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Schleichendes Ende befürchtet

Opel stoppt die Produktion im Werk Eisenach bis zum Jahresende

  • Von Sebastian Haak, Erfurt
  • Lesedauer: 4 Min.
In der Krise: Opel Eisenach
In der Krise: Opel Eisenach

Opel ist nicht unbedingt bekannt dafür, besonders hippe Autos zu bauen. Und doch hat das, was im Opel-Werk in Eisenach gerade passiert, ganz viel Ähnlichkeit mit einem Produkt, das bei jungen Menschen seit Monaten schon total angesagt ist: mit der Playstation 5, kurz PS5. Was klingt, als könnte es eine gute Nachricht sein, ist es tatsächlich überhaupt nicht. Denn sowohl Sony - der Hersteller der Playstation 5 - als auch Opel spüren sehr deutlich, dass es weltweit derzeit viel zu wenige Computerchips gibt, um die Produkte, die sie herstellen, in einer Stückzahl bauen zu können, die die Nachfrage danach bedienen kann.

Bei der Playstation 5 zeigt sich das darin, dass die Spielekonsole auch Monate nach ihrem Verkaufsstart praktisch ausverkauft ist. Die Exemplare, die es gibt, sind in der Regel sofort vergriffen, kaum stehen sie in den analogen oder digitalen Regalen. Gleichzeitig werden die Geräte auf dem Gebrauchtmarkt für völlig überzogene Preise gehandelt.

Und bei Opel sind die Folgen des weltweiten Mangels an Halbleitern noch dramatischer, besonders für die Beschäftigten des Werks in Eisenach: Wegen fehlender und nicht lieferbarer Chips hat der Konzern beschlossen, den Standort bis zum Jahresende komplett still zu legen. Etwa 1300 Beschäftigte des Werks müssen deshalb nun in Kurzarbeit. Das ist ein Einschnitt, der für viele der Opelaner und ihre Familien freilich viel gravierender ist, als der Frust von PS5-Jüngern, die nun nicht auf der neusten Konsole zocken können. Entsprechend groß ist die Kritik nicht nur der IG Metall, sondern auch aus der Thüringer Landespolitik an dieser Werksschließung. Diese Kritik hat vor allem zwei Ebenen.

Zum ersten ist da die Kommunikationsebene. So hatte der erste Bevollmächtigte der IG Metall Eisenach, Uwe Laubach, der Automobilwoche - die zuerst über die Stilllegung berichtet hatte - gesagt, diese Entscheidung des Konzerns treffe die Gewerkschaft und die Beschäftigten völlig unvorbereitet. Auf einer Betriebsversammlung, die erst am Dienstag stattgefunden habe, habe die Unternehmensleitung jedenfalls kein Wort dazu verloren, dass der Chipmangel so groß sei, dass ein derart gravierender Schritt erforderlich sei.

Ganz ähnlich äußerten sich auch Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) und Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke). Bei solch weitreichenden Entscheidungen habe Opel in der Vergangenheit mit den Ministerpräsidenten geredet, in deren Ländern die von diesen Entscheidungen jeweils betroffenen Werke stehen, sagte Ramelow. Diesmal ist das offenbar nicht geschehen. Er wirft dem Mutterkonzern Stellantis zudem vor, seine Probleme auf Kosten der Steuerzahler zu regeln. Das Kurzarbeitergeld wird aus dem Budget der Bundesagentur für Arbeit gezahlt, das sich aus den Beiträgen zur Arbeitslosenversicherung der Beschäftigten speist.

Tiefensee sprach davon, »dass die Entscheidung sehr kurzfristig kommuniziert wurde« und die Beschäftigten und der Betriebsrat offenbar vor vollendete Tatsachen gestellt worden seien. »Ich kann den Ärger und die Verunsicherung der Beschäftigten nachvollziehen.« Vor allem schwingt in dieser Kritik der Gewerkschaft und der Landespolitiker aber die Angst davor mit, dass die Stilllegung noch länger dauern könnte als nun angekündigt - und der Anfang vom schleichenden Ende des Opel-Werks in Eisenach sein könnte. Zwar ist gerade dieser Standort schon oft tot gesagt worden; und lebt noch immer. Was für die gesamte Wirtschaftsstruktur in der Region um Eisenach enorm wichtig ist, weil nicht nur die - für Thüringer Verhältnisse ziemlich gut - bezahlten Jobs bei dem Autobauer selbst an dem Werk hängen. Sondern auch eine große Zulieferindustrie mit Tausenden Arbeitsplätzen im Umfeld des Werks.

Doch es ist eben kein Zufall, dass Tiefensee die Entscheidung der Stilllegung des Stellantis-Konzerns, zu dem Opel inzwischen gehört, so kommentiert: »Ich baue darauf, dass es sich - so die Zusicherung des Konzernsprechers mir gegenüber - um eine Maßnahme handelt, die lediglich zur kurzfristigen Konsolidierung des Standorts in der aktuellen Chipkrise notwendig ist. Ich erwarte, dass die Zusage von Stellantis steht, die Produktion Anfang kommenden Jahres wieder aufzunehmen und das Werk weiter zukunftsfest zu entwickeln.«

Umso begründeter scheint diese Angst, weil die gesamte Automobilbranche vom weltweiten Chipmangel betroffen ist. Erst vor wenigen Tagen hatte ein Beratungsunternehmen vorgerechnet, die nicht ausreichende Verfügbarkeit von Halbleitern werde die Branche weltweit alleine im laufenden Jahr etwa 210 Milliarden US-Dollar kosten. Etwa 7,7 Millionen Autos könnten nicht gebaut werden. Aber in keinem anderen deutschen Werk eines Autobauers wird auf diese Entwicklung so drastisch reagiert wie bei Opel in Eisenach.

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