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Das Politische im Unpolitischen

Wie subversiv war diese Musik? Der Historiker Nikolai Okunew hat eine umfassende Studie zum Heavy Metal in der DDR vorgelegt - natürlich unter dem Titel »Red Metal«

  • Von Tilmann Ziegenhain
  • Lesedauer: 6 Min.
Da sind sie aber immer noch: Zum Beispiel Macbeth aus Erfurt. Erst nach dem Ende der DDR aufgelöst - und wiedergegründet
Da sind sie aber immer noch: Zum Beispiel Macbeth aus Erfurt. Erst nach dem Ende der DDR aufgelöst - und wiedergegründet

Musik im real existierenden Sozialismus diente nicht nur der Unterhaltung - offizieller Auftrag war, Optimismus zu verbreiten. Der harte Sound des Heavy Metal, das aggressive Outfit der Fans mit langen Haaren und schwarzer Lederkleidung musste deswegen anecken: Rockmusik als privates Freizeitvergnügen war der Partei generell ein Dorn im Auge. Und die Emotionen, die Metal transportiert, passten erst recht nicht in die marxistisch-leninistischen Schablonen.

Schenkt man den Statistiken der Staatssicherheit Glauben, waren die »Heavys« nach den Skinheads in den 80er Jahren die größte Subkultur der DDR. Kein Wunder, dass die Obrigkeit sie genau unter die Lupe nahm - dass der Inlandsgeheimdienst mit einer Mischung aus Unwissenheit, Ideologie und Geltungsbedürfnis oft danebenlag, aber auch nicht: Wer überall nach Strukturen, Hierarchien und Anführern suchte, für den musste die Anzahl und Größe der Nieten auf der Kleidung auch etwas über die Bedeutung des Trägers in der Szene aussagen.

Kurz vor der Wende wurde die Stasi im Rahmen ihrer Möglichkeiten immerhin differenzierter: »Es ist zu unterscheiden zwischen Anhängern der Musikrichtung Heavy Metal, die durch Tragen spezifischer Heavy-Metal-Bekleidung ausschließlich zu derartigen Disco-, Tanz- und Konzertveranstaltungen in Erscheinung treten, und solchen, die den Heavy Metal als aggressive und asoziale Lebensweise praktizieren«, kann man in einer Akte lesen.

Der Historiker Nikolai Okunew schildert in dem neuen Buch »Red Metal«, welche Hürden Fans und Musiker in der DDR nehmen mussten, wollten sie ihre Musik spielen, hören und leben. Mit der Arbeit promovierte Okunew, geboren 1987 in Berlin, im vergangenen Jahr am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam.

Fixstern des Ost-Metal war natürlich der West-Metal, der sich Anfang der 70er Jahre aus dem britischen Hardrock entwickelt hatte. Die Rezeption forderte dem Ostpublikum einiges an Kreativität ab. Einer der beliebten Tricks: Für Pakete von Verwandten und Freunden aus der Bundesrepublik den »Metal Hammer« - bis heute eine der wichtigsten Zeitschriften des Genres - als Verpackungsmaterial verwenden.

Doch Kreativität allein reichte nicht: Wer neue Platten oder aktuelle Informationen haben wollte, brauchte nicht nur Zugang zu den subkulturellen Netzwerken, in denen fleißig geschmuggelt, getauscht und kopiert wurde, sondern auch Geld. Viel Geld, denn eine Platte aus dem Westen konnte schon mal 300 Ostmark kosten - ungefähr die Hälfte dessen, was ein durchschnittlicher Fan damals im Monat verdiente. Dazu kamen wichtige Reisen nach Budapest, um dort angebotene Westprodukte zu kaufen.

Gerade deshalb - so zeigt Okunew - spielte das Radio für die Szene eine unverzichtbare Rolle. Die »Heavy Stunde« des im April verstorbenen Moderators und DJs Matthias Hopke sendete jede Woche auf Stimme der DDR 60 Minuten eigens für Freunde verzerrter Gitarren. Und auch bei der Sendung »Vom Band fürs Band« war der Name Programm: Erst wurde die komplette A-Seite einer LP ohne Unterbrechung über den Äther geschickt, in der nächsten Woche folgte dann die B-Seite.

