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Lange eingeschüchtert und ignoriert

Auch die evangelische Kirche hat Missbrauchsfälle vertuscht – Opfer geht an die Öffentlichkeit und will anderen Betroffenen Mut machen

  • Von Hagen Jung
  • Lesedauer: 3 Min.
Auch der evangelische Klerus vertuschte Sexualstraftaten.
Auch der evangelische Klerus vertuschte Sexualstraftaten.

Zusammen mit Vertretern der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers ist Lisa Meyer (Name geändert) dieser Tage per Video vor die Presse getreten. Sie will öffentlich machen, was ihr ein protestantischer Diakon im Jahr 1973 angetan hat. Damals, als sie zehn Jahr jung war und im Gemeindehaus-Keller der König-Christus-Kirche im niedersächsischen Oesede bei Osnabrück Verstecken spielte. Eine gleichaltrige Freundin machte mit und auch Siegfried G., ein angehender, gut 30 Jahre alter Diakon.

Mädchen erzählten niemandem davon

»Eklig« empfanden es die Mädchen, als der sie plötzlich küsste und im Intimbereich anfasste. Doch die Mädchen erzählten niemandem davon. Etwa ein Jahr nach diesem Vorfall, auf einer Jugendfreizeit, nutzte der Mann eine für ihn günstige Gelegenheit, die krank im Bett liegende Lisa schwer sexuell zu missbrauchen. Nach derzeitiger Rechtsprechung würde das, was ihr damals geschah, als Vergewaltigung gewertet werden, weiß Lisa Meyer.

Warum sie sich erst jetzt als Opfer offenbart? Zwar hatte sie gleich nach der Tat auf der Jugendfreizeit, an der auch die Frau und die Kinder des Diakons teilnahmen, einer Betreuerin davon berichtet. Doch diese Frau habe ihr keinen Glauben geschenkt, sondern vielmehr gedroht: Sofern Lisa bei ihren Schilderungen bleibe, werde sie »Ärger« bekommen. Lisa schwieg. Bis zum Jahr 2010. In jenem Jahr hatte sie von den Missbrauchsskandalen in der katholischen Kirche erfahren und davon, dass diese aufgearbeitet werden sollen.

Würdenträger veranlasste nichts

Offenbar hatte das Reden über diese Missbrauchsskandale und ihre geplante Aufarbeitung Lisa Meyer Mut gemacht, sich vor elf Jahren an den damaligen Landessuperintendenten – in der evangelischen Kirche ein Vorgesetzter anderer Geistlicher – zu wenden und über das Erlittene zu sprechen. Doch der Würdenträger habe nichts veranlasst. Ungern denkt Lisa auch an den Kontakt mit der offiziellen Landeskirche zurück, wo sie sich um eine Entschädigung für die Taten des Diakons bemüht hatte. Das entsprechende Verfahren schildert sie als »sehr belastend, absolut intransparent und wenig betroffenenfreundlich«.
»Wir haben Fehler gemacht«, bekannte jetzt der Leiter der Rechtsabteilung beim Landeskirchenamt, Rainer Malnusch. Er bat die Betroffene Lisa Meyer während des Pressetermins um Entschuldigung und sagte: Es habe sich vieles verändert und verbessert, »aber es gibt noch viel zu tun, und manches geht auch nicht so schnell, wie wir uns das selbst wünschen«.

Ermittlungen im Schneckentempo

Geht »es« bei den Katholiken schneller? Immerhin hat beispielsweise im Bistum Hildesheim der seit 2018 amtierende Bischof Heiner Wilmer schon sehr kurz nach seiner Weihe engagiert die Ermittlungen von Missbrauchsfällen vorangetrieben. Entsprechende Aktivitäten der evangelischen Seite verlaufen dagegen, so scheint es, im Schneckentempo.
Eine Studie der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zur sexualisierten Gewalt im Bereich des Klerus war schon lange angekündigt, ehe sie im Dezember des vergangenen Jahres endlich in Angriff genommen wurde. Vorliegen wird die Expertise voraussichtlich erst im Jahr 2023. Damit sind die Protestanten deutlich langsamer als die Katholiken, die bereits 2018 eine solche Studie präsentierten.

Eher Täter als Opfer geschützt

Schon 2014 hatte die evangelische Kirche in Norddeutschland eine Studie auf regionaler Ebene vorgelegt. Diese Studie besagt, dass Missbrauchsfälle im evangelischen Bereich jahrelang vertuscht wurden. Offenbar hat auch die evangelische Kirche im eigenen Interesse lange Zeit eher die Täter als die Opfer geschützt. Damit das nicht weiter geschehen kann, sollten sich Betroffene offenbaren. Dazu wolle sie mit ihrem Schritt in die Öffentlichkeit ermutigen, bekräftigt Lisa Meyer.

Ihr Peiniger war 1977 wegen eines weiteren Missbrauchsfalles, der aber nicht zur Anzeige gebracht wurde, aus dem Kirchendienst entlassen worden. Auch danach soll er noch Kinder missbraucht haben. Mittlerweile ist er verstorben.

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