Schluss mit »Wildnis«

Zum Schutz der Biodiversität braucht es indigene Völker und traditionelle Naturnutzung

  • Von Norbert Suchanek
  • Lesedauer: 6 Min.

»Schützt die Wildnis!« Es gibt kaum einen Begriff, der im Zusammenhang mit Natur und Artenvielfalt so oft verwendet wird und gleichzeitig so in die Irre führt, wie »Wildnis«. Zahlreichen wissenschaftlichen Studien zum Trotz, die auf Einfluss und Wissen indigener Völker verweisen, ist das »Wildnisdenken« bis heute in den Köpfen westlicher Forscher und Naturschützer wie dem weltweit bekannten britischen Naturfilmer David Attenborough fest verankert. Eine neue Studie bestätigt abermals, dass dieser Begriff ein Fehlgriff ist, und fordert ein Umdenken.

Wildnis steht für unberührte, jungfräuliche Natur, eine Landschaft ohne Menschen. »Trotz des jahrzehntelangen kritischen Engagements indigener und nicht-indigener Beobachter halten große internationale Nichtregierungsorganisationen, Philanthropen, globale Institutionen und Nationalstaaten diese Vorstellung von unberührten Landschaften als Wildnis in den Naturschutzidealen und -praktiken aufrecht. Dabei hat die vorherrschende globale Naturschutzpolitik und die öffentliche Wahrnehmung immer noch nicht erkannt, dass indigene Völker seit Langem hochwertige artenreiche Landschaften geschätzt, genutzt und gestaltet haben«, schreiben die Natur- und Sozialwissenschaftler Michael-Shawn Fletcher, Rebecca Hamilton, Wolfram Dressler und Lisa Palmer von den Universitäten Melbourne, Canberra und vom Jenaer Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte.

Darüber hinaus habe die Ausgrenzung von Menschen aus vielen dieser Orte unter dem Deckmantel des Wildnisschutzes ihren ökologischen Zustand verschlechtert und die Vernichtung von an Arten reichen Landschaften beschleunigt. »Wildnis ist ein unangemessenes und menschenverachtendes Konstrukt«, resümiert das Forscherteam. In einer nur als bittere Ironie zu beschreibenden Weise beschleunige die Definition indigener Territorien als »Wildnis« deren Untergang. Der Naturschutz vernichtet, was er eigentlich schützen will.

Für ihre Anfang Oktober im Fachblatt »Proceedings of the National Academy of Sciences« (PNAS) veröffentlichte Studie hatten die Forschenden über 50 bisherige Fallstudien zu tropischen Regionen ausgewertet, die von Wissenschaftlern mit Naturschutz- und Biodiversitätshintergrund als »Wildnis« dargestellt werden. »In unserer Arbeit haben wir uns drei Regionen angeschaut: den Amazonas, Südostasien sowie den Pazifik und die zentralen Wüsten Australiens«, schreibt das Forscherteam. Alles Gebiete, die auf der vermeintlichen Suche nach den letzten wilden Orten als »Wildnis« kartiert wurden.

Tropische Regionen, so die Forscher, würden im westlichen Naturschutzdenken am häufigsten als unberührte oder kaum beeinflusste Landschaften angesehen. Doch tatsächlich wurden sie »tiefgreifend von Menschen geformt und werden auch heute noch von verschiedenen indigenen Völkern bewohnt und genutzt.« Der über Jahrtausende betriebene Wanderfeldbau habe aktiv in diesen Regionen die Biodiversität im Landschaftsmaßstab gefördert und gleichzeitig Millionen indigener Menschen den Lebensunterhalt gesichert.

Zum Beispiel sei Amazonien ein Zentrum für die Domestikation von über 80 Nutzpflanzenarten gewesen. Durch Züchtung und Anbau dieser Nutzpflanzenarten hatten die Indigenen einen erheblichen Einfluss auf Zusammensetzung und Struktur von Böden und Wäldern. Die Biodiversität dort ist auch ein Ergebnis dessen. Ähnlich in Süd- und Südostasien. Dort spielte der seit Jahrtausenden praktizierte Wanderfeldbau mit dem Wechsel von Roden, Verbrennen und Brachen vermutlich eine wichtige Rolle in der Gestaltung, Struktur und Widerstandsfähigkeit der Tropenwälder.

Die wahrscheinlich am längsten von Indigenen kontinuierlich beeinflusste Region in der Welt, so das Wissenschaftlerteam, seien die Trockengebiete Australiens. Weit davon entfernt, eine der »letzten Wildnisse« der Erde zu sein, sind die Western Deserts von Australien die angestammte Heimat mehrerer Aborigines-Völker, die diese Landschaften seit Jahrtausenden hegen und nutzen. Das Forschungsteam kommt zu dem Ergebnis, dass »die Vertreibung der traditionellen Landbesitzer in den 1960er Jahren katastrophale Auswirkungen sowohl für die Menschen wie das Land« hatte. Unkontrollierte Buschbrände und der Verlust biologischer Vielfalt seien zwei der signifikantesten Folgen.

