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Fahren statt Fliegen

Klimakolumne: Warum Kurzstreckenflüge endlich durch Bahnfahren ersetzt werden müssen

Die Verlagerung von Kurzstreckenflügen auf die Schiene ist eine der Lebenslügen der deutschen Verkehrspolitik. Mit dem Ziel, innerdeutsche Flüge zu reduzieren, wurden zwar teure Hochgeschwindigkeitsstrecken wie etwa von Köln nach Frankfurt am Main legitimiert. Doch das Ziel wurde schlicht verfehlt: Die Lufthansa kündigte Mitte Oktober 2021 an, die Zahl ihrer Kurzstreckenflüge sogar noch zu erhöhen. Ultrakurzstreckenflüge bis 600 Kilometer sind an der Tagesordnung. Der nächsten Bundesregierung muss es gelingen, solche niedrig hängenden Klimafrüchte zu ernten. Die Ziele der Hälfte der innerdeutschen Flüge sind schon heute innerhalb von vier Stunden mit der Bahn erreichbar. Und auch im Pandemiejahr 2020 nahmen die Kurzstreckenflüge laut Statistischem Bundesamt gegenüber dem Vorjahr nicht ab.

Dabei ist eine Fahrt mit dem ICE im Vergleich zum Flugzeug sieben Mal klimafreundlicher. Die energieintensiven Start- und Landevorgänge schlagen besonders zu Buche. Zudem kann die Bahn durch Umstellung auf regenerativen Strom immer mehr CO2 einsparen. 60 Prozent des Bahnstroms bestanden 2020 aus Erneuerbarer Energie. Im Luftverkehr gibt es hingegen bisher nur das Ziel, bis 2030 zwei Prozent synthetischen, also aus erneuerbarem Strom hergestellten Kraftstoff beizumischen. Das ist lächerlich gering.

Versprochen wurde viel. Umgesetzt wurden aber nur wirkungslose Maßnahmen wie »Express-Rail«, die die Bahnanreise zum Umsteigeflughafen Frankfurt am Main erleichtern. Dort wurde auch ein eigenes Terminal für die Bahnkunden eingerichtet. Eine gemeinsame Strategie von Umsteigeflughäfen, Deutscher Bahn und Fluglinien, die innerdeutsche Flüge anbieten, sucht man jedoch vergebens. Verlagerung von Flugverkehr auf die Schiene ist bisher kein Unternehmensziel. Das Programm »Starke Schiene« kündigt sie neuerdings nur an, nennt jedoch keine konkreten Maßnahmen. Auch das Klimaschutzprogramm 2030 war kein Gamechanger: Das dort angekündigte Verbot von Dumpingpreisen für Parallelflüge harrt der Umsetzung.

Europarechtlich können Flügen mit konkurrenzfähiger Bahnalternative die Verkehrsrechte entzogen werden. Beispielhaft genannt werden Flüge, für die es eine Bahnverbindung innerhalb von drei Stunden gibt. Realistisch kalkuliert einschließlich Anreise sowie Checkin-, Boarding- und Taxizeiten auf Flughäfen, dürfte die Reisedauer von Ultra-Kurzstreckenflügen bei dreieinhalb bis vier Stunden liegen. Von einem Komfortverlust kann also keine Rede sein. Im Gegenteil: Gerade auf Geschäftsreisen kann die Reisezeit im Zug – anders als im Flieger – unterbrechungsfrei und ungestört genutzt werden. Die Deutsche Bahn kann und muss hier noch besser werden, etwa beim stabilen Mobilfunkausbau und beim WLAN-Angebot.

Im innerdeutschen Flugverkehr werden zwei Millionen Tonnen CO2 jährlich ausgestoßen. 600.000 Tonnen kommen hinzu für Flüge ins Ausland mit Vier-Stunden-Bahnalternative. Für die Hälfte der innerdeutschen Flüge gibt es Bahnverbindungen in vier Stunden. Mit ein bisschen Kreativität und vor allem politischem Druck einer neuen Bundesregierung könnte die Bahn in Deutschland zum Klimaschützer Nummer 1 werden. Dafür müsste die Bahn mehr Sprinter einsetzen, gezielt Fluggäste übernehmen und entsprechende Platzkontingente anbieten. Die Fluganschlüsse für Fernreisen müssten gesichert und das Gepäck für Umsteiger müsste durchgecheckt werden bis zum Flugziel. Das könnte ein Leuchtturmprojekt für die Deutsche Bahn werden. Auch die Nachtzugverbindung muss sich die Bahn endlich wieder vornehmen, sogar längere Reisen sind damit kein Problem. Der Wunsch der Bevölkerung ist längst da, klimafreundlich zu reisen – nur an den Angeboten mangelt es derzeit noch.

Die Klimapolitik der nächsten Bundesregierung wird sich auch am Flugverkehr messen lassen müssen. Ist sie willens und in der Lage, solche vergleichsweise einfachen Klimaschutzmaßnahmen umzusetzen? Als BUND werden wir auch weiterhin ein Auge darauf haben.

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