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Kaisertreue, verwoben mit bürgerlicher Wissenschaft

Das Jahrhundert der Eigennützigen

  • Lesedauer: 10 Min.

Der Roman von Jürgen Meier erzählt, beginnend im Jahr 1910, die Geschichte zweier Familien - der Familie Becker aus Chemnitz und der Familie Meyer aus Ostwestfalen - und mit ihr die Geschichte eines Jahrhunderts.

Johannes Becker beginnt 1910 ein Ingenieursstudium in Chemnitz und heiratet kurz darauf eine Glasmalerin. Seine Frau wendet sich von ihm ab, als er zunehmend der völkischen Ideologie der Nationalsozialisten verfällt.

Ähnlich zerrissen ist die Familie Meyer in Ostwestfalen. Der Vater Karl nutzt die Machtübernahme der Nazis, um sich an jüdischem Eigentum zu bereichern. Sohn Gottfried, von seiner Mutter aus tiefem Friedenswunsch heraus so genannt, will zunächst Pastor werden, folgt dann aber ebenfalls seiner Begeisterung für die Nazis und zieht in den Krieg. Durch einen Zufall lernt er Ingeborg Becker kennen und heiratet sie. Seine Familie bedeutet ihm sehr viel, aber auch nach dem Krieg und der Kriegsgefangenschaft in Frankreich lässt er seinem Antikommunismus freien Lauf.

Gottfried bleibt ein Mann von gestern, der aus Krieg und Hitlerzeit nichts gelernt hat. Der Konflikt des Sohns Georg mit seinem Vater eskaliert deshalb zunehmend. Georg verlässt das Elternhaus. Weil Georg hartnäckig einen anderen Lebenssinn sucht, ihn in der Liebe aber nicht finden kann, schließt er sich 1970 als Student den Vietnamkriegsgegnern an.

Jürgen Meier erzählt von der Verstrickung in die nationalsozialistische Ideologie, von Verblendung und Schuld und von einer jungen Generation, die sich aus dem Kreislauf von Ideologie und Habgier befreien will.

Er blickte aus der Ferne ehrfürchtig auf die Fassade des monumentalen Gebäudes der Technischen Staatslehranstalt seiner Stadt Chemnitz. Hier waren die großen Baustile der Vergangenheit, die Gotik mit ihren Spitzbögen und die Renaissance mit ihren bunten Ornamenten, miteinander verknüpft. Wie ein Schloss des Kaisers, dachte er und schaute auf die zwei mit Gold belegten Meißner Löwen. Er bewunderte den Architekten Böttcher, einen bismarcktreuen Bewohner dieser Stadt, für das Fingerspitzengefühl, mit dem er die Tradition mit der Moderne zu verbinden gewusst hatte. Kaiserliche Treue wurde hier mit bürgerlicher Freiheit der Wissenschaften verwoben. Er beobachtete, wie junge Männer in ihren besten Anzügen, viele von ihnen mit den blauen und grauen Kappen der Burschenschaft »Teutonia« auf den kurz geschnitten Haaren, mit forschem Schritt durch die große Eingangstür in der Mitte des Gebäudes traten. Er liebte seine Großstadt Chemnitz. Den Marktplatz, das Rathaus mit seinen zwei ungleichen Türmen, davor der Brunnen mit dem Reiterstandbild von Kaiser Wilhelm I., flankiert von den Standbildern Bismarcks und Moltkes. Das war für ihn Heimat. Hier verknüpften sich Vergangenheit und Zukunft. In allen Straßenzügen seiner Stadt hatten Bauherren und Ingenieure den Beweis dafür geliefert, dass die moderne Industrie- und Handelsstadt nicht gegen, sondern mit dem Kaiser und seinen Ideen marschierte. Den Geist der neuen Zeit spürte er Tag für Tag, wenn er durch die Straßen ging. Diesem Geist wollte er gründlich auf die Spur gehen, um zu helfen, ihn in das wirkliche Leben mit immer mehr und besserer Technik zu integrieren.

»Guten Morgen, Johannes Becker, traut sich der Herr nicht, den Schritt in unsere Zukunft zu setzen?«, hörte er hinter sich die liebenswürdige Stimme seines Freundes Hans Lasch, der stets zu Scherzen aufgelegt war. Er reichte Johannes, wie ein Kammerdiener seinem Herrn, den ausgestreckten rechten Arm zur Begrüßung, verbeugte sich tief und wies mit der linken Hand einladend auf die Eingangstür der Technischen Staatslehranstalt.

