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Greta Thunberg ist nicht allein

Alternativer Nobelpreis geht an Basisaktivisten, die die Gesellschaft mobilisieren

  • Von Birger Schütz, Martin Ling, Anjana Shrivastava, Alexander Isele
  • Lesedauer: 7 Min.

Gegen Kohle und Uran

Kohleausstieg bis 2038? Als Wladimir Sliwjak von den langen Laufzeiten für das deutsche Gesetz zum Ende der Kohleverstromung erfuhr, war er empört - und schrieb einen Brief an Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU). Berlins Entscheidung führe zu einem Anstieg des ohnehin hohen Anteils der in Deutschland verfeuerten russischen Kohle, warnte der Umweltaktivist im Juni vergangenen Jahres. Für die Menschen in Russlands größtem Kohlerevier im sibirischen Kuzbass bedeute dies stärkere Luftverschmutzung, vergiftetes Grundwasser, wachsende Krebsraten - und schwarzen Schnee. »Sie können nicht die Lasten Ihres Kohleverbrauchs auf den Schultern der Menschen im Kuzbass abladen«, ärgerte sich der Co-Vorsitzende der 1989 gegründeten Umweltorganisation Ecodefense, der nun mit dem alternativen Nobelpreis geehrt wird.

Dem Kampf gegen die Nutzung des fossilen Energieträgers widmet sich der 1973 in Kaliningrad geborene Aktivist erst seit einigen Jahren. Bekannt wurde Sliwjak, den seine Mitstreiter als kompromisslos aber sachlich beschreiben, durch sein Engagement gegen das inzwischen stillgelegte litauische Atomkraftwerk Ignalina sowie den Kampf gegen Pläne des russischen Atomkonzerns Rosatom zum Bau eines Kernkraftwerks in der Exklave Kaliningrad. Das Projekt wurde nach langen Auseinandersetzungen inzwischen auf Eis gelegt. Bei seinen Kampagnen gegen die Atomkraft und die mit ihr verbundenen Risiken setzte der gut vernetzte Sliwjak schon früh auch auf internationale Zusammenarbeit. So verhinderte er im Jahr 1989 mit bulgarischen Aktivisten den Abtransport benutzter Brennelemente des bulgarischen Kernkraftwerks Kosloduj nach Russland. Im Jahr 2019 protestierte Wladimir Sliwjak als einer der ersten russischen Umweltschützer gegen die Wiederaufnahme der 2009 eingestellten Atommülltransporte aus der nordrhein-westfälischen Urananreicherungsanlage Gronau nach Russland .

Im Jahr 2014 wurde die Organisation Sliwjaks, der zwischenzeitlich auch als Dozent für Umweltpolitik an der renommierten Moskauer Hochschule für Wirtschaft unterrichtete, als erste russische Umweltorganisation zum Ausländischen Agenten erklärt. Seitdem steht Ecodefense unter besonderer Beobachtung der Behörden. Der heute 48-Jährige kündigte an, sich nicht nach dem Gesetz richten zu wollen, da dieses die Zivilgesellschaft unterdrücken solle. Birger Schütz

Traumahelferin

Boko Haram wird in erster Linie mit Nigeria in Verbindung gebracht, aber auch im Norden Kameruns ist die islamistische Sekte aktiv. Immer wieder macht sie Schlagzeilen, selten so große wie 2014 mit der Entführung von über 200 Schülerinnen, die in die weltweit bekannte Kampagne »Bring back our girls« mündete.

Menschen, die vor der Gewalt von Boko Haram geflüchtet sind, gehören neben anderen zu den Schützlingen der Friedens- und Genderaktivistin Marthe Wandou in Kamerun. Sie ist die erste Trägerin des Alternativen Nobelpreises aus Kamerun, eines Preises, den unter anderem die schwedische Klimaaktivisten Greta Thunberg 2019 erhalten hat. Marthe Wandou kämpft im an Nigeria grenzenden Norden des Landes gegen Kinderehen sowie sexualisierte Gewalt, vor allem an Mädchen. Mit ihrer im Jahr 1998 gegründeten Organisation Aldepa setzt sich die 57-Jährige für Bildung und die Bewältigung psychischer Traumata infolge von Krisen und Konflikten ein.

Aldepa heißt übersetzt Lokaler Verein für partizipative und selbstverwaltete Entwicklung - und der Name ist Programm. Der Verein versucht, die Lage von Mädchen und Frauen in der Tschadsee-Region im Norden des Landes zu verbessern und dabei ganze Dörfer und Gemeinden einzubinden. Wandou durfte als eines der ersten Mädchen ihres Heimatdorfes eine Universität besuchen. Sie studierte in Kamerun Jura und Projektmanagement, bevor sie an der Universität Antwerpen (Belgien) Gender Studies studierte. Heute kämpft sie für eine gute Schulbildung für alle.

Seit Boko Haram 2013 damit begann, in der Region Tausende Menschen, darunter viele Schulmädchen, zu entführen, ist Wandous Arbeit noch schwerer geworden. Ihre Organisation hilft mittlerweile auch bei der Therapie und Rehabilitierung dieser Mädchen und Frauen, die schwere sexualisierte Gewalt erfuhren. Nach Angaben der Stockholmer Stiftung kam Wandous Engagement bislang mehr als 50 000 Mädchen zugute.

Wandou leiste nicht nur in ihrer Region eine wichtige Arbeit, so Ole von Uexküll, Vorsitzender der Stiftung. Vielmehr sei ihre Arbeit »ein Modell von globaler Bedeutung« - weil Wandou es trotz der terroristischen Aktivitäten, trotz der endemischen Gewalt gegen Mädchen schaffe, Kinder besser zu schützen. Und das, so von Uexküll, sei ein Modell, »das wichtig ist für die ganze Welt, beispielsweise für Länder wie Afghanistan. Es ist ein Modell, bei dem wir hoffen, dass es sich durch den Preis global verbreiten wird.« Martin Ling

Für indigene Rechte

Der alternative Nobelpreis ist eine besonders passende Auszeichnung für Freda Huson, eine führende Vertreterin des Wet’suwet’en First People in Kanada: Sie kämpft für eine alternative indigene Gesetzgebung im kanadischen Bundesstaat British Columbia.

In dem Bewusstsein, wie bedeutsam es ist, auf angestammtem Land zu leben, zog Huson 2010 in eine Blockhütte auf dem Territorium ihrer Ethnie in Talbeetskwa, am Morice River in British Columbia. Seitdem ist sie die Koordinatorin des Unist’ot’en-Camps, zu dem inzwischen auch ein Zentrum gehört, das sich der Heilung kolonialer Traumata widmet. Dort ist auch eine der wichtigsten Anlaufstellen für Menschen, die sich mit ihrem Protest gegen den Bau der Coastal GasLink-Pipeline wehren. Die Pipeline soll Schiefergas durch British Columbia leiten. Eine Razzia der kanadischen Behörden an einem Kontrollpunkt, der zu dem Camp führt, löste im Jahr 2020 landesweite Proteste aus. Husons Aktionen haben das Pipelineprojekt zwar um Jahre zurückgeworfen, es ist jedoch nach wie vor im Bau.

Huson glaubt, dass der einzige Weg, ihr Land zu verteidigen und über die Landnutzung zu bestimmen, die dauerhafte Besetzung des Landes ist. Huson half dabei, ab 2010 Grubenhäuser, Permakulturgärten, kleine Gewächshäuser sowie Schlafbaracken zu bauen. Dort, wo vorher nur riesige, mit Kiefern- und Fichtenholz beladene Lastkraftwagen durchdonnerten, um die Rohstoffe British Columbias zum Weltmarkt zu karren.

