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Ende eines Imperiums oder einer Illusion

»Postsowjetische Lebenswelten« – eine neue Ausstellung der Bundesstiftung Aufarbeitung in Berlin

  • Von Karlen Vesper
  • Lesedauer: 5 Min.

Es war irgendwie surreal, verstörend, unheimlich, beängstigend – der Kollaps der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, der Supermacht UdSSR. Etwas als unmöglich erachtetes, trat ein. Eine Imperium implodierte, wie schon viele Imperien in der Menschheitsgeschichte zuvor?

Nein, bei diesem war es anders. Mit diesem hatten sich Erwartungen von Millionen Ausgebeuteter, Entrechteter, Unterdrückter weltweit im 20. Jahrhundert verbunden, insbesondere unter den kolonial unterworfenen Völkern. Von der russischen Oktoberrevolution 1917 waren Führer nationaler Befreiungsbewegungen wie Jawaharlal Nehru beeindruckt, der unter anderem bekannte: »It was the essential freedom from dogma and the scientific outlook of marxism that appealed to me.«

Vollkommene Freiheit von Dogmen und eine rein wissenschaftliche Sicht auf die Welt, die der erste Premierminister des unabhängigen Indien am Marxismus schätzte, gab es jedoch in dessen kanonisierter Form in realsozialistischen Zeiten nicht mehr. Weil sie von einer sich mit Stalins Machtübernahme in Sowjetrussland und einige Jahrzehnte später auch in anderen osteuropäischen Staaten etablierenden Parteibürokratie und Parteiaristokratie als machtgefährdend empfunden wurde. Auch in der DDR, von deren Bürgern scherzhaft 16. Sowjetrepublik genannt.

Während der ostdeutsche Staat vollkommen von der politischen Landkarte verschwand, gibt es die 15 ehemaligen Sowjetrepubliken noch, als unabhängige Staaten, neu ausgerichtet, unterschiedlich aufgestellt, einander nicht immer freundlich gesinnt. Wer hätte vor 30 Jahren sich vorstellen können, dass sie sich mal bekriegen werden?

Eine dieser Tage in Berlin-Charlottenburg präsentierte neue (Wander)Ausstellung der Bundesstiftung Aufarbeitung beleuchtet »Postsowjetische Lebenswelten. Gesellschaft und Alltag nach dem Kommunismus«. Auf 20 Tafeln mit 128 Fotografien, betextet von Jan C. Behrends vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, wird im Parforceritt politischer, ökonomischer und sozialer Wandel in den 15 Nachfolgestaaten der UdSSR reflektiert. Der geografische Bogen in der von Ulrich Mählert von der Stiftung kuratierten Schau spannt sich vom Baltischen Meer (Mare Balticum, hierzulande als Ostsee bekannt) über den Kaukasus bis in die Steppen Zentralasiens.

Eingangs liest man: »Die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken wird 1922 nach dem Sieg der Kommunisten im Russischen Bürgerkrieg mit Gewalt zusammengefügt.« Es verwundert, dass hier kein Wort fällt über mordende, brandschatzende Konterrevolutionäre und westliche Interventionisten, die einen Staat der Arbeiter und Bauern verhindern wollten. Die Amtszeit des letzten KPdSU-Generalsekretärs Michail Gorbatschow wird mit den Worten kommentiert: »Seine Reformpolitik, mit der er 1985 angetreten war, um die wirtschaftlich marode Sowjetunion zu modernisieren, hatte ihn zu ihrem unfreiwilligen Totengräber werden lassen.«

Erwähnung findet der (ungewöhnlich stümperhaft angezettelte) KGB-Putsch im August 1991. Die KPdSU wird verboten, die UdSSR bricht innerhalb kürzester Zeit wie ein Kartenhaus zusammen: Nach den drei baltischen Republiken spalten sich sukzessive die südlichen und westlichen ab.