»Australien steht derzeit vor einer Reihe von Umweltkrisen«, sagt Hauptautor Michael-Shawn Fletcher von der University of Melbourne. »Wir erleben eine der weltweit höchsten Verlustraten von biologischer Vielfalt, die mit der britischen Invasion begann und seitdem rasant weitergeht und jetzt durch die Auswirkungen des Klimawandels verstärkt wird.« Zudem gebe es insbesondere im Südosten zunehmende katastrophale Buschbrände, die häufiger und intensiver werden und immer größere Flächen betreffen.

Der zum Aboriginevolk der Wiradjuri gehörende Geograf ist sich sicher, dass diese Umweltprobleme Australiens auf die verheerenden und anhaltenden Auswirkungen der britischen Invasion und der anschließenden Kolonisierung des australischen Kontinents zurückzuführen sind. Seit 1,7 Millionen Jahren sei die Evolution des Menschen untrennbar mit Feuer verbunden, sagt Fletcher. »Feuer war und ist immer noch unser wichtigstes Werkzeug der Landschaftspflege.« So hätten die Aborigines über mehr als 65 000 Jahre die australischen Landschaften mit Feuer erfolgreich gemanagt und unbezahlbares Wissen dazu angesammelt. Anders als die übliche westliche Naturschutzideologie betrachteten Aborigines in Australien »wildes Land«, also Wildnis als »krankes Land«, Land, das durch mangelnde Pflege und Nutzung degradiert wurde. Genau dieses fehlende traditionelle Feuermanagement und mangelnde Landnutzung, ausgelöst durch die physische Vernichtung und Vertreibung der Urbevölkerung durch die britische Kolonisation sowie die bis heute andauernde Ignorierung ihres Wissens durch einen falsch verstandenen Naturschutz seien die Hauptursachen für die heutigen Feuersbrünste und Artenvielfaltsverluste. Die Wildnisideologie zerstöre Australiens Natur, ist Fletcher überzeugt.

»Unsere Forschung zeigt, dass der Versuch, das ›Wilde‹ vom ›Zahmen‹ und das ›Nicht-Menschliche‹ von ›Mensch‹ zu unterscheiden, das lange und dauerhafte Erbe der indigenen und lokalen Bevölkerung bei der Gestaltung und dem Schutz von Landschaften auf der ganzen Welt ignoriert«, sagt die Naturschutz-Paläoökologin am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena, Rebecca Hamilton. Diese Ignoranz habe das Potenzial, die Menschen und die tiefen Wissenssysteme zu vernichten, die das langfristige Funktionieren und die Widerstandsfähigkeit der biologischen Vielfalt über Jahrtausende hinweg gefördert haben. Damit werde das zerstört, was der Naturschutz eigentlich schützen wollte.

Für den Aborigine Fletcher von der University of Melbourne, sind »die katastrophalen Waldbrände und die Umweltzerstörung, die jetzt (unter anderem) in Australien, im Nordwesten Amerikas und im Amazonasgebiet auftreten - alles Länder, die von Europäern überfallen und kolonisiert wurden - zumindest teilweise das Ergebnis der Vertreibung indigener und lokaler Menschen, deren Wissen und Handeln genau zu diesen Landschaften führte, die wir bewahren wollen.« Die aus Europa exportierten Landmanagement-Ansätze seien weltweit gescheitert. Für den Geografen steht fest: »Wir müssen die Wildnis-Metapher und den Mythos aufgeben, dass Wissenschaft ein objektives Streben ist. Wir müssen andere Sichtweisen auf die Welt berücksichtigen und einbeziehen, wenn wir auf diesem Planeten überleben wollen.«

Fletcher und seine Mitautoren und Autorinnen bestätigen damit auch meine eigenen journalistischen Erfahrungen aus den 1990er Jahren mit indigenen Völkern in Brasilien und Papua-Neuguinea, die ich genau vor 20 Jahren in meinem Buch »Mythos Wildnis«, erschienen 2001 im Schmetterlingverlag, zusammengefasst hatte.

Eines der indigenen Völker Brasiliens, das Opfer des vom brasilianischen Staat übernommenen Wildniskonzepts im Naturschutz wurde, sind die Gurani-Mbyá, deren angestammtes Territorium der Atlantische Regenwald ist. Sie haben als eines der wenigen Völker Südamerikas 500 Jahre Kolonisierung in Süd- und Südostbrasilien in ihrer Heimat überlebt. Weite Gebiete ihres Territoriums wurden zwar im Laufe der Jahrhunderte vornehmlich für Kaffee- und Zuckkerrohrplantagen sowie Rinderzucht und das Wachstum der Städte abgeholzt. Doch erst die Unterschutzstellung der restlichen Atlantischen Regenwaldgebiete als Nationalparks und Landesschutzgebiete in den 1970er Jahren hat sie letztlich um ihren angestammten Lebensraum gebracht. Heute müssen die Guarani-Mbyá in Mini-Reservaten am »Rand« der Naturschutzgebiete leben und dürfen ihr eigentliches Territorium nur als »Naturtouristen« betreten.

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