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  • Tag gegen Gewalt an Frauen und Mädchen

Afghanistans Frauen leiden immer stärker

Für viele Frauen und Mädchen wird das Leben immer unerträglicher, die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben immer geringer

  • Von Cyrus Salimi-Asl
  • Lesedauer: 5 Min.
Auf einer Anti-Taliban-Demonstration in Neu-Delhi fordert eine afghanische Frau im indischen Exil Schutz für die Frauen in ihrer Heimat Afghanistan.
Auf einer Anti-Taliban-Demonstration in Neu-Delhi fordert eine afghanische Frau im indischen Exil Schutz für die Frauen in ihrer Heimat