Husons ganzheitlicher Ansatz, mit dem die Kultur und das Land der indigenen Bevölkerung zurückgewonnen und deren Rechte durchgesetzt werden sollen, steht in deutlichem Gegensatz zu den grausamen Verbrechen an Indigenen in Kanada, die vermehrt aufgedeckt werden. Diese Traumata wurden in den letzten Monaten für ganz Kanada offenkundig, als in der Nähe von staatlichen Internaten, in denen indigene Kinder »umerzogen« wurden, Kindergräber entdeckt wurden. Im Heilzentrum im Protestcamp geht es auch um die durch den Kolonialismus entstandenen Wunden.

Führungsfiguren wie Huson sind heute in zwei Welten geschult: Sie können sowohl auf indigenes Wissen zurückgreifen wie auch auf das Wissen der modernen Ethnologie oder Jurisprudenz. Über die Energiekonzerne sagte Huson in einem Interview mit der »New York Times«: »Sie wollen nur nehmen, nehmen, nehmen. Und sie akzeptieren kein Nein als Antwort.« Sie wehrt sich dagegen. Anjana Shrivastava

Community-Anwälte

Life verteidigt die Umwelt vor Gericht und wird dafür mit dem Right Livelihood Award 2021 ausgezeichnet: Ritwick Dutta (re.) und Rahul Choudhary (li.) gründeten 2005 die Legal Initiative for Forest and Environment (Juristische Initiative für Wald und Umwelt), um benachteiligte Gemeinden im ganzen Land dabei zu unterstützen, sich rechtlich gegen die Zerstörung ihrer Wälder und Böden durch Bergbau- und Industriekonzerne zu wehren.

Die indischen Rechtsanwälte gründeten die Organisation im Bewusstsein um den unzureichenden Zugang zu Rechtsmitteln im Umweltschutzbereich. Heute gehört die Organisation zu den führenden Anwält*innen für Klagen im Namen der Allgemeinheit (Public Interest Litigation) in Indien. Ihre Mission sieht Life in der Förderung einer »ökologischen Demokratie«.

Bekannt wurde die Arbeit von Life in Indien auch durch das Verfahren gegen das britische Bergbauunternehmen Vedanta, das ein Minenprojekt im Bundesstaat Odisha geplant hatte. Der Oberste Gerichtshof Indiens erkannte an, dass für den Beginn eines solchen Projekts die Zustimmung der örtlichen Gemeinde erforderlich ist – ein Präzedenzfall, der auch Auswirkungen auf andere Regionen hatte. Auch war Life damit erfolgreich, Verursacher*innen industrieller Umweltverschmutzungen für die Schäden an der Umwelt und der öffentlichen Gesundheit zu zwingen, Entschädigungen zu zahlen.
Ausgezeichnet werden die Rechtsexpert*innen »für ihre innovative juristische Arbeit«, die benachteiligte Bevölkerungsgruppen dazu befähige, Entscheidungen über Projekte in ihrem Umfeld mit zu beeinflussen.

Das Life-Team treibt zudem Umweltgesetzesreformen voran – und kontrolliert gemeinsam mit Anwohner*innen, dass sie auch umgesetzt werden. »Der Preis wird uns helfen, die Wirkung unserer Arbeit zu erhöhen und mehr Menschen zu befähigen, die Natur und ihre Lebensgrundlagen zu schützen«, hofft Dutta.

Geehrt werden die Ausgezeichneten am 1. Dezember im Rahmen einer Live-Veranstaltung in Stockholm. »Wir rechnen zurzeit damit, dass alle kommen können«, so Ole von Uexküll von der Right-Livelihood-Stiftung mit Blick auf die derzeitige Pandemielage. Der seit 1980 verliehene Preis heißt offiziell Right Livelihood Award, ist gemeinhin aber als Alternativer Nobelpreis bekannt. Die Right-Livelihood-Stiftung ehrt damit alljährlich Vorkämpfer für Menschenrechte, Umwelt und Frieden. Die Auszeichnung steht dabei in kritischer Distanz zu den eigentlichen Nobelpreisen, deren Preisträger ab Montag in Stockholm und Oslo verkündet werden. Alexander Isele

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