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»Bewaffnet und gefährlich«

Rechte in den USA jubeln über Freispruch für Kyle Rittenhouse. Kritiker fürchten Ermutigung rechten Terrors

  • Von Moritz Wichmann
  • Lesedauer: 3 Min.

Wer Kyle Rittenhouse wirklich ist? Vielleicht geht es bei der Frage nur um strategische rechte Öffentlichkeitsarbeit: Das zeigen neue Äußerungen des Jugendlichen, der in den letzten Monaten zu einem Helden der US-Rechten geworden ist, nachdem er im August 2020 zwei weiße Black-Lives-Matter-Protestler im Bundesstaat Wisconsin erschossen und einen weiteren verletzt hatte. »Ich bin kein Rassist, ich unterstütze Black Lives Matter und das Recht auf friedlichen Protest«, erklärte Rittenhouse in einem Interview mit dem rechten Fernsehsender Fox News, nachdem er Freitagabend von allen fünf Anklagepunkten – unter anderem Totschlag – freigesprochen worden war.

Der damals 17-Jährige war vergangenen Sommer aus dem Nachbarstaat Illinois angereist und einem Aufruf einer rechten Miliz gefolgt, »Eigentum« vor Black-Lives-Matter-Protesten und Ausschreitungen zu schützen, nachdem ein Polizist in der Stadt Kenosha den Schwarzen Jacob Blake mit sieben Schüssen verletzt hatte. Bewaffnet mit einem Sturmgewehr, hielt sich Rittenhouse trotz Ausgangssperre bei Black-Lives-Matter-Protesten auf und erschoss die weißen Demonstranten Joseph Rosenbaum und Anthony Huber und verletzte Gaige Grosskreutz, als die drei ihn zu entwaffnen versuchten. Die lokale Polizei vor Ort hatte zuvor die weißen Milizen umherziehen lassen. Die Familien der Getöteten haben den Sheriff und die Stadt verklagt.

Nachdem rechte Spender die zwei Millionen Dollar Kaution zur Freilassung von Rittenhouse während des Verfahrens gestellt hatten, stritten sich am Wochenende Rechtsaußen-Republikaner darum, wer Rittenhouse vielleicht bald als Praktikanten im US-Kongress begrüßen dürfe. »Kyle, wenn du ein Praktikum willst, melde dich«, erklärte der Trump-Republikaner Madison Cawthorn in einem Video, um dann an seine Unterstützer eine Ermutigung hinzuzufügen: »Seid bewaffnet, seid gefährlich.«

In rechtsextremen Chatgruppen brachen regelrechte Jubelstürme über das Urteil aus. In einer Proud-Boys-Telegram-Gruppe schrieb ein Teilnehmer: »Die Linke wird nicht stoppen, bis ihre Körper aufgestapelt werden.« Beobachter der Szene befürchten, dass das Urteil im Fall Rittenhouse die Rechte im Land zu weiterer politischer Gewalt ermutigt. »Das wird als Erlaubnis wahrgenommen – ich fürchte, das wird Leute ermutigen, eine ›Selbstverteidigungssituation‹ aktiv zu suchen, um dann später als Held dafür gefeiert zu werden«, erklärte Jared Holt, Forscher der elitären Denkfabrik Atlantic Council, gegenüber der Nachrichtenplattform NPR.

Das fürchten auch linke Demonstranten, die am Wochenende in einigen Städten der USA gegen das Urteil protestierten. »Kyle wird wieder töten« und »Stoppt die rassistische Selbstjustiz« stand etwa auf Schildern in Chicago. Linke Kritiker halten dem Tenor im liberalen Kabelfernsehen, das Urteil zeige, dass Amerikas Justizsystem »kaputt« sei, entgegen, dass es genau so funktioniere. Es diene dazu, die white supremacy (weiße Vorherrschaft) im Land aufrechtzuerhalten. Sie erinnern an die Geschichte weißer Milizen und Mobs im Land, die über lange Zeiträume pogromartig gegen Indigene und Schwarze vorgingen und entweder dazu per Gesetz berechtigt waren oder deren Verhalten nachträglich juristisch legalisiert wurde.

Rittenhouse selber hatte vor der Tat noch erklärt, er wolle »Randalierer erschießen«, und nach seiner Freilassung auf Kaution mit Proud-Boy-Aktivisten für Fotos posiert. Diese und weitere kompromittierende Informationen ließ der offenbar mit Rittenhouse sympathisierende Richter im Verfahren nicht als Beweisstücke zu.

Im Interview mit Fox-News-Moderator Tucker Carlson nannte Rittenhouse das Urteil »korrekt«. Es zeige, »dass Selbstverteidigung legal ist«, so Rittenhouse. Es sei in dem Verfahren »absolut nicht um Rasse« gegangen. Das passt zur rechten Argumentation in jüngerer Zeit, die nicht mehr offen biologischen Rassismus propagiert, sondern sich vermeintlich farbenblind nur gegen »Verbrechen« richtet. Doch um die Verteidigung von (weißem) Eigentum – an Sklaven – ging es bereits den weißen Mobs im 19. Jahrhundert.

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