Werbung

Insel ohne Müll

Das dänische Bornholm will bis 2032 die erste abfallfreie Gemeinde der Welt werden

  • Von Rudolf Stumberger
  • Lesedauer: 6 Min.
Die kleine Nachbarinsel Christiansö ist in punkto Müll schon vorbildlich.
Die kleine Nachbarinsel Christiansö ist in punkto Müll schon vorbildlich.

Das große Panoramafenster ist durch dicke Eisengitter geschützt, davor befindet sich ein Pult mit vier Bildschirmen. An ihm sitzt acht Stunden lang ein BOFA-Mann in Arbeitskluft und steuert mit der linken Hand den Müllbagger. Der Blick aus dem Fenster geht in das kalte Neonlicht des Betonbunkers, in dem sich jetzt die Greifarme des Baggers in den Müllhaufen krallen, eine Ladung aufheben und ins Feuer befördern. »BOFA«, das ist die Müllentsorgungsgesellschaft auf der dänischen Insel Bornholm, und die Müllverbrennungsanlage befindet sich an der Almegardsvej Nr. 8 im Norden von Rönne, der Insel-Hauptstadt mit ihren knapp 14 000 Einwohnern. 22 000 Tonnen Abfälle werden hier jedes Jahr durch Verbrennung entsorgt, doch in naher Zukunft soll es damit vorbei sein. Vor drei Jahren hat das Regionalparlament einstimmig beschlossen, die Anlage zu schließen. Denn die Ostseeinsel verfolgt ein ehrgeiziges Projekt: Man will bis zum Jahr 2032 die erste müllfreie Gemeinde der Welt sein. »Wir wissen noch nicht ganz genau, wie es gehen kann, aber wir haben eine Vision«, sagt Jens Hjul-Nielsen, der Chef von BOFA.

Die Insel Bornholm - in der Ostsee zwischen Schweden und Polen gelegen - gehört zum 180 Kilometer westlichen Dänemark. Das Land ist grün, kleine Straßen ziehen sich durch Felder und Äcker. Die Häuser und Höfe sind aus Backstein. Die Insel wird im Sommer von vielen Touristen besucht, die zum Beispiel mit der Fähre von Rügen aus herüberkommen. Man fährt hier gerne mit dem Fahrrad, der Autoverkehr ist mäßig. Vielleicht eignen sich derart überschaubare Gemeinden besonders dazu, visionäre Ideen in die Wirklichkeit umzusetzen. Zum Beispiel jene von der müllfreien Insel.

Damit dergleichen Ideen aber auch politisch zum Tragen kommen, bedarf es einer entsprechenden Grundstimmung in der Bevölkerung. So sagt BOFA-Chef Hjul-Nielsen, der 2013 von Kopenhagen nach Bornholm kam und heute nicht mehr fort will, zur Umweltvision: »Das funktioniert nur, wenn die Leute mitmachen. Wir können nicht in jeder Küche stehen und darauf achten, dass sie den Müll trennen.«

Dass muss er auch nicht mehr tun, denn Bornholm hat sich längst zu einem Testfeld für neue Umwelttechnologien entwickelt. Ein Beispiel dafür ist in Savaneke, einer Hafenstadt im Osten der Insel, zu besichtigen. Dort trinkt Jan Paul in der Svanevang-Straße kurz vor Mittag sein erstes Bier - aber er sitzt nicht beim Frühschoppen, sondern verkostet die aktuelle Bierproduktion, ein »Brown Ale«. Jedes Jahr rollen 17 000 Hektoliter aus der Svaneka-Brauerei. Mit Jan Paul kann man deutsch sprechen, er kommt aus Flensburg, entstammt dort der dänischen Minderheit, studierte Brauereiwesen im bayerischen Weihenstephan und hat die Brauerei, die 2007 ihre Arbeit aufnahm, mit aufgebaut - unter ökologischen Gesichtspunkten, wie er erzählt: »Nehmen wir nur unsere Kälteanlage - sie ist die ›grünste‹, die es überhaupt gibt.« Als Kältemittel wird Propangas eingesetzt statt Fluorkohlenwasserstoff und als Kälteträger innerhalb der Brauerei Ethanol anstelle von Glykol. »Beides ist besser für die Umwelt«, sagt der Brauingenieur. Die Brauerei setzt außerdem auf einen niedrigen Wasserverbrauch und auf hohe Energieeffizienz, bei der Pasteurisierung des Bieres wird die energiesparende Kurzzeiterhitzung statt eines sogenannten Tunnelpasteurs angewandt, die Fotovoltaikanlage auf dem Dach liefert Strom und der Hopfen stammt aus biologischem Anbau. Doch der Brauingenieur ist nur einer von vielen Öko-Akteuren auf der Insel.