»Ach, Hans, entschuldige, ich habe geträumt.«

»Von unserer Zukunft als große Erfinder?«, fragte Hans und ließ seinen rechten Arm im großen Bogen kreisen. »Lass uns zur Tat schreiten. Gleich wird Professor Müller die erste Vorlesung für uns Studenten des ersten Semesters halten. Aber zunächst, Johannes, möchtest du bitte noch einmal zur Sekretärin des Direktors kommen, das hat sie mir gestern mitgeteilt. Sie hat noch einige Formalien mit dir zu besprechen. Ich halte einen Platz im großen Hörsaal für dich frei. Bis gleich!«

»Guten Morgen!«, begrüßte ihn freundlich die Sekretärin, die vor ihrem Schreibpult stand und damit beschäftigt war, ihre Haarpracht vorsichtig von einem Hut mit ausladender Krempe zu befreien. »Bin gleich soweit!« Da sie ihm den Rücken zuwandte, betrachtete er aufmerksam, wie sie sorgsam den Hut senkrecht nach oben schob, um die sorgfältig zu einem großen Knoten geflochtenen Haare nicht zu zerwühlen. »Gleich geschafft!«, sagte sie. Mit dem Hut in den Händen drehte sie sich so schwungvoll zu ihm um, dass der Stoff ihres weiten und langen Rockes einen Stapel Formulare von ihrem Schreibpult wischte. »Oje!«, schimpfte sie und legte den Hut auf den Stuhl vor dem Pult. Doch bevor sie sich überhaupt bücken konnte, hatte Johannes Becker mit flinken Händen die Papiere aufgehoben. Er verbeugte sich und postierte sich sofort wieder an der Eingangstür, jener Zone, wo Studenten zu warten hatten, bis sie zum Nähertreten aufgefordert wurden. Unter dem weißen, aufrecht stehenden Hemdkragen trug er eine weinrote Krawatte, die auf seiner schmalen Brust in einer grauen, zur Farbe seines Anzugs passenden Weste steckte. Während die Sekretärin ihre Papiere ordnete, schob er den Knoten seiner Krawatte in die Mitte. Er hatte sich leicht verschoben, als er die Papiere vom Boden aufgehoben hatte.

»Ich danke Ihnen!«, rief die Sekretärin ihm zu, als sie sah, dass alles wieder in bester Ordnung war. »Was kann ich für Sie tun?«

»Mein Name ist Phillipp Max Johannes Becker. Sie hatten mir die Aufforderung zukommen lassen, mich bei Ihnen zu melden.«

»Richtig.« Sie griff aus dem Stapel der von ihm aufgesammelten Papiere ein Blatt mit seinem Namen heraus und setzte sich auf den Stuhl vor ihrem Schreibpult, unter dem sich Schubladen befanden, zu denen sie von der Schreibfläche aus stets guten Zugriff hatte.

»Ich benötige noch einige Auskünfte zu Ihrer Person, Herr Johannes Becker. Wann wurden Sie geboren?« Sie tauchte ihre Feder in das Tintenfass und notierte jede Antwort mit schönster Schrift.

»Am 17. April 1892.«

»Ihren Geburtsort und die jetzige Anschrift benötige ich noch.«

»Ich wurde in Chemnitz geboren und wohne in der Dorotheenstraße 1 im zweiten Stock.«

»Ach!«, jauchzte sie und schaute ihn mit ihren tiefbraunen Augen entzückt an, ohne ihre Schreibfeder aus der Hand zu legen. Johannes, den emotionale Bewegtheit anderer Menschen leicht aus der Fassung bringen konnte, schaute verlegen auf die kräftigen Eichendielen des Fußbodens.

»Dorotheenstraße. Entzückend. Jeden Tag am Schlossteich vorbei, um in unsere Lehranstalt zu gelangen. Ein wunderschöner Weg! Ich habe einst in der Leipziger Straße gewohnt. Der Weg ist ja fast der gleiche. Wie habe ich diesen Weg geliebt. Verzeihen Sie meine Exaltiertheit. Aber wissen Sie, seitdem ich verheiratet bin, lebe ich auf dem Land. Täglich muss ich mit der Eisenbahn anreisen. Scheußlich, dieser Qualm und Gestank.« Sie schaute wieder auf das Formular.

»Leben Sie dort allein?«

»Nein, ich lebe dort mit meiner Mutter, Emma Clara Becker, geborene Uhlig.«

»Nein! Ist das möglich?!«, staunte sie und schob die Schreibfeder ins Tintenfass, bevor sie sich erhob und auf Johannes zuschritt.

»Uhlig! Wissen Sie, dass mein Lehrherr in der Actienspinnerei der Spinnmeister August Phillipp Uhlig gewesen ist? Ich habe dort im Kontor gearbeitet. Ein vortrefflicher Mann! Sind Sie mit ihm verwandt?«

»Er ist mein Großvater mütterlicherseits.«

»Ach nee«, stöhnte sie, »Sie Ärmster.«

»Ärmster?«, fragte Johannes, der sich an diesem Tag bislang sehr glücklich gefühlt hatte. Er konnte endlich studieren.

»Nun mal ehrlich, Herr Johannes Becker. Ach, ich heiße übrigens Fuhrmann, das ist ja auch der Geburtsname Ihrer Großmutter, die mit Vornamen, so wie ich, Johanne heißt. Deren Nichte bin ich. Johanne und Johannes. Ist doch witzig!«

Johannes fand das alles andere als witzig. Es war einfach nur ein Zufall.