Was bedeutete dies alles für die Menschen, die dort lebten und leben? »Die Kommunistische Partei bestimmt nicht mehr den Alltag der Gesellschaft. Studienplätze oder Wohnungen werden nicht mehr zugeteilt. Jeder muss selbst sehen, wo er bleibt.« Hurra? Naja. Angemerkt wird: »Mit der Sowjetunion verschwinden nicht nur die alten ideologischen Glaubenssätze. Auch die tröstende Gewissheit geht verloren, trotz materieller Rückständigkeit in einer Weltmacht zu leben. Zurück bleibt ein Vakuum, das die sozialen Verlierer des Umbruchs oft mit Religion, Alkohol oder wachsenden Ressentiments füllen.« Zweifellos: Die schockhaftartige Einführung der Marktwirtschaft wirkt sich in den postsowjetischen Staaten verheerender aus als in Ostdeutschland. Während Zigtausende hart arbeitende Menschen in existenzielle Not geraten, scheffeln sich ehemalige Funktionäre die eigenen Taschen voll, nutzen die Stunde zügelloser Privatisierung, avancieren zu »Biznesmen« oder gar allmächtigen Oligarchen.

Weshalb denn auch an diesem Wochenende in Russland viele trotz alledem wohl Putin wiedergewählt haben werden. »Im Unterschied zu Ostdeutschland gibt es in den postsowjetischen Staaten kein Sozialsystem, das die Folgen des wirtschaftlichen Umbaus abfedert. Wer nichts auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen hat, muss froh sein, wenn er im Garten der eigenen Datscha Gemüse anbauen kann. Die Kriminalität nimmt zu. Bettler gehören zum Stadtbild. Die Lebenserwartung sinkt rapide. Oft werden Renten und Löhne mit monatelanger Verspätung ausgezahlt.« Demonstrationen gehören zum Alltag.

Irritierend indes ein Foto, das im März 1997 in Kiew demonstrierende Frauen zeigt: Sie schlagen mit Löffeln auf Kochtöpfe. Da kommen einem die Damen der wohlsituierten, wohlgenährten Mittel- und Oberschicht Chiles in den Sinn, die in gleicher Weise protestierten – um 1973 Salvador Allende, den Präsidenten des sozialistischen Regierungsbündnisses Unidad Popular, zu stürzen.

Andere Bilder in der Schau der Stiftung zeugen von Aufbruchstimmung. Alternative Lebensstile werden erprobt. Die Freiheit der Rede wie der Kunst wird ausgereizt, lautet die Botschaft. Zivilgesellschaftliche Initiativen nehmen sich Themen an, die bis dahin Tabu waren. Und werden darob misstrauisch beäugt, gar pauschal als »ausländische Agenten« stigmatisiert. Schade, dass die neue kulturelle Vielfalt in dieser Exposition unterbelichtet bleibt. Rock und Pop werden vorgestellt, andere Bereiche, in denen sich in den letzten Jahrzehnten Aufregendes tat, neue Visionen keimten, bleiben unbeachtet.

Die inhaltlichen Schwerpunkte der nicht nur auf Deutsch, sondern auch Englisch, Französisch, Spanisch und Russisch erstellten Ausstellung sind Markt und Mafia, Migration und Auswanderung, Konflikte und Kriege, ökologische Altlasten, Medien, Öffentlichkeit, Digitalisierung sowie Konsumkultur. Man erfährt hier: »Die Eröffnung von Shoppingmalls oder der Filiale einer westlichen Möbelhauskette wird zum gesellschaftlichen Ereignis. Sie stehen für das Versprechen auf ein besseres Leben – auch für diejenigen, die sich die Warenwelt gar nicht leisten können. Die neuen Konsumtempel sind für viele eine Oase, in die sie vor dem grauen Alltag fliehen.« Nun, in Deutschland ist es vielerorts nicht viel anders. Und von den eingangs zitierten millionenfachen Hoffnungen ist hier leider keine Rede.

»Postsowjetische Lebenswelten. Gesellschaft und Alltag nach dem Kommunismus«, bis 31. Oktober, Steinplatz in Berlin-Charlottenburg; als Poster-Set erhältlich www.bundeststiftung-aufarbeitung.de; Begleitband (Metropol, 128 S., geb., 12 €).

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