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Die Suche nach Mustern

Was sind Verschwörungen und was Verschwörungstheorien? Umberto Eco zeigt, warum es darauf keine einfachen Antworten gibt

  • Von Jakob Hayner
  • Lesedauer: 10 Min.
Türme, Flugzeuge, zahlreiche Legenden: Ein zeitgenössisches Gemälde greift Verschwörungstheorien um 9/11 auf
Türme, Flugzeuge, zahlreiche Legenden: Ein zeitgenössisches Gemälde greift Verschwörungstheorien um 9/11 auf

Der Begriff ist allgegenwärtig, in den Medien, in der Politik und im alltäglichen Gespräch: Verschwörungstheorien. Doch lässt sich nicht so einfach bestimmen, was er bezeichnet. Meist, so scheint es, beruht er auf gefühlsmäßiger Evidenz: »I know it when I see it«, ich weiß es, wenn es ich sehe, nach dem berühmten Ausspruch des US-Richters Potter Stewart. Für denkende Menschen kann das keine hinreichende Begründung sein. Umso erstaunlicher ist, wie wenig wissenschaftliche Literatur es zu dem Thema gibt. Das steht im eklatanten Missverhältnis zu dem geradezu inflationären Gebrauch.

»Diejenigen, die sich mit Verschwörungstheorien auseinandersetzen - und das gilt gleichermaßen für den wissenschaftlichen wie für den medialen Diskurs -, fehlt es oft an einem adäquaten Verständnis davon, wie Verschwörungstheorien entstehen, was sie für diejenigen, die an sie glauben, leisten und welche Folgen sie haben können«, schreibt Michael Butter. Butter lehrt als Amerikanist an der Universität Tübingen, er hat 2018 mit »›Nichts ist, wie es scheint‹: Über Verschwörungstheorien« einen der wenigen Versuche einer systematischen Erklärung vorgelegt. Er verweist darauf, dass es sowohl im englisch- als auch deutschsprachigen Wissenschaftsbetrieb an Analysen fehle. So greife man immer wieder auf Richard Hofstadters einschlägigen Text »Der paranoide Stil in der amerikanischen Politik« zurück. Der wurde allerdings bereits 1964 veröffentlicht, der bloß psychologische Ansatz ist eher unzeitgemäß.

Doch es gibt auch neuere Literatur: Dieses Jahr veröffentlichte die an der Universität Basel lehrende Literaturwissenschaftlerin Nicola Gess ihren Essay »Halbwahrheiten. Zur Manipulation von Wirklichkeit«, gemeinsam mit dem Soziologen Oliver Nachtwey leitet sie ein Forschungsprojekt zu dem Gegenstand. Gess bezieht sich auf die marxistische Ideologiekritik Theodor W. Adornos, der noch von der »Verschränkung des Wahren und Unwahren« im Ideologischen sprach. Der Spätkapitalismus brauche aber Ideologie nicht mehr als elaborierte Rechtfertigung, benötigt werden nur noch glaubwürdige Erzählungen. Für alle gibt es ein »Narrativ«, in dem mit fiktionalen Mitteln Versatzstücke von Wirklichkeit zusammengefügt werden.

Gess nimmt als Beispiele Ken Jebsen, Claas Relotius und Uwe Tellkamp, ihre Analyse ließe sich aber darüber hinaus erweitern. Weil inzwischen das Fiktionale überwiege, müsse man statt Fakten- einen Fiktionscheck machen, so Gess. Der Verschiebung von wahr und unwahr hin zu glaubwürdig und unglaubwürdig folgt auch Umberto Eco. Der 2016 verstorbene Wissenschaftler und Autor hat sich wie kaum ein anderer zeitlebens mit Komplotten, Intrigen, Geheimnissen, Verschwörungen und Verschwörungstheorien beschäftigt, so in seinen großen Romanen »Das Foucaultsche Pendel«, »Der Friedhof in Prag« und »Nullnummer«. Nun ist eine Sammlung von essayistischen Texten Ecos zum Thema erschienen - unter dem Titel »Verschwörungen. Eine Suche nach Mustern«. Und Eco zeigt kenntnisreich, warum der Begriff der Verschwörungstheorien so schwer zu fassen ist.

