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Weniger Fleisch, mehr Geld

Matthias Kiesselbach und Eugen Pissarskoi fordern ein Grundeinkommen, um den Fleischkonsum in Deutschland zu reduzieren.

  • Von Matthias Kiesselbach und Eugen Pissarskoi
  • Lesedauer: 3 Min.
Armes Schwein
Armes Schwein

Es ist unbestreitbar, dass wir unseren Fleischkonsum wesentlich reduzieren müssen. Die globale Fleischproduktion ist ein Haupttreiber des Klimawandels. Sie schädigt Ökosysteme. Sie verschlingt Anbauflächen und pflanzliche Nährstoffe. Damit treibt die Produktion die Preise von pflanzlichen Grundnahrungsmitteln in die Höhe und erschwert die Leben der Ärmsten dieser Welt. Und über das Leid, das wir den Tieren antun, haben wir dabei noch nicht gesprochen. Auch nicht über die Krankheiten, die der übermäßige Fleischkonsum verursacht.

Wie wir es drehen und wenden: Wir müssen weg vom Fleischkonsum. Aber wie? Die traurige Wahrheit ist: Obwohl den meisten von uns klar ist, wie schädlich unser Fleischkonsum ist, schaffen wir einen ernsthaften Verzicht einfach nicht. Klar, hier und da wird ein Schweineschnitzel durch ein Grünkohlbratling ersetzt. Aber machen wir uns nichts vor: Selbst wenn wir zehnmal mehr Fleischprodukte durch vegane Alternativen ersetzen, würden wir damit am riesigen Fleischmarkt nur kratzen.

Der Markt und die Individuen - sie lösen das Problem nicht. Wer es lösen will, kommt um politische Ansätze nicht umhin. Doch hier sieht es auf den ersten Blick düster aus. Verbote? Hohe Steuern auf Fleisch? Es ist keine große Überraschung, dass Politiker*innen lieber die Finger von dem Thema lassen. Selbst sanfte Vorschläge wie einen wöchentlichen »Veggie Day« in öffentlichen Kantinen, den die Grünen im Bundestagswahlkampf 2013 gemacht haben, rufen Wellen der Empörung hervor, die die Vorschläge rasch verschlingen - und ihre Befürworter*innen gleich mit.

Bei aller Einsicht in die Schädlichkeit des Fleischkonsums: Eine Politik, die unser vermeintliches Recht auf die Currywurst einschränkt - eine solche Politik verbitten wir uns. Mit Händen und Füßen.

Doch vielleicht gibt es Auswege. Sie könnten beginnen mit der nachgewiesenen Einsicht einer Mehrheit, dass weniger Fleisch für uns alle besser wäre. Und mit der Idee, dass sich die individuelle Motivation mit Hilfe der Gemeinschaft auf die Sprünge helfen lässt, sowie mit Hilfe von psychologisch klug gesetzten Anreizen zu echter Veränderung.

Hier ist ein Vorschlag, bestehend aus zwei ineinandergreifenden Maßnahmen. Erstens: Eine radikale Regulierung setzt durch, dass alle Tiere artgerecht gehalten werden. Dies verknappt das Angebot an Tierprodukten und lässt ihre Preise erheblich steigen. Darauf reagiert der zweite Eingriff: Ein Grundeinkommen wird in exakt der Höhe eingeführt, die einem typischen Haushalt erlaubt, sein früheres Konsumniveau an Tierprodukten zu halten, auch bei den gestiegenen Preisen. Ein durchschnittlicher Haushalt gibt im Schnitt etwa 120 Euro monatlich für Tierprodukte aus. Nehmen wir an, dass durch die Regulierung die Preise um das Fünffache stiegen, weshalb für die gleiche Menge 600 Euro gezahlt werden müssten. Dann bekäme ein Durchschnittshaushalt 480 Euro als Grundeinkommen.

Der Effekt der kombinierten Maßnahmen wäre folgender: Einerseits behalten wir unsere Konsumfreiheit. Wenn wir darauf bestehen, können wir Fleisch in der gleichen Menge konsumieren wie vor den Maßnahmen, ohne jeglichen Verzicht. Unsere Freiheit wächst sogar, denn das zusätzliche Einkommen eröffnet den Weg zu vormals unerreichbaren Konsummöglichkeiten. Andererseits gibt uns das neue Preisgefälle zwischen Fleischprodukten und ihren Alternativen echte Anreize, einen Teil des neuen Einkommens auf andere Dinge zu verwenden als Fleisch. Der Clou: Wir bewegen uns weg vom Fleisch - aber im Eigeninteresse, ohne Freiheitsverlust und ohne das Gefühl, von einer progressiven Elite zu etwas gezwungen zu werden.

Um es ganz offen zu sagen: So etwas ist teuer und politisch enorm anspruchsvoll. Doch es könnte sich lohnen: Unser Leben wäre nicht nur erheblich klima- und umweltfreundlicher, sondern auch gesünder. Und unser Umgang mit Menschen und Tieren gerechter.

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