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  • 1. FC Union gegen Hertha BSC

Demütig zur Stadtmeisterschaft

Unions Fußballer rütteln mit dem 2:0 gegen Hertha BSC weiter am Machtverhältnis in Berlin

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 4 Min.
Sinnbild: Union mit Torschütze Taiwo Awoniyi (M.) auf und davon, Hertha umd Marvin Plattenhardt (l.) und Marton Dardai dahinter und am Boden
Sinnbild: Union mit Torschütze Taiwo Awoniyi (M.) auf und davon, Hertha umd Marvin Plattenhardt (l.) und Marton Dardai dahinter und am Boden

Glaubt man Fredi Bobic, dann war das fünfte Berliner Derby in der Bundesliga zwischen dem 1.FC Union und Hertha BSC ein äußerst bedeutsames Ereignis. »Dieses Spiel hat mir unheimlich viele Erkenntnisse gegeben – für die Planungen in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren«, sagte er am Sonnabend bedeutungsschwanger. Welche Schlüsse und Konsequenzen Herthas Sportchef aus der 0:2-Niederlage ziehen wird, ließ er allerdings offen. Die erste, schnelle Deutung dieser 90 Fußballminuten schallte unüberhörbar von den Rängen der Alten Försterei: »Stadtmeister, Stadtmeister, Berlins Nummer eins«, sangen rund 20 000 Union-Fans verzückt.

Dieser Derby-Hit wurde an diesem Abend erstmals nach einer halben Stunde angestimmt. Unions Kapitän Christopher Trimmel hatte kurz zuvor mit einem feinen Volleyschuss das 2:0 erzielt. In diesem Moment war mal wieder zu erleben, dass Tore gegen den Stadtrivalen ein ganz spezieller Genuss sind. Als Taiwo Awoniyi nach acht Minuten zur Führung getroffen hatte, war der Jubel auch intensiv, aber noch etwas mehr von einem Gefühl der Erleichterung getragen. Denn die Brisanz eines Derbys erhöht die emotionale Belastung, aus normalem Bangen vor Gegentoren wird nicht selten ein diffuses Angstgefühl. Und Niederlagen schmerzen ungleich mehr. Eine Folge sind auch die Anfeindungen der 2400 Hertha-Fans gegenüber ihrer Mannschaft nach dem Abpfiff, selbst verschenkte Spielertrikots wurden zurück auf den Rasen geworfen.

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Durchaus bemerkenswert war, dass sich die meisten Unioner in der voll besetzten Alten Försterei schon nach einer halbe Stunde hinreißen ließen, den Titel der Stadtmeisterschaft zu feiern. Eigene Enttäuschung und fremde Häme hätten doppelt zurückgeschlagen, hätte Hertha BSC das Spiel noch gedreht. Doch nicht einmal den Eindruck, sich wehren zu wollen, machte die Mannschaft von Pal Dardai. Der Trainer kritisierte später »die Körpersprache« seiner Spieler. Und er zog ein ernüchterndes Fazit: »Wenn wir ehrlich sind, hatten wir heute keinen richtigen Torschuss.«

Sechsmal hatte es Hertha BSC zumindest versucht. Der erste Schuss aufs Union-Tor war zugleich der gefährlichste: Rechtsverteidiger Peter Pekarik zielte nach 37 Minuten aus halbrechter Position knapp am linken Pfosten vorbei. Fast schon resignierend beschrieb Dardai seine Bemühungen, dem Spiel eine Wendung zu geben. »Am Ende hatten wir alle unsere Stürmer auf dem Platz und waren offensiv trotzdem harmlos.« Die Defensive ist jedoch auch alles andere als stabil. Am Sonnabend ließ sie 16 Torschüsse von Union zu, ein 4:0 für die Köpenicker hätte angesichts hochkarätiger Chancen den Spielverlauf besser dargestellt. Nun, nach zwei Gegentreffern im Derby, steht Hertha BSC mit dem zweitschlechtesten Torverhältnis aller Bundesligisten auf Platz 14, nur drei Punkte von der Abstiegszone entfernt.

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Wenige Meter neben Dardai stand Urs Fischer. Natürlich wirkte der Trainer von Unions Fußballern etwas entspannter als sein Kollege. Optisch vermittelte er auf der Pressekonferenz aber nicht den Eindruck, gerade einen überzeugenden Sieg in einem wichtigen Spiel eingefahren zu haben. Auch nicht bei folgendem Satz: »Ich genieße das im Moment wirklich sehr«, sagte er mit nahezu regungsloser Miene. Wichtiger waren auch andere Worte des Schweizers. »Wir tun gut daran, unsere Bescheidenheit und Demut beizubehalten.« Dies war Fischers Antwort auf die Frage, ob sich mit Platz fünf und 20 Punkten nach zwölf Spieltagen das Saisonziel Klassenerhalt nicht ändern müsse? Das zweifelsfreie Nein zwischen den Zeilen ist ein Grund für Unions Stärke – und die momentane Machtverschiebung im Berliner Fußballkosmos.

Für Fischer war es in zwei Jahren das fünfte Berliner Derby, der zweite Sieg ist das Ergebnis überlegter, kontinuierlicher Arbeit in einem besonnenen und umsichtigen Umfeld. Dardai ist der dritte Trainer bei Hertha BSC in dieser Zeit. Im Sommer 2019 musste er gehen, weil der Klub schon unter dem ewigen, machtbewussten Manager Michael Preetz immer mehr wollte, als er konnte. Seit dem Einstieg des jüngst in den Niederlangen für insolvent erklärten Investors Lars Windhorst wollen sie in Charlottenburg gar den dritten vor dem ersten Schritt machen. Von der Champions League zu reden, macht den Abstiegskampf nicht leichter. Wohl in diesem Gemenge hat sich Dardai als »kleiner Pal« bezeichnet und nach drei Niederlagen zum Saisonauftakt gemutmaßt: »Wahrscheinlich sucht Hertha BSC seit Langem nach einem großen Trainer.« Pal Dardai, Herthas erfolgreichster Trainer des vergangenen Jahrzehnts, ist nicht zu beneiden. Im Januar wurde er zurückgeholt – und verhinderte einen weiteren Abstieg. Unzufrieden war er damals, und ist es jetzt. Kritik an der Zusammenstellung der Mannschaft äußerte er öffentlich. Was das 0:2 im Derby an all dem ändert, das weiß vorerst nur Fredi Bobic als Herthas neuer starker Mann.

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