Komplotte, Intrigen, Verschwörungen

Die erste Schwierigkeit ist, dass es nach Eco immer Verschwörungen gegeben habe, folglich also auch weiterhin gibt - »vom Komplott zur Ermordung Julius Cäsars über die Pulververschwörung in England und Georges Cadoudals Konspiration der Höllenmaschine in Frankreich bis hin zu den heutigen Finanzkomplotten, mit denen Aktiengesellschaften zur Macht an der Börse verholfen werden soll.« Verschwörungen, also der verborgene Zusammenschluss von Menschen, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen, sind selbst für den Philosophen Karl Popper »ein typisches soziales Phänomen«. Kinder verschwören sich gegen Lehrer, Kollegen gegen Kollegen, Arbeiter gegen Chefs, Chefs gegen Arbeiter, vom Kindergarten über Universität und Betrieb bis zur Partei lernt man, sich abseits der Bühne der Öffentlichkeit abzusprechen, erwünschte Zwecke zu vereinbaren, ein Handeln festzulegen, kurz: sich zu verschwören. Die nächste Schwierigkeit: Wie lässt sich die Existenz einer Verschwörung beweisen, wenn sie doch im Verborgenen stattfindet?

Der einfache Fall nach Eco ist, wenn sie erfolgreich oder fehlgeschlagen ist - beispielsweise bei einem Mordkomplott. In dem schwierigeren Fall fliegt die Verschwörung nicht auf, sondern ist möglicherweise noch im Gange, also braucht man indiziengestützte Annahmen: eine Verschwörungstheorie. Die ist umso unwahrscheinlicher, je mehr Menschen, Zeit und Ressourcen sie umfasst, schreibt Eco. So trifft man auf die nächste Schwierigkeit: Welche Theorie einer Verschwörung ist plausibel, welche nicht? Die Übergänge sind fließend: Dass die CIA erwägt, Julian Assange zu entführen und zu töten, erscheint an einem Tag noch als irre Theorie allzu Fantasiebegabter und am nächsten schon als durch Akten gesichertes Wissen.

In Poppers »Die offene Gesellschaft und ihre Feinde« von 1945 finden wir, nach Eco erstmals, den Begriff der Verschwörungstheorie. Popper argumentiert, dass in einer Welt ohne Götter bestimmte Ereignisse als Plan mächtiger Personen und Gruppen begriffen werden: Krieg, Arbeitslosigkeit, Armut, Knappheit. Für Popper ist das Aberglauben, so etwas werde weder geplant noch gewollt. Schon die nächste Schwierigkeit: Kriege oder Armut sind keine Naturgesetze oder kosmischer Zufall, sie können also auch nicht nicht gewollt werden, insofern jedes Handeln auf einem Wollen beruht. Und selbst wenn man annimmt, dass die Herrschenden im Kapitalismus nicht übers System herrschen, sondern auch von ihm beherrscht werden, fallen Kriege nicht vom Himmel. Popper stellt letztlich alle Annahmen über zweck- und zielgerichtetes Handeln unter Generalverdacht. Das ist zwar bequem, aber wenig erkenntnisreich. Und wie es zu Kriegen kommt, wäre dann noch immer erklärungsbedürftig.

Die Spekulation darüber, wer was erreichen möchte, macht auch vor den Verschwörungstheorien selbst nicht halt. So hält sich hartnäckig das Gerücht, die nun offensichtlich dämlichen Flachweltler seien nur als nützlicher Pappkamerad erfunden worden. Nach Ecos Gesetz wäre das immerhin wahrscheinlicher als eine Verschwörung der Nasa. Es ist auch verwunderlich, mit welcher psychischen Energie sich Menschen über Statik, Stahlträger und das WTC 7 erregen können, nicht aber über die dreisten und offensichtlichen Lügen der US-Regierung, die zum Krieg in Afghanistan und Irak geführt haben. Besonders Gewitzte fragen nun, wem das wohl nützen mag. Und selbst die von Eco minuziös rekonstruierte Geschichte der »Protokolle der Weisen von Zion« liest sich wie ein einziger Verschwörungsthriller, entstanden aus den Intrigen gegen Napoleon III. in Frankreich und gegen den Zarenhof in Russland - selbst Verschwörungstheorien basieren auf realen Verschwörungen! Nur klären sie über diese nicht auf …

