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Zurück auf die Straße

Ehemalige Bewohner*innen des Obdachlosencamps an der Rummelsburger Bucht wieder ohne Bleibe

  • Von Marie Frank
  • Lesedauer: 3 Min.

Am Montagabend protestierten die ehemaligen Bewohner*innen des im Winter geräumten Obdachlosencamps an der Rummelsburger Bucht in Lichtenberg vor dem A&O-Hostel in Friedrichshain. Hintergrund ist das Ende der Unterbringung der vertriebenen Menschen in dem Hostel, das sie bis diesen Mittwoch verlassen müssen. Die Unterbringung habe ursprünglich bereits zum Ende der Kältehilfe am 30. April enden sollen, sei aber, wie bei anderen Einrichtungen auch, wegen der Impfkampagne für obdachlose Menschen bis zum 30. Juni verlängert worden, sagte der Sprecher der Senatssozialverwaltung, Stefan Strauß, zu »nd«. »Es war immer klar, dass es sich nur um eine vorübergehende Unterkunft und ein befristetes Angebot handelt.«

»Unseres Wissens haben alle Bewohnerinnen und Bewohner der Unterkunft Angebote zur sozialen Beratung in den Bezirken erhalten«, so Strauß weiter. Für die schwangeren Frauen, die in der Unterkunft leben, gebe es konkrete Angebote zur medizinischen Versorgung und Unterbringung. Der stellvertretende Bezirksbürgermeister von Lichtenberg, Kevin Hönicke (SPD), der die Räumung seinerzeit angeordnet hatte, zeigte sich gegenüber »nd« ahnungslos. Laut Caritas war auch der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg vorab nicht informiert.

Anfang Februar hatte der Bezirk Lichtenberg das Obdachlosencamp an der Rummelsburger Bucht mit seinen rund 100 Bewohner*innen in einer nächtlichen Blitzaktion räumen lassen. Grund seien die bevorstehenden eisigen Temperaturen und die damit verbundene Lebensgefahr gewesen, hieß es. Aktivist*innen kritisierten, dass den Bewohner*innen die Räumung zuvor nicht angekündigt worden war und ihr Hab und Gut zerstört worden sei. Sie besetzten daraufhin kurzzeitig Bagger auf dem Gelände. Auf dem Areal soll unter anderem das umstrittene Aquarium Coral World entstehen.

Ein Teil der Obdachlosen war daraufhin im A&O-Hostel an der Boxhagener Straße untergebracht worden. Für sie endet nun, ebenso wie für alle Wohnungslosen in der Stadt, die Unterbringung in 24/7-Unterkünften. In den Sommermonaten gibt es für Obdachlose somit keine Möglichkeit mehr, tagsüber unterzukommen. Den Menschen aus dem Hostel, bei denen es sich hauptsächlich um Südost- und Osteuropäer*innen handelt, bleiben nun noch Notübernachtungsplätze oder die Unterbringung durch die Bezirke.

»Die Bedingungen sind in der Regel schlechter als in den 24/7-Unterkünften«, sagt Janka Vogel von der Caritas, die die Betroffenen vor Ort betreut hat. So gebe es dort keine sozialarbeiterischen Angebote und Hilfen aus der Obdachlosigkeit. Die brauche es jedoch, da die Angst vor Repression durch Behörden groß sei. Viele seien Opfer von Arbeitsausbeutung. Auch könnten sie dort nur einzeln untergebracht werden. »Die Angebote passen oft nicht zu dem, was die Menschen brauchen«, sagt die Leiterin der mobilen Anlaufstelle für europäische Wanderarbeiter*innen und Roma. Besser seien Tag-und-Nacht-Unterkünfte oder Arbeiter*innenwohnheime.

Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) hatte angekündigt, elf der am Freitag erhaltenen fast 37 Millionen Euro aus dem Europäischen Sozialfonds für soziale Projekte für 24/7-Unterkünfte verwenden zu wollen: »Unsere Erfahrungen mit diesen Unterkünften in der Corona-Pandemie haben gezeigt, dass sich das Leben vieler obdachloser Menschen verbessert, wenn sie in einer sicheren Unterkunft leben, dort verpflegt und beraten werden und zur Ruhe kommen können.«

Für die Obdachlosen aus dem A&O-Hostel kommt das zu spät. Sie erwartet nun eine unsichere Zukunft. »Sie haben keinen Plan B«, sagt Janka Vogel. Die meisten landen nun wohl wieder auf der Straße.

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