würde ich nicht Freundschaft sagen. Männerfreundschaften im Westen sind anders. Der Mann im Osten ist offener, er steht zu seinen Worten, Taten. Der Mann im Westen ist eher verschwiegen. Er würde niemals zugeben, dass er arbeitslos geworden ist. Im Ostteil spricht man, wenn man ein Problem hat, mit seinen Bekannten, Verwandten oder Freunden. Man hat keine Angst vor übler Nachrede und dass die Freundschaft daran zerbricht. Der Ossi hört sich die Probleme an und überlegt, ob er helfen kann. Und Ossis und Wessis feiern anders: Im Osten steht die Flasche Schnaps mit großen Gläsern auf dem Tisch. Im Westteil steht sie unter dem Tisch oder kommt alle Stunde mal vorbei, und die Gläser werden immer kleiner …

Ellen Händler, Uta Mitsching-Viertel
Problemzone Ostmann? Lebenserfahrungen in zwei Systemen
ibidem Verlag
332 S., kt., 14,90 €

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