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  • Kunstsammlungen Chemnitz

Kontrapunkte zur herrschenden Zeit

Zwei Exzentriker und Exilanten: Carlfriedrich Claus und Gerhard Altenbourg werden gemeinsam in einer opulenten Doppelausstellung der Kunstsammlungen Chemnitz geehrt

  • Von Gunnar Decker
  • Lesedauer: 6 Min.

Einen Dialog sollen sie führen, hier in den Kunstsammlungen Chemnitz unter dem Titel »Nähe und Distanz«. Wohl mehr Distanz als Nähe? Zwei im Verborgenen lebende Künstler, die den Monolog pflegten, aber sich dennoch regelmäßig Briefe schrieben.

Nun, lange nach ihrem Tod - Gerhard Altenbourg starb 1989 und Carlfriedrich Claus 1998 - gibt es eine Doppelausstellung dieser Exzentriker, die beide in der DDR in einer Art offenem Exil lebten. Das muss ein höchst produktiver Zustand gewesen sein, wie die hier gezeigten Arbeiten bekunden. Man kann beide auch - zusammen mit Horst Hussel - als Vertreter eines höchst eigensinnigen Surrealismus in der DDR bezeichnen.

Sie zu Dissidenten zu erklären aber wäre verfehlt, sie lebten unbeirrt für ihre Kunst, wurden dabei von Staats wegen keinesfalls gefördert (eher behindert), aber auch nicht verfolgt. Sie existierten nicht ungern in ihrer Nische und dass es lange Zeit für sie - wenn überhaupt - nur Gruppenausstellungen, erst spät dann auch Einzelausstellungen ihrer Werke gab, nahmen sie gelassen. Denn nicht nur ideologische Einflussnahme, auch der Kunstmarkt war ihnen suspekt.

Carlfriedrich Claus lebte bereits vier Jahrzehnte in Annaberg-Buchholz, demonstrativ zurückgezogen in zwei Hinterzimmern des Gloria-Kinos, als 1990 zu seinem 60. Geburtstag eine erste Einzelausstellung in Karl-Marx-Stadt stattfand. Sie stand unter dem Titel »Erwachen des Augenblicks. Sprachblätter«, wurde in der Wendezeit als unzeitgemäß empfunden und so schnell vergessen, dass es heute schwer fällt, überhaupt noch Spuren von ihr zu finden. Einige Fotos beweisen immerhin, dass sie überhaupt stattfand. 1993 zog Carlfriedrich Claus nach Chemnitz und erlebte dort noch das stetig wachsende Interesse an seiner höchst merkwürdigen Kunst. Einige seiner zahlreichen Briefwechsel sind inzwischen erschienen, auch der mit Christa und Gerhard Wolf, die Claus´ Bedeutung früh erkannten.

Denn Claus ist vor allem ein Sprachphilosoph, der seine Denkbilder visualisierte - oder (und) sie auch akkustisch hörbar machte mit »Sprechoperationen«, die man auch »konkrete Poesie« nennen kann. Aber er war mehr und anderes als ein Ernst Jandl in der DDR - seine Kunst hatte einen universalen Anspruch. Er erkannte bereits Anfang der 50er Jahre den technischen Charakter von Naturprozessen - und diesen begann er dann beharrlich auf seine poetischen Potentiale hin zu befragen. 1961 schrieb er an Gerhard Altenbourg, er sei dabei »sich auszugraben, zu finden, weiterzuentwickeln. Mich eben.«

Er beschäftigt sich mit Till Eulenspiegel und beginnt die Zeit ins Bild einzuschreiben. Was bei ihm bedeutet, dass er tatsächlich - auf mikroskopische Weise - etwas in die Bilder hineinschreibt. So sind dies buchstäblich Zeit-Zeichen. Da geht jemand zurück an den Anfang, findet Elementarzustände, in denen Chaos mit Ordnung kämpft, wie in »Organische Vibration« (1960) oder »Eulenspiegel-Reflex« und »Till Eulenspiegels Grab als Denkprozess (seine Wiederkehr als Guerillero)« von 1964/1972.

Da bekommt die fein ziselierte Schraffur der Bilder etwas Abgründiges. Es wird bodenlos - und aus der Tiefe scheinen Monstren aufzusteigen. Claus geht es um nichts weniger als den Denkprozess in einen Bildprozess zu verwandeln, wie in »Phase eines inneren Monologs« - in dem er wie mit einem Mikroskop auf molekulare Strukturen blickt und konstatiert: Das bin ich, in dem, was mich im Innersten zusammenhält!