Wissenschaft und Aberglauben

Als wäre das nicht schon kompliziert genug, weist Eco auf eine weitere Schwierigkeit hin: Verschwörungstheorie und Wissenschaft sind einander mehr verwandt, als man wünschen könnte. Wissenschaftliche Fehlkonstruktionen wie die von ihm angeführten »imaginären Kartographien und Astronomien« suchen nach Mustern auf der Erde und im Himmel. Selbst wenn sie unzutreffend waren, folgte aus ihnen paradoxerweise ein wissenschaftlicher Nutzen. Auch falsche Karten können unerwartet zu richtigen Zielen führen. Die Suche nach Mustern, nach einer Erklärung der Welt aus auf Ursache und Wirkung basierenden Prinzipien, ist Verschwörungstheorien und Wissenschaft gemeinsam. Es gibt den Versuch, mit »faktisch« und »postfaktisch« diese Grenze zu stabilisieren. Es gibt aber weder eine wissenschaftstheoretische Eindeutigkeit, was Fakten sind, noch haben sie eine Aussagekraft für sich, was sich unter anderem mit der seit Jahren diskutieren Replikationskrise zeigt. Und nicht nur werden Fakten methodisch geleitet erhoben, sie werden auch nach einer Methode geordnet, um daraus Erkenntnisse abzuleiten. An einer Theorie, wie eines mit dem anderen zusammenhängt, kommt man folglich nicht vorbei.

Die Welt liegt nicht feinsäuberlich in Fakten zerteilt vor uns, die es nur anzuerkennen gälte. Wenn das so wäre, hätte Marx sich kaum mit dem »Kapital« abquälen müssen, das methodisch darauf aus ist, die »Mystifikationen« des Kapitalismus zu entschleiern. Nichts ist, wie es scheint, das trifft auch auf Marx und seine Dialektik von Wesen und Erscheinung der warenproduzierenden Gesellschaft zu. Der politische Theoretiker Moritz Rudolph hat in seinem pointierten Text »Geheimgesellschaft« die bürgerliche Welt als »große Geheimgesellschaft« beschrieben, die es für kritische Geister noch immer zu enträtseln gilt. Verschwörungstheorien kreisen um das »leere Geheimnis«, sie begreifen nicht - wie auch der Szientismus -, dass das Rätsel in der Struktur liegt.

Mit der populären Definition des New Yorker Politikwissenschaftlers Michael Barkun, Verschwörungstheorien würden sich dadurch auszeichnen, dass nichts durch Zufall geschieht, dass nichts so ist, wie es scheint, und dass alles miteinander verbunden ist, wäre allerdings jede kritische Theorie der Gesellschaft nichtig. Wenn man nun Verschwörungstheorien die »Fakten« entgegenhält, ist das nicht nur hilflos, man gerät zudem in Gefahr, sich geistig selbst zu entwaffnen. Denn ohne die Suche nach dem inneren Zusammenhang hinter den Erscheinungen, gäbe es in der Moderne überhaupt kein kritisches Denken - und zwar von Hegel über Marx und Freud selbst bis Judith Butler. »Alles Denken ist Übertreibung«, schreibt Adorno in seinem programmatischen Essay »Meinung Wahn Gesellschaft«. Wahrheit und Wahn teilen im spekulativen Überschuss des Gedankens über die Wirklichkeit die gleiche Grundlage, argumentiert Adorno. Der Versuch, etwas zu verstehen, ist immer ein Wagnis, ein ungesichertes Vortasten ins Unbekannte. Das hat ein Moment des überschießend Wahnhaften, das aus der Wissenschaft als Methode kaum zu eliminieren ist. Zudem im 20. Jahrhundert kritische Theorien aller Art versuchten, die Diskurse der Paranoia, Hysterie, Neurose und Melancholie als abgespaltene Zugänge zur Wirklichkeit zu rehabilitieren.