»Wissen Sie, dass ich während meiner Ausbildung in der Spinnerei bei Ihren Großeltern zur Untermiete gewohnt habe? In der Leipziger Straße 108, im dritten Stock.«

»Da wohnen meine Großeltern noch immer. Von unserer Wohnung nur drei Minuten entfernt.«

»Ach nee, wie schön! Ihre Großmutter ist eine ganz liebe Frau. Sie hat immer zu mir gesagt: ›Johanne, wir Jud’ müssen zusammenhalten.‹«

Johannes zuckte zusammen. Er glaubte, nicht richtig gehört zu haben. Seine Oma war keine Jüdin, da war er ganz sicher, sonst hätte er das bestimmt schon von seiner Mutter erfahren. Aber warum sollte er dieser Amtsperson widersprechen? So starrte er mit seinen großen graugrünen Augen auf den sich ständig und schnell öffnenden Mund der Sekretärin, die für ihn immer und ewig nur das sein würde: Sekretärin - und keine Verwandte.

»Wir zwee sind uns noch nich begechnet«, scherzte sie. »Schade! Aber ich weiß von meiner Tante, dass Ihr Vater, Max Becker, Ihre Mutter sehr enttäuscht haben muss. Ist sie noch immer traurig?«

Johannes hatte seinen Blick wieder verschämt auf die Dielen gerichtet. Er konnte dieser Frau, die vorgab, mit ihm verwandt zu sein, nicht länger in die Augen schauen. Jetzt hatte ihn diese Person auch noch an die dunkelste Zeit erinnert, die seine geliebte Mutter hatte ertragen müssen. Er spürte Zorn in sich. Ein Gefühl, das ihn sehr selten überkam. Sein Vater hatte kurze Zeit als Buchhalter gearbeitet, so hatte seine Mutter ihm erzählt. Er hatte seinen Beruf gehasst, wollte lieber Musiker sein. So hatte er in der Actienspinnerei gekündigt und war dann mit seiner Klarinette durch die Wirtshäuser von Chemnitz getingelt. Statt mit Geld war er von seinen Touren immer häufiger mit einem Vollrausch heimgekehrt. Bald schon hatten seine Gläubiger nicht nur ihn, sondern auch seine Frau und seinen Schwiegervater bedroht, den Spinnmeister Uhlig. Von seinem Schwiegervater zur Rede gestellt, hatte er auf ihn eingeschlagen und war nach Dresden geflüchtet. Dort hatte man ihn für kurze Zeit inhaftiert, was für seine Frau endlich Anlass genug gewesen sein musste, sich von ihm scheiden zu lassen. Gestorben war er 1902, gerade fünfunddreißig Jahre alt. Ein Lastwagen hatte ihn überfahren. Johannes’ Mutter hatte sich nur langsam von den Qualen, die ihr dieser Mann zugefügt hatte, erholt. Ohne die liebevolle Fürsorge ihrer Mutter hätte sie sicher nicht überlebt.

»Verzeihen Sie bitte, Frau Fuhrmann«, sagte Johannes leise, »aber ich müsste schon längst in der Vorlesung sein.«

»Ach, Johannes, das habe ich in der Freude ja ganz vergessen. Richtig, Erstsemester, Vorlesung bei Professor Müller. Aber das war doch eine schöne Begegnung mit uns. Ich freue mich so! Wenn ich nicht diese verfluchte Eisenbahn pünktlich erreichen müsste, hätte ich Ihrer Großmutter schon längst einen Besuch abgestattet. Bitte grüßen Sie ganz herzlich von mir. Aber wir werden uns jetzt ja häufiger sehen - wie scheen!«

»Wie scheen!«, äffte er, der den Dialekt seiner Heimat hasste, auf seinem Weg zum großen Hörsaal die Stimme der Sekretärin leise nach. Nur wenn es im Laufe des Studiums unbedingt erforderlich sein sollte, da war er sich ganz sicher, würde er wieder mit dieser Person sprechen.

Hans hatte ihm in der letzten Reihe des Hörsaals, gleich an der Eingangstür, einen Platz neben sich frei gehalten. Johannes war von der Größe des Raumes überwältigt. Im Steigungswinkel von fünfundvierzig Grad waren fünfzig oder gar sechzig Stuhlreihen hintereinander angeordnet. In jeder Reihe saßen mindestens fünfzig Studenten. Die Stuhlreihen stiegen kontinuierlich von vorne nach hinten an, so dass Johannes von seinem Platz aus genauestens sehen konnte, was vorne geschah. Dort stand Professor Müller hinter einem langen Holztresen, der wie eine unüberwindliche Grenze zwischen Auditorium und professoraler Staatsautorität wirkte. Hinter dem Dozenten war eine große Schiefertafel angebracht, gleich neben der Holztür, durch die nur die Professoren den Hörsaal betreten durften. Darüber, hoch oben im Giebel, befanden sich drei große im Rundbogen geformte Fenster mit Bleiverglasung. Bis zur Mitte der Raumhöhe, die Johannes dort, wo der Professor stand, auf zehn Meter schätzte, waren die Wände mit großen, dunklen Holzplatten vertäfelt, ebenso wie die Decke.

Jürgen Meier
Wöbkenbrot und Pinselstrich
Mit einem Kommentar von Konstantin Wecker.
Mirabilis-Verlag
344 S., geb., 24 €

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