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Beethovens Zehnte

Alles Fake oder was?

  • Berthold Seliger
  • Lesedauer: 2 Min.

Vermutlich der deppertste Marketing-Schmarrn des Jahres: Die Deutsche Telekom will mit einem Expertenteam eine Künstliche Intelligenz (KI) entwickelt haben, die angeblich Beethovens 10. Sinfonie »endlich vollendet« hat. Alles daran ist Fake: Es gibt schlicht keine 10. Sinfonie, über deren Komposition Beethoven gestorben wäre; es gibt keine »Unvollendete«, von der die Marketingprofis raunen, mithin kann sie auch nicht vollendet werden, nicht einmal von KI. Was es gibt, sind ein paar Skizzen in des Meisters Notizbüchern aus den Jahren 1822 bis 1825 - wenn Beethoven daraus wirklich eine Sinfonie hätte erarbeiten wollen, hätte er es ohne Zweifel getan, denn in diesen Jahren war er äußerst produktiv.

Die Marketingprofis der Telekom und ihre Mitmacher seitens der Kulturindustrie (das Album wird zeitgleich vom Musikkonzern BMG veröffentlicht) reproduzieren den Geniekult des 19. Jahrhunderts, ohne zu verstehen, was die Größe (und das Geheimnis) Beethovens wirklich ausmacht: mit jedem seiner Werke »neue Wege« zu beschreiten. Stattdessen geht es ihnen ums Geschäftsprinzip der endlosen Wiederholung eines einmal erfolgreichen Stücks. Dazu haben sie unter anderem den Musikproduzenten Walter Werzowa hinzugezogen, der sich wohl mit dem Eurotrash-Hit »Bring Me Edelweiss« und der von ihm komponierten Intel-Jingle ausreichend qualifiziert hat, in die Fußstapfen Beethovens zu treten. »Es ist vollbracht«, heißt es auf der »Magenta Musik«-Webseite ganz im Stil der letzten Worte Jesu am Kreuz. Wer ein solches Machwerk aufführt, wie das Beethoven Orchestra Bonn, hat wirklich die Kontrolle über sein Leben verloren. »Bring Me Unvollendete«? Alles Lüge!

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