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Selbstorganisiert auf der Straße

Große Obdachlosensiedlungen wie die der geräumten Rummelsburger Bucht gibt es immer seltener

  • Von Lola Zeller
  • Lesedauer: 4 Min.
Räumung mit massivem Polizeiaufgebot: Das Ende des Obdachlosencamps an der Rummelsburger Bucht im Februar dieses Jahres
Räumung mit massivem Polizeiaufgebot: Das Ende des Obdachlosencamps an der Rummelsburger Bucht im Februar dieses Jahres

»Es gibt Menschen, die wollen oder können sich nicht in den Wohnungslosenunterkünften unterbringen lassen. Die organisieren sich dann lieber selbst auf der Straße«, sagt Stefan Schneider von der Wohnungslosenstiftung am Dienstag auf einer Onlinekonferenz zu Obdachlosigkeit, Corona und informellen Siedlungen. Solche Selbstorganisierung auf der Straße findet in verschiedenen Formen statt. Während der Konferenz wird ein Interview mit einer ehemaligen Bewohnerin der Siedlung an der Rummelsburger Bucht eingespielt, die im Februar dieses Jahres geräumt wurde.

»Ich habe da mit meiner Gruppe gelebt, weil wir dort erst einmal sicher waren vor dem Ordnungsamt und der Polizei«, sagt Jess. Zuvor sei sie mit ihrem Wohnwagen fast täglich von den jeweiligen Schlafplätzen vertrieben worden und musste sich neue Orte suchen. »Wir waren wie eine Familie und haben füreinander gesorgt. Wenn Neue kamen, haben wir Schlafplätze und Essen organisiert«, sagt sie über das Leben an der Rummelsburger Bucht. Im Gegensatz dazu fühle sie sich vom Ordnungsamt oft wie ein vierjähriges Kind behandelt, das nicht für sich selbst sorgen kann. »Das stimmt einfach nicht. Klar freuen wir uns, wenn jemand warme Suppe vorbeibringt. Aber wir können uns auch gemeinschaftlich versorgen und organisieren«, sagt Jess. Schon wenige Wochen vor der Räumung der Rummelsburger Bucht ist Jess in einem Hostel untergekommen, weil sie durch die Corona-Pandemie keine andere öffentliche Infrastruktur nutzen konnte, um ihr Studium fortzuführen. Dann kam die Räumung der Bucht, bei dem ihr Wagen zerstört worden sei. Nun sei sie auf Wohnungssuche, sagt sie im Interview.

Informelle Siedlungen wie Zeltplätze, Hüttendörfer und Wagenplätze haben eine lange Geschichte in Berlin, sagt Niko Rollmann von der Bildungseinrichtung Robert-Tillmanns-Haus, die die Onlinekonferenz veranstaltet. Er nennt Barackia, eine sozialistisch und basisdemokratisch organisierte große Siedlung, die es in der Kaiserzeit zwischen dem Kottbusser Tor und der Hasenheide gab. »Das ist noch immer ein Leuchtturm für das rebellische Berlin und die Selbstbestimmung Obdachloser«, sagt Rollmann. Barackia ereilte schon damals das Schicksal des Camps an der Rummelsburger Bucht: Es wurde 1872 trotz Widerstand der Bewohner*innen polizeilich geräumt.

Rollmann berichtet, dass seit Mitte der 2000er Jahre, als Berlin zunehmend angesagter und teurer wurde, auch wieder vermehrt Räumungen größerer Siedlungen stattgefunden hätten. Deshalb finde eine gemeinschaftliche Schlaforganisierung abseits der Unterkünfte häufig dezentralisiert statt, in kleinen Camps mit etwa fünf oder sechs Zelten, die im Schnitt ein paar Monate und bestenfalls einige Jahre bestehen bleiben, »bis der Bezirk sie doch loswerden will oder es Beschwerden gibt«, so Rollmann.

Dieter Bichler war einst selbst drei Monate obdachlos in Berlin, nun leitet er Stadtführungen beim Verein Querstadtein. Auch er berichtet vom engen Zusammenhalt seiner Freundesgruppe auf der Straße. »Wir haben beim Schlafen aufeinander aufgepasst, alles gesammelte Geld miteinander geteilt und uns so organisiert, dass immer abwechselnd eine Person auf unsere Sachen aufgepasst hat«, sagt er. Für ihn sei es aber auch verhältnismäßig einfach gewesen, nach einigen Monaten in eine Unterkunft vermittelt zu werden, weil er keine Alkohol- oder andere Drogenprobleme hatte. »Das macht mich wütend, denn es verdient doch jeder eine zweite Chance, egal, ob er säuft oder nicht«, sagt Bichler. Ein Bekannter von ihm trinke beispielsweise extrem viel Alkohol, nur um durch faulende Wunden an den Beinen verursachte Schmerzen zu ertragen.

Als ein Ansatz zur Bekämpfung von Obdachlosigkeit wird während der Veranstaltung das Konzept Housing First diskutiert. Stefan Schneider von der Wohnungslosen-stiftung hält das Berliner Projekt für unzureichend. »Es ist ein Modellprojekt zur Wohnungsvermittlung für einige wenige. Die 100 Wohnungen stehen in keinem Verhältnis zu den 6000 bis 8000 Obdachlosen in der Stadt, das sind weniger Wohnungen, als neu dazukommende Obdachlose«, sagt er. Letztendlich sei das Problem der profitorientierte Wohnungsmarkt, so Schneider.

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