Zu ihnen gehört etwa auch Helle Munk Ravnborg. Sie wohnt im Inselinneren bei dem Städtchen Osterlars und betreibt nebenbei im ehemaligen Kuhstall eines umgebauten Bauernhofes eine Kaffeerösterei. Hauptberuflich arbeitet sie als Entwicklungshelferin in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen, wodurch sie viel mit der Fähre unterwegs ist. Diese große Fähre aber ist mit ihrem CO2-Ausstoß die Achillesferse eines grünen Bornholm.

Deswegen hat Helle Munk Ravnborg eine Initiative gegründet, die einen Windpark vor der Küste der Insel bauen will - was mindestens eine halben Milliarde Euro kosten wird. Auch so eine Vision. Das Geld soll auf genossenschaftlicher Basis über Anleger zusammengebracht werden. »Solarenergie reicht nicht aus«, sagt die Aktivistin, »wir müssen jetzt möglichst schnell grüne Projekte realisieren.« Derzeit wartet ihre Gruppe auf eine Genehmigung der dänischen Energiebehörde. Und mit dem Strom aus den Windturbinen, sagt Helle Munk Ravnborg, könnte man auch Wasserstoff als Treibstoff für eine neue Fähre produzieren.

Doch zurück zum Müllentsorgungsbetrieb BOFA und den Konzepten für eine müllfreie Zukunft. Wie soll das konkret gehen? Betrachten wir den Ist-Zustand: Derzeit werden 68 Prozent des Mülls recycelt, 26 Prozent verbrannt und sechs Prozent auf die Deponie hinter dem Verbrennungsofen verbracht. Der normale Hausmüll ist derzeit in nur drei Sparten getrennt, auf den sechs Wertstoffhöfen der Insel aber kann man den Abfall bereits in sechs Kategorien aufteilen. Nächstes Jahr soll es dann zwölf verschiedene Kategorien geben, getrennt zum Beispiel nach Papier, Plastik, Essensresten, Glas, Metall, Dämmmaterialien und so fort. Dazu müssen aber die Müllgebühren von derzeit 400 Euro jährlich auf 460 Euro erhöht werden.

Auf dem Weg zur müllfreien Kommune benötige man auch die Hilfe der dänischen Regierung und der Europäischen Union, so Müllchef Hjul-Nielsen, etwa was die Entsorgung von Asbest und Umweltverordnungen für die Produktion anbelangt; »den Rest machen wir selbst«. Der »Rest« bedeutet: Alles wird recycelt. Vermeidung, Wiederverwertung, Wiederherstellung sind die Dreh- und Angelpunkte auf dem Weg zur müllfreien Insel. Organische Abfälle aus Garten und Parks werden kompostiert und als Biogas in Energie umgewandelt, Rückstände als Dünger verwendet. Ausrangierte Gegenstände wie Möbel oder Kinderbekleidung sollen in eine Kreislaufwirtschaft eingespeist werden, zum Beispiel durch Leih-, Miet- und Tauschbörsen. Die Kinder sollen zu »Ressourcenhelden« werden, indem man sie schon in der Grundschule über ökologische Zusammenhänge aufklärt. So das Konzept für eine erste Phase.

In einer zweiten Phase dann geht es um die Zusammenarbeit mit Unternehmen, Produktionsprozesse sollen ökologisch angepasst und dabei neue Methoden der Abfallentsorgung getestet werden, neue Technologien spielen dabei eine große Rolle. Man will auf Bornholm Testgelände in Sachen ökologischer Technik und Verfahren werden, dazu will man Unternehmen anlocken, die hier im überschaubaren Maßstab Innovationen testen können, die später dann in großem Stile auf den Markt kommen.

Wie eine Insel ohne Müll aussehen könnte, kann man auf Christiansö erfahren. Das sind zwei kleine, über eine Brücke miteinander verbundene Inseln, die 18 Kilometer oder gut eine Stunde Fahrt mit dem Schiff nordöstlich von Bornholm liegen. Es ist ein friedlicher Ort, an dem noch immer ein paar Fischernetze in der Sonne trocknen. Eine Hauptattraktion ist ein kleines Gefängnis, in dem ein dänischer Anti-Royalist seine Haftzeit verbrachte. Heute kann man in den sechs Zellen übernachten. Dass diese Inseln überhaupt bewohnt sind, verdanken sie dem Ausbau zur militärischen Festung Anfang des 19. Jahrhunderts. Seit 1926 stehen die Inseln, die vom dänischen Verteidigungsministerium verwaltet werden, unter Naturschutz. Selbst Haustiere wie Hunde und Katzen dürfen nicht an Land. Und die 40 000 Touristen, die Christiansö jedes Jahr besuchen, müssen ihren Abfall wieder mitnehmen. Die Inselbewohner selbst trennen fleißig den Müll: Hinter der alten Kirche, eine ehemalige Waffenschmiede, findet man den Wertstoffhof mit seinen diversen Tonnen für Metall, Holz, Porzellan, Elektronik, Metall oder Textilien. Christiansö ist so eines der am meisten geschützten Gebiete Dänemarks. Und drüben auf Bornholm nimmt man sich das als Vorbild, man will aber noch weiter vorangehen - eben bis zur völlig müllfreien Insel.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung