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Kein Bock auf Awareness

Jeja nervt: Die Elendsverwaltung auf den Tanzflächen

  • Von Jeja Klein
  • Lesedauer: 3 Min.
Beim Fusion-Festival konnte man sich zwar zur aufwendigen PCR-Testung aller Teilnehmenden durchringen, nicht jedoch zur Gewährleistung der Sicherheit in Duschen und Toiletten.
Beim Fusion-Festival konnte man sich zwar zur aufwendigen PCR-Testung aller Teilnehmenden durchringen, nicht jedoch zur Gewährleistung der Sicherheit in Duschen und Toiletten.

Die Pandemie hat die Feier- und Festivalbranche lahmgelegt, Betriebe pleite gehen lassen und das Tanzengehen erheblichen Planungsunsicherheiten unterworfen. Kaum waren in Berlin die Clubs wieder offen, gingen auch schon Meldungen über Spreading-Events durch die Zeitungen. Auch wenn ich es mir anders wünschen würde: Die gegenwärtige Explosion der Inzidenzen wird zumindest vorerst nicht zu einem erneuten Feierstopp führen. Durch die vergangenen Zwangspausen und wirtschaftlichen Verwerfungen ging jedoch, wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen auch, ein Evaluationsfenster auf. Damit konnten eingeschliffene Muster und Selbstverständlichkeiten neu bewertet werden. Im Bereich linksalternativer Feierkultur haben die Berichte über die beim Festival »Monis Rache« in Toiletten angebrachten Spionagekameras und die Verbreitung der Aufnahmen im Internet für großes Aufsehen gesorgt. So entstand auch für die sich seit einigen Jahren immer weiter durchsetzende Awareness-Kultur eine Gelegenheit, sich auf neue Beine zu stellen, die bisherige Praxis zu diskutieren oder schlicht die Türen weiterer Clubs und Veranstalter*innen für Awareness-Konzepte zu öffnen. Im Jahr 2020 ging etwa die Berliner Awareness Akademie an den Start, die aktiv das Wissen und die Konsense zu Awareness-Strukturen verbreitet.

Dabei ist das, was unter »Awareness« zu verstehen ist, alles andere als unumstritten. Die Idee, die zunächst durch feministisch-linksradikale Zusammenhänge und Veranstalter*innenteams erprobt und kultiviert worden ist, professionalisiert sich zunehmend. Dadurch verliert sie auch, je weiter sie sich vom ursprünglichen Milieu entfernt, an politischer Substanz. Statt dann noch transformativ in patriarchale Strukturen der Ungleichheit einzugreifen, neigt sie dazu, das Feiererlebnis aller Geschlechter unter dem Vorzeichen allgemeiner Gleichheit zu moderieren. Der Zweck, der dann verfolgt wird, ist die bloße Gewährleistung des reibungslosen Ablaufs von Veranstaltungen und des progressiven Images. Dass inzwischen unter dem Label »Awareness« althergebrachte Strukturen des männerdominierten, kampf- und körperorientierten Türstehergeschäftes auftreten, Brandschutzmaßnahmen diskutiert werden oder das Boxen von Grabschern selber als »Übergriff« und Verstoß gegen das »Awareness«-Monopol gilt, ist ein deutliches Zeichen eines solchen Prozesses der Entkernung.

Doch bereits im Ansatz finden sich genügend Probleme, deretwegen man sich davor hüten sollte, vor allem einen Widerspruch zwischen ursprünglichem, authentischem »Konzept« und seinem Ausverkauf unter kapitalistischen Vorzeichen anzunehmen. Auch sich als dezidiert feministisch positionierende Gruppen beteiligen sich an der Verwaltung des sexistischen Elends auf den Dancefloors. So musste etwa »Monis Rache« nach dem Totalausfall seiner teaminternen »Awareness« den Hut nehmen. Das Fusion-Festival hingegen, bei dem dieselben Übergriffe stattgefunden haben, zog sich mit einem einfachen Statement im »richtigen« Tonfall aus der Affäre und der Berichterstattung. Im Sommer fanden dann, coronabedingt, mehrere kleinere Fusion-Festivals statt.

Die »Ferienkommunist*innen« konnten sich zwar zur aufwendigen PCR-Testung aller Teilnehmenden durchringen, nicht jedoch zur Gewährleistung der Sicherheit in Duschen und Toiletten. Ein entsprechender Mechanismus ist weder kommuniziert noch einer »kommunistischen«, kollektiven Diskussion zur Verfügung gestellt worden. Dass sich auch unter solchen Vorzeichen genügend Care-Arbeiter*innen für eine neuerliche »Awareness« fanden, zeigt, worum es geht: Feiern statt Feminismus.

Ich glaube: Solange unsere antisexistische Aufmerksamkeit dazu dient, einige wenige »Böse« in einer Herde guter Schafe auszumachen, wird sie patriarchale Strukturen konservieren und auch, wie etwa im Fall des Berliner Clubs »Mensch Meier« bekannt geworden, zum Instrument von Personen werden, die ihre eigene Gewaltausübung moralisch absichern. Dann doch lieber Couch und Netflix, Leute.

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