Die Assoziationsräume, die Claus eröffnet, sind scharf kontrastiert und signalisieren Gefahr, so in »Codierter Code« von 1991. Das Sichtbare wird auf einige Zeichen reduziert und provoziert so die Vorstellungskraft des Betrachters. Denn das Bild ist für Claus etwas, das sich erst im Eigenen vollendet.

Aus Altenburg kommt sein künstlerischer Antipode, Gerhard Ströch, der sich bald schon Altenbourg nennt. Seine Bilder sind denen von Claus durchaus verwandt und doch malerischer, weniger verziffert, sie zielen stärker auf das Symbolhafte. Das Maschinenhaft-Mathematische von Claus liegt Altenbourg fern. Ihm geht es um den Riss in jenem Bild, das wir von uns im Spiegel erblicken. Er zeichnet Gesichter, die wie rund geschliffene Kiesel am Meeresufer wirken. Mit ausgewaschenen Leerflächen in der Mitte. Er sucht nach dem, was unserer Existenz zugrundeliegt, das Bild hinter dem Bild. Das bekommt dann etwas Sedimentäres: eine Schicht lagert sich über der anderen ab.

Claus´ hochphilosophische Existenzergründungsversuche haben immer etwas Alchimistisches, latent Explosives. Altenbourg dagegen schreibt und zeichnet nicht nur, er malt auch - die Farbe gibt der Existenz etwas auf rätselhafte Weise Festtägliches. »Silence« heißt ein Bild von 1974. Da ist viel Schöpfungsstille, die sich in der Natur rückversichert. Das Bild von Welt rundet sich darin.

Claus dagegen bleibt in seinen Schöpfungen ein Techniker, der an der Synthese von Natur und Maschine arbeitet. Manche seiner Bilder bekommen so etwas von Science Fiction: der Cyborg, der technische optimierte Mensch, löst diesen ab - und vernichtet ihn zugleich. Da ist ein aggressives Element am Werke, das sich kaum mehr zügeln lässt.

Was die beiden Exzentriker in ihren Kompositionen von Bild und Zeichen verbindet, ist ihr Sinn für das Skurrile und Groteske. All unsere krampfhaften Versuche bedeutungsvoll zu sein, wo es doch bloß um Spielflächen von Punkten und Strichen, von Hell und Dunkel geht! Aber ist dies nicht der disparate Stoff, aus dem wir gemacht sind, die Elemente der Selbsterkenntnis - Bild und Zeichen, eingeschrieben in die Zeit?

Altenbourg schöpft bevorzugt aus der Erinnerung, Traum vermischt sich bei ihm früh mit Albtraum, wie in »Janus und die Kinder der Zeit« oder »Ablösung der Generationen« (1955), beides Aquarelle, die den vielfältigen Bruch im Kontinuum der Zeit sichtbar machen. Claus dagegen versucht das revolutionierende Element selbst ins Bild zu bringen.

Fast fünfzig Briefe, oft nur kurze Mitteilungen, sind in fast drei Jahrzehnten zwischen Claus und Altenbourg hin und her gegangen. Man vertraut sich einander an - und hält Abstand dabei. Man gibt, aber wohldosiert. Diese Reserve ist etwas anderes als Reserviertheit. Denn hier sind zwei künstlerische Universen, die dicht beieinander liegend doch durch eine unüberwindliche Grenze voneinander getrennt sind. Ist ein Gespräch dennoch möglich? Mit Vorsicht vor den Empfindlichkeiten des anderen, aber nicht ohne Übermut und in mäandrierenden Satzschleifen. Claus am 21. März 1961 an Altenbourg: »...mein langes Schweigen, - : konzentrierte Arbeit liegt ihm zugrunde: Sie verstehen das sicher, kennen es: man vergräbt sich in eine Sache, Gänge, ein ganzes Höhlensystem ... die überraschenden Adern, Flüsse, die jetzt hereinbrechen ... man wird derart begierig, sie zu durchschauen, dass man, nun, sich abdichtet, nach der Umwelt zu.« Kunst kontert die Zumutungen der Welt, je nachdem mit einem Schwall von Worten oder kompromisslosem Schweigen.

Man versteht sich am besten in dem, was unausgesprochen bleibt. Denn etwas muss schließlich auch dem Zeigen der Bilder vorbehalten bleiben. So wie Gerhard Altenbourgs Kreidelithographie auf Karton von 1969 »Kopf Erich Arendt«. Eine graue Fläche dort, wo der Mund des ihm nahen surrealistischen Dichters (auch er ein exzentrischer Kontrapunkt in der Dichterszene der DDR) zu vermuten ist. Was er spricht, liegt im mythischen Raum, der weit über jede Gegenwart hinausweist.

Noch bis zum 14. 11. in den Kunstsammlungen Chemnitz

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