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Mangelernährung durch Schulschließungen

Corona-Maßnahmen haben nicht nur Auswirkungen auf die psychische, sondern auch auf die körperliche Gesundheit von Kindern

  • Von Lisa Ecke
  • Lesedauer: 4 Min.
Der Wegfall des Schulessens kann vor allem für arme Kinder bereits nach kurzer Zeit zu negativen gesundheitlichen Auswirkungen führen.
Der Wegfall des Schulessens kann vor allem für arme Kinder bereits nach kurzer Zeit zu negativen gesundheitlichen Auswirkungen führen.

Die Kontaktbeschränkungen während der Corona-Pandemie hat vor allem Kinder und Jugendliche emotional stark belastet. Eine Vielzahl von Studien hat sich den Auswirkungen auf die psychische Gesundheit und auch die Bildung von Minderjährigen gewidmet. Darüber hinaus gibt es aber auch noch andere negative Auswirkungen auf Heranwachsende: Ein »nicht unwesentlicher Anteil an Kindern« hat im Lockdown ein Risiko für Mangelernährung entwickelt. »Davon sind vor allem Kinder betroffen, die in Armut leben«. Zu diesem Ergebnis kommt eine kürzlich von der Universität Hohenheim veröffentlichte Untersuchung. In dieser wurden die Lockdown-Auswirkungen, insbesondere die der Schulschließungen, auf die Ernährung von Kindern untersucht.

Demnach hat die Pandemie einen Einfluss auf die Ernährungsarmut bei Kindern gehabt, auch in Deutschland. Hier zumeist als verdeckte Unterversorgung, die nicht mit offensichtlichen Symptomen wie der Knochenkrankheit Rachitis oder mit Skorbut einhergeht. Die Gründe für die wachsende Ernährungsarmut von Kindern sind der Untersuchung zufolge vielfältig.

Zum einen ist das vielerorts kostenfreie oder sehr günstige Schulessen entfallen, was viele Familien wegen mangelnder finanzieller Mittel nicht ausgleichen konnten. Die zusätzliche Belastung für die bisher kostenlose oder sehr günstige Schulverpflegung liegt laut der Untersuchung in Deutschland bei circa 15 bis 25 Euro in der Woche. Dazu kämen noch finanzielle Belastungsfaktoren wie Homeoffice, Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit, welche die Situation noch verschärft haben.

Betroffenen Familien blieb »besonders unter den Bedingungen der Pandemie keine andere Wahl, als auf preisgünstige, aber qualitativ weniger wertvolle Lebensmittel zurückzugreifen – mit entsprechenden Folgen für ihre und die Gesundheit ihrer Kinder«, heißt es in der Untersuchung. So ist zu erklären, warum Haushalte mit Kindern und Einkommenseinbußen in der Pandemie fast 30 Prozent mehr Fertigprodukte gekauft haben und rund 20 Prozent weniger Obst und Gemüse. Dies verstärke gesundheitliche Benachteiligungen und erkläre laut Hans Konrad Biesalski, dem Autor der Untersuchung, die Zunahme übergewichtiger Kinder in den vergangenen Monaten.

Aber die gesundheitlichen Folgen sind weit gravierender. Der Ernährungswissenschaftler beruft sich auf Studien, die beispielsweise einen Zusammenhang zwischen dem Aufwachsen in Armut und strukturellen Veränderungen des Gehirns festgestellt haben. Diese könnten zu einer eingeschränkten Lesefähigkeit und zu Sprach- und Sprechstörungen führen. Vor allem eine unzureichende Versorgung mit Vitamin B12, Folsäure, Vitamin D, Eisen, Zink und Jod habe demnach einen negativen Einfluss auf die Entwicklung des Gehirns. Vor allem auf das limbische System und dort insbesondere auf den Hippocampus, der Schaltstelle zwischen Kurz- und Langzeitgedächtnis. Bei Kindern komme hinzu, dass der wachsende Organismus deutlich mehr Mikronährstoffe benötige.

Darüber hinaus haben Kinder in Ernährungsarmut auch ein höheres Risiko für Erkrankungen des Herz- und Gefäßsystems. Außerdem sind sie anfälliger für Infektionen. Obwohl mit Corona infizierte Kinder meist keine oder lediglich geringe Symptome haben, zeichne sich der Untersuchung zufolge ab, dass bei mangelernährten Kindern schwerere Verläufe auftreten können. »Kinder aus armen Verhältnissen sind bereits vor den Schließungen der Schulen und damit auch der Schulmensen in vielen Fällen nicht ausreichend ernährt«, schreibt Biesalski.

Ein Verzicht auf die warme Mahlzeit in der Schulmensa könne bei ihnen bereits nach wenigen Monaten zu Defiziten wichtiger Vitamine und Minerale führen. Vor allem für diejenigen, für die das Schulessen kostenfrei war, etwa Kinder, deren Familien Hartz IV beziehen, bedeutete der Wegfall harte Einschnitte und eine Verschärfung bereits bestehender Probleme. Denn eine gesunde Ernährung für Kinder ist laut der Untersuchung mit dem Hartz-IV-Regelsatz sowieso nicht finanzierbar. »Es fehlt in Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern nicht nur der politische Wille, sondern die Sensibilität, das Problem wahrzunehmen und die Ursachen, soweit möglich, zu beseitigen«, schlussfolgert Biesalski in seiner Analyse. Es gebe genug Beispiele aus anderen Ländern, die zeigten, dass eine »moderate Aufstockung« der Mittel zu mehr Ernährungssicherheit führe »und sich vor allem positiv auf die Gesundheit und die mentale Entwicklung der Kinder in Armut auswirkt«.

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