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RWE stößt auf Widerstand

Klimaaktivisten demonstrieren für den Erhalt des Dorfes Lützerath am Tagebau Garzweiler

  • Von Katja Spigiel
  • Lesedauer: 4 Min.
Teilnehmer stehen bei einer Demonstration gegen den Braunkohleabbau vor einem der letzten Häuser von Lützerath, an dem ein Banner befestigt ist
Teilnehmer stehen bei einer Demonstration gegen den Braunkohleabbau vor einem der letzten Häuser von Lützerath, an dem ein Banner befestigt ist

In Sichtweite der Braunkohlegrube brechen Aktivist*innen aus dem Protestzug. Sie verlassen die vorgesehene Demonstrationsroute und laufen querfeldein. Ihr Ziel ist der riesige Kohlebagger. Schauplatz des Ganzen ist der Tagebau Garzweiler II, in der Nähe des Dorfes Lützerath in Nordrhein-Westfalen. Bundesweit mobilisierten Umweltschützer*innen zum »Unräumbar-Festival« in das Dorf im rheinischen Kohlerevier. Der Energieversorgungskonzern RWE will umstehende Häuser, Kirchen, Bäume, gesamte Dörfer abreißen, um ungehindert nach Kohle graben zu können. Lützerath ist als insgesamt sechstes Dorf in der Region davon bedroht, dem Erdboden gleichgemacht zu werden. Am Sonntag trafen sich Aktivist*innen, unter anderem von Fridays for Future, dem Bündnis Alle Dörfer bleiben und Greenpeace. Kurz vor der Zwischenkundgebung am Nachmittag geben die Veranstaltenden bekannt, dass mehr als 5000 Menschen an der Demonstration beteiligt seien.

Im Verlauf der Demonstration stürmten die Aktivist*innen von Ende Gelände in weißen Maleranzügen über ein Feld, auf das RWE-Werksgelände und auf die Kohlegrube zu. Polizeikräfte versuchten, sie davon abzuhalten. Den allermeisten der 600 Aktivist*innen des Bündnisses gelang es, bis zum Aktionsziel vorzudringen. Unmittelbar an der Abrisskante zur Grube, mit direktem Blick auf den 96 Meter hohen Schaufelradbagger, kesselte die Polizei die Protestierenden ein.

Umweltschützer*innen des Bündnisses sind sich einig, dass die Grenze zwischen Lützerath und dem Tagebau die 1,5-Grad-Marke des Pariser Klimaabkommens greifbar macht. In dem Moment, in dem RWE diese Grenze überschreitet und die Abrissarbeiten im Dorf startet, könne Deutschland seine Klimaziele nicht mehr erreichen. Der Erhalt Lützeraths ist für Eckhardt Heukamp entscheidend. Während sich der Kohlebagger immer näher an sein Zuhause gräbt, wehrt er sich juristisch. Er ist als einer der letzten Dorfbewohner bekannt. Das ist nicht im Sinne von RWE. Ursprünglich sollte eine vorzeitige Besitzeinweisung zum 1. November erfolgen und der Landwirt – im wahrsten Sinne des Wortes – vom Hof gejagt werden. Nachdem das Verwaltungsgericht Aachen den Plan des Energiekonzerns bestätigte, legte Heukamp am Oberverwaltungsgericht Münster Beschwerde ein. Überraschend sagte RWE in der vergangenen Woche zu, Heukamps Grundstück bis zum 7. Januar nicht zu räumen. Bis dahin soll es eine Entscheidung des Gerichts in Münster geben. Für die Aktivist*innen bedeutet dieser Aufschub keine Entwarnung. RWEs Zusage betrifft ausschließlich die Bereiche, um die es in Heukamps Klage geht. Umliegende Flächen bleiben akut bedroht.

Verletze Demonstrierende

Bei der Aktion von Ende Gelände sollen sich mehrere Personen verletzt haben. In einem Fall war die Rede von einer Unterarmfraktur. Auf Anfrage des »nd« sagt die Polizei, dass »keine Verletzungen durch Fremdeinwirkungen zustande gekommen« seien. Insgesamt schaut die leitende Polizeistelle Aachen auf friedliche Proteste zurück. Umstellt von Polizeikräften spricht Dina Hamid vom Bündnis Ende Gelände davon, dass die Abrisskante eine klare Grenze sei und kein Ziel, das es idealerweise zu erreichen gilt. Die Aktivist*innen verharrten über mehrere Stunden in der Nähe der Grube und konnten die Arbeiten des Baggers erfolgreich stoppen. Am Abend löste die Polizei den Kessel auf. Der Aktionsfinger konnte das Tagebauvorfeld gesammelt verlassen.

Am Folgetag herrscht in Lützerath geschäftiges Treiben. Dort, wo über die letzten Monate der »Lützi-Wald« mit liebevoll gestalteten Hütten und Baumhäusern entstanden ist, ist noch immer Hämmern zu hören. Hier wird gesungen, dort wird gebaut, woanders wird für die Versorgung gesorgt und Gemüse geschnippelt. Das Programm des »Unräumbar-Festivals« ist bis zum 5. November angesetzt. Neben Liveacts und Workshops bereiten sich die Aktivist*innen auf die bevorstehenden Rodungen und Abrisse vor. Sie halten sich schon seit mehreren Wochen bereit, rechnen ab sofort noch stärker damit, dass RWE jederzeit einrücken könnte. Wann genau der Tag X kommt, weiß jedoch keine*r.

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