Solch innere Widersprüche sind ein Symptom kapitalistischer Vergesellschaftung, sie reagieren auf eine Diskrepanz in der Erfahrung der Subjekte, die Georg Lukács als das »Zerreißen des Menschen in ein Element der Warenbewegung und in einen objektiv-ohnmächtigen Zuschauer« beschrieben hat. Dass man objektiviert und ohnmächtig statt wahrhaft handelnd ist, begünstigt ein Denken, in der immer nur die anderen handeln. Das kaschiert aber die reale Ohnmacht durch einen narzisstischen Gewinn, den alle »Durchblicker« miteinander teilen. Verschwörungstheorien sind ein Verfallsprodukt von Aufklärung, sie verbinden die Einsicht, dass alle Geschichte menschengemacht ist, mit der Erfahrung, dass der Einzelne sie durchaus nicht macht. Nur wollen sie nicht erkennen, woher diese Diskrepanz kommt und wie sie zu beheben wäre. Verschwörungstheorien sind der »Seufzer der bedrängten Kreatur« einer irrationalen Gesellschaft - eine Form der Alltagsreligion, der mit Kritik ihrer Bedingungen, des religiösen Bedürfnisses und der verzerrten Widerspiegelung der Welt zu begegnen ist.

Mangel an Theorie

Alle Theorien - auch Verschwörungstheorien - versuchen, die Welt zu erklären. Darauf hat Ende vergangenen Jahres Michael Butter nochmals in einem Beitrag für die »Zeit« aufmerksam gemacht, in dem er den Begriff der Verschwörungstheorien gegen neuere Wortschöpfungen wie Verschwörungsmythen, -ideologien oder -erzählungen verteidigt hat. An diesem Anspruch wären sie dann auch zu messen. Man kann, wo es sich nicht um politisch Indiskutables wie eine angebliche jüdische Weltverschwörung handelt, auf Unstimmigkeiten hinweisen, läuft aber Gefahr, sich in Detaildiskussionen zu verlieren. Sinnvoller scheint ein aus der Wissenschaft bekanntes Verfahren: Die eine Hypothese durch eine bessere zu übertreffen. Anstatt sich entweder positivistisch oder moralisierend einzumauern, wäre auch eine Linke gut beraten, selbst Theorie zu betreiben. Denn die Verbreitung von Verschwörungstheorien lässt sich auch als Reaktion auf einen Mangel an Theorie in einer Epoche der Weltunordnung begreifen. Verschwörungstheorien bringen da wenig, ebenso ihre Widerlegung im Detail, anzusetzen wäre aber am Bedürfnis selbst - durch einen besseren Vorschlag im Denken, der für Erfahrung und Kritik offen ist. Nicht den Impuls zerstören, durchaus aber die beschränkte Form, in der er zunächst erscheint.

Es könnte sinnvoll sein, den Begriff der Verschwörungstheorie vor allem analytisch zu gebrauchen und in politischen Diskussionen auf dessen reflexhafte Anwendung zu verzichten. Butter schreibt, es bestehe heute »ein eklatantes Missverhältnis zwischen der Aufgeregtheit, mit der das Thema derzeit diskutiert wird, und dem Wissen, das diese Diskussionen in den allermeisten Fällen informiert. Oft genug werden Ideen als Verschwörungstheorien bezeichnet, die keine sind.« Das markiert auch die Grenze des Begriffs der Verschwörungstheorie: Wer von einem reaktionären Staatsumbau oder von der ideologischen Verschleierung von Interessen im Kapitalismus spricht, äußert Urteile über die immer wiederkehrenden Muster einer in Klassen geteilten Gesellschaft, über die man sich als Linke austauschen sollte.

Umberto Eco: Verschwörungen. Eine Suche nach Mustern. Hanser, 128 S., geb., 12 €.

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