Nichts ist selbstverständlich

Wer homosexuell war, für den war Irland früher ein schlimmes Land, schreibt Graham Norton in »Heimweh«

  • Von Kevin Clarke
  • Lesedauer: 5 Min.

Irland, 1987. Eine Gesellschaft im Würgegriff der katholischen Kirche, in der alle, die »anders« sind und von moralisch fragwürdigen Konventionen abweichen, zu Außenseitern abgestempelt werden. Um nicht zu sagen: zu Aussätzigen. Das gilt speziell für Homosexuelle, die mit Scham und Schande dazu gedrängt werden, zum Schein zu heiraten oder Priester zu werden oder ins Ausland zu flüchten.

Einer, der damals vor solch einer Entscheidung stand, war Graham Norton. Später wurde er als BBC-Moderator mit seiner »Graham Norton Show« weltberühmt. 1963 im County Dublin geboren, studierte er im südirischen Cork Französisch und Englisch und erlitt einen Nervenzusammenbruch. Danach flüchtete er ohne Abschluss von der Insel. Er emigrierte nach Kalifornien und lebte mit Anfang 20 in einer Hippiekommune bei San Francisco, wo er den »wichtigsten Impuls« seines Lebens bekam: den »irischen Kleingeist« zu überwinden. Er wollte aus sich etwas Großes machen, statt sich permanent zu verstecken oder wegzurennen.

Norton zog nach London und absolvierte eine Schauspielausbildung. Daraus entwickelte sich seine Karriere als Comedian und Moderator, der sehr offen mit seiner sexuellen Orientierung umgeht. Mittlerweile hat auch in Irland ein gewaltiger gesellschaftlicher Umbruch stattgefunden, für den das »Marriage Referendum« 2015 das sichtbarste Signal war: Seither dürfen nicht nur gleichgeschlechtliche Paare in der Republik Irland heiraten, mit Leo Varadkar gab’s sogar einen offen schwulen Premierminister. Niemanden störte es, dass der Regierungschef mit einem Mann zusammenlebte. An seiner Politik hingegen haben sich durchaus viele gestört.

Von diesem gesellschaftlichen Umschwung in Irland handelt Nortons dritter Roman »Heimweh« (Home Stretch), der in Irland monatelang die Bestsellerlisten anführte und nun auf Deutsch vorliegt. Wie auch Nortons frühere Bücher spielt »Heimweh« auf dem Land. Aber diesmal ist die Geschichte maximal autobiografisch gefärbt.

Es beginnt mit einem Autounfall in Cork nach einem Ausflug an den Strand. Von den sechs jungen Insassen sterben drei, zwei davon wollten am nächsten Tag heiraten. Und eine Person landet im Koma. Die Schuld am Unfall wird dem jungen Connor zugeschoben, Nortons Alter Ego.

Connor fühlt sich auch schuldig und flieht nach Liverpool, um auf dem Bau zu arbeiten. Doch als er in einer Wohngemeinschaft irischer Arbeiter schwulenfeindlich angemacht wird, reicht es ihm. Er bricht jeden Kontakt zu seinen alten Freunden ab und auch den zu seiner Familie. Er glaubt, weder seine Eltern noch seine Schwester könnten sein Schwulsein akzeptieren, schon gar nicht die anderen Dorfbewohner, deren Kinder am Unfall beteiligt waren.

Langsam aber findet er seinen Weg. Er geht eine Beziehung mit einem erfolgreichen Theatermacher ein, reist mit ihm um die Welt und lebt in teuren Wohnungen. Er scheint endlich Frieden zu finden mit sich selbst. Auch wenn das bedeutet, dass er mit niemandem aus der alten Heimat mehr Kontakt hat. Auch kann er mit niemandem über den Horror der Vergangenheit sprechen.

Dann macht der Roman einen Zeitsprung: Connor ist nun 50 und lebt in New York. Gerade wurde er von seinem Langzeitpartner verlassen, für einen Jüngeren. Während er nachdenkt, wie er damit umgehen soll, trifft Connor in einer Bar einen attraktiven jungen Mann, der sich dann als sein irischer Neffe herausstellt, der die Semesterferien in New York verbringt. Er ist das Gegenteil von Connor, denn er hat einen vollkommen befreiten Umgang mit Homosexualität. Die beiden Männer stehen sich verständnislos gegenüber. Aber sie sind auch neugierig. Danach folgen Schlag auf Schlag Enthüllungen, die sehr überraschend sind.

Doch das kann nicht davon ablenken, wie konventionell dieser Roman geschrieben ist. Das ist kein Vergleich zur Brillanz von Jamie O’Neills Historienroman »At Swim, Two Boys« (»Im Meer, zwei Jungen«) von 2001, der auch davon handelte, wie schwule Männer an der katholischen Gesellschaft scheitern, allerdings spielt er in einer anderen Zeit: 1916, kurz vom Osteraufstand, der zur Unabhängigkeit von Großbritannien führte. In »Heimweh« ringt sich der Onkel infolge der Erzählungen seines Neffen schließlich dazu durch, dem modernen Irland eine Chance zu geben.

Kürzlich verriet Norton in einem Google-Talk, dass er schon mit 20 davon geträumt habe, einen Roman zu schreiben. Nur sei ihm das damals nicht möglich gewesen, weil er die meiste Zeit betrunken gewesen sei. Erst mit 50 sei sein Leben »ruhiger« geworden, so dass er sich hinsetzen konnte, um seine Literatur zu kreieren. Er glaubt, dass er den »warmen« und »einfühlsamen« Ton seiner Bücher in jüngeren Jahren kaum hinbekommen hätte. Als »alter Mann« liebe er es, nach Irland zurückzukehren. Dort wird sein erster Roman »Holding« (auf Deutsch: »Ein irischer Dorfpolizist«), als vierteilige Serie verfilmt. Ob eine Verfilmung von »Heimweh« folgen wird, ließ er offen, meint aber, für die Rolle des Connor sei der US-Schauspieler Zac Efron die beste Besetzung.

Im Nachwort von »Heimweh« bedankt sich Norton bei all jenen, die anders als er dem Land nicht den Rücken kehrten, sondern blieben, um für den gesellschaftlichen Wandel zu kämpfen. Und dennoch: Die heutige Liberalität sei alles andere als selbstverständlich, schreibt er. Im Gegenteil, er merke, dass eine konservative Gegenbewegung eingesetzt habe, die die Fortschritte wieder zurücknehmen möchte. Über solche Pendelbewegungen habe er mit RuPaul, dem als Drag Queen bekannt gewordenen Moderator der Reality-Show »Drag Race«, gesprochen. Dieser frage sich angesichts der aktuellen LGBT-Nachrichten: »Haben wir das nicht schon alles vor 20 Jahren erledigt?«

Graham Norton: Heimweh. A.d. Engl. v. Silke Jellinghaus und Katharina Naumann. Rowohlt, 400 S., geb., 14,99 €.

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