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»Professorenharems« und Alte-weiße-Männer-Unis

Die GEW will befristete Arbeitsverträge an den Hochschulen nicht hinnehmen. Auf einer Konferenz redete man den zukünftigen Ampelkoalitionären ins Gewissen

  • Von Martin Höfig
  • Lesedauer: 4 Min.
Laut Reyhan Sahin noch die
Laut Reyhan Sahin noch die "liebe Generation" von Studierenden in einer Vorlesung im Audimax der Universität Hannover.

»Die neue Bundesregierung muss nicht nur handeln, sie muss schnell handeln«, redete der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW), Andreas Keller, den anwesenden Ampelkoalitionären auf der IchBinHanna-Aktionskonferenz ins Gewissen, die am Mittwoch in Berlin stattfand und bei der sich Wissenschaftler*innen über ihre Arbeitsbedingungen austauschten. Um der möglichen neuen Regierung auch eine konkrete Handreichung mitzugeben, hat die GEW ein 100-Tage-Programm erstellt, in dem sie unter anderem eine umfassende Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes sowie einen deutlichen Ausbau der Grundfinanzierung der Hochschulen fordert.

Die anwesenden Ampelverhandler Oliver Kaczmarek (SPD), Kai Gehring (Grüne) und Thomas Sattelberger (FDP) wiegelten allerdings ab. Dass die Koalitionsverhandlungen noch laufen und zwischen den Parteien Stillschweigen vereinbart ist, macht es ihnen zugegebenermaßen auch schwer, konkrete Zugeständnisse oder Versprechungen zu machen. So waren die Redebeiträge aller drei genannten Politiker ermüdend nichtssagend. »Ich bin frohen Mutes, dass wir einen Koalitionsvertrag vorlegen werden, der auch für die Wissenschaft viel Gutes enthält«, war dann beispielsweise eine Phrase, die Grünen-Politiker Gehring bemühte.

Und auch FDP-Mann Sattelberger ignorierte Andreas Kellers Mahnung zu schnellem Handeln völlig, als er von »Zielvereinbarungen und Selbstverpflichtungen« sprach, die »aber nur auf einer langen Zeitschiene« umsetzbar seien.

Auf dem Podium der Wissenschaftler*innen am Morgen war mehr los. Vor allem die auch als Rapperin Lady Bitch Ray bekannte Linguistin Reyhan Sahin machte deutlich, worum es den Aktivist*innen geht, die seit einer Weile unter dem Hashtag IchbinHanna im Internet auf ihre prekäre berufliche Lage aufmerksam machen: Ihre Kernforderung ist die Entfristung der Arbeitsverträge von wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen an Universitäten. 80 bis 90 Prozent der Stellen seien auf zwei Jahre befristet, rechnete Sahin vor. »Wenn man promoviert, braucht man aber teilweise bis zu sechs Jahren. Das geht also überhaupt nicht auf«, so die Linguistin weiter. Eine Forderung der GEW ist demnach auch, aus der Höchstbefristungsdauer von sechs Jahren eine Regeldauer zu machen.

Sahin ging aber noch auf andere wichtige Themen ein. So rief sie kurz nach dem Aufkommen der IchbinHanna-Initiative den Hashtag IchbinReyhan ins Leben. »Mir fehlte die soziale Ebene bei IchbinHanna«, erläutert sie - und konkretisierte: »Wir haben doch die Alte-Weiße-Männer-Uni, was ja auch klar ist nach Hunderten von Jahren Patriarchat in der Wissenschaft.« Als sie als Rapperin vor über zehn Jahren in die Wissenschaft ging, erwartete sie eine aufgeklärte und diskriminierungsfreie Szene. »Doch dann stellte ich fest, dass das Patriarchat hier ja noch viel ausgeprägter und auch gefährlicher ist als in der Rapszene, denn hier ist es zutiefst verankert«, berichtete sie von ihren Erfahrungen als junge, zudem migrantisch geprägte Frau. Die Diskriminierungsformen, die sie als solche erfährt, zu benennen und andere zu ermutigen, dies auch zu tun - darum geht es ihr mit IchbinReyhan.

Sebastian Kubon, der ursprüngliche Initiator von IchbinHanna, von der Universität Hamburg, ging schließlich noch mal auf das Wissenschaftszeitvertragsgesetz ein, jenes Wortungetüm, das mit WissZeitVG abgekürzt wird. Der Verschleiß von jungen und fähigen Wissenschaftler*innen an den Universitäten durch die Tretmühle von immer nur befristeten Arbeitsverträgen ist für ihn auch eine unverantwortliche Ressourcenverschwendung. »Das System ist nicht mehr zeitgemäß«, sagte Kubon. Und betonte: »Wenn die Wissenschaft so fahrlässig mit ihren Ressourcen umgeht, wird sie irgendwann auch nicht mehr ernst genommen.«

Bereits während die Konferenz noch lief, trendet ein neues Schlagwort von Reyhan Sahin im Internet. Wie nebenbei setzte sie auf der Podiumsdiskussion den nächsten Twittertrend, als sie sich mit der Parole »Fridays for Fuckademia« unter anderem gegen die von ihr so genannten »Professorenharems« wendete. Gemeint sind damit die kleinen »Königreiche«, die eine Professur für deren Inhaber mitsamt dazugehörigem »Hofstaat« aus wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen in Deutschland mit sich bringt. »Wir sind ja noch die liebe Generation, aber wenn die Fridays for Future-Generation an die Unis kommt, dann gibt’s Krawall«, prophezeite Sahin dann noch.

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