Auch Metal war hier regelmäßig dabei. Überall zwischen Suhl und Rostock, Magdeburg und Cottbus wurde dann mitgeschnitten - weil subventioniert und deswegen günstig, bevorzugt auf bereits bespielten Ost-Kassetten. Im Gegensatz zu den meisten Bands überlebte das Grundrauschen dieser Bootlegs die DDR übrigens: Skandinavische Musiker setzen es in den 90er Jahren bewusst als Stilmittel ein.

»So ’n kaputtes Haus, in dem er nicht leben will. Da gibt’s nicht viel, was ihn hält. Ein Haus, in dem er nicht leben will. Da ist es kalt, er will raus«, sang 1985 die Berliner Band Formel 1 auf ihrer ersten Single »18 Jahre sein«, bevor sie ein Jahr später auf Amiga die erste Metal-Platte der DDR veröffentlichten - live eingespielt. Ihre Vorbilder waren Iron Maiden und Judas Priest. In »18 Jahre sein« geht es vordergründig um die Probleme eines jungen Erwachsenen in seinem Elternhaus, doch lässt der Song sich auch als Kritik an mangelnder Reisefreiheit lesen. 1987 stellten dann Sänger Norbert Schmidt und Drummer Peter Fincke Ausreiseanträge, und die Band gab im Dezember in Berlin ein Abschiedskonzert.

Anders als Formel 1 hatten viele DDR-Metal-Bands internationalistische Namen: Pharao, Merlin, Cobra oder Panther. Der Name Biest klang auf Deutsch wie auf Englisch gleich. Überwiegend sangen sie auf Deutsch - Texte, die sich eher dem Alltag junger Arbeiter widmeten als den üblichen Fantasy- und Horrorthemen des Genres.

Gleichwohl bildete der DDR-Metal keinen spezifischen Stil aus. Im Gegenteil: Als authentisch galten die Bands nicht obwohl, sondern weil sie Stücke aus dem Westen coverten, schreibt Okunew. Die Erwartung des Publikums vor der Bühne war also die gleiche wie vor dem Radio. Und wer es auf die Bühne schaffte, hatte bereits einen langen Weg hinter sich: Die berühmten Einstufungskommissionen entschieden, wer künstlerisch aktiv werden und damit Geld verdienen durfte. Wer hier bestehen wollte, musste nicht nur die E-Gitarre, sondern auch die Klaviatur des Parteisprechs beherrschen.

Viele talentierte Musiker entschieden sich deshalb für den Amateurstatus, arbeiteten halbtags und versuchten so, unter dem Radar von Partei und Staat zu bleiben, obwohl die offiziellen Stellen bis zur Wende keine einheitliche Linie im Umgang mit den Heavys fanden. Wie effektiv die Kontrollbemühungen letztlich waren, bleibt für Okunew offen: Schrieben die Regeln beispielsweise vor, dass auf »Einstufungskonzerten« mindestens 60 Prozent der Songs aus dem sozialistischen Ausland zu kommen hatten, nannten die Musiker einfach falsche Urheber. Ein Katz- und Mausspiel für einen der begehrten Termine im Tonstudio.

Nikolai Okunew hat für seine Doktorarbeit mehrere Jahre recherchiert, einschlägige Archive gesichtet und Dutzende Interviews mit Zeitzeugen geführt. Das Ergebnis sind rund 350 Seiten, auf denen er auch anhand zahlreicher anekdotischer Erinnerungen ein anschauliches Bild einer westlich geprägten Subkultur im Osten zeichnet, die sich unter den Bedingungen eines strengen Staates behaupten musste.

Okunew kommt dialektisch-paradox zu folgendem Forschungsergebnis: Obwohl die meisten Fans und Musiker nicht offen in Opposition zum Staat getreten sind und Heavy Metal gerade nicht im engeren Sinn eine politische Musikrichtung sein wollte, trug das Genre zur Erosion des SED-Regimes bei. Denn der sozialistische Anspruch brach sich auch für eher unpolitische Menschen klar erkennbar an einer autoritär geprägten Wirklichkeit. Und heute suchen die anspruchsvolleren Musiker und Fans nach Wegen für eine Kultur jenseits von Macht und Markt.

Nikolai Okunew: Red Metal. Die Heavy-Metal-Subkultur der DDR. Ch.-Links-Verlag, 352 S., br., 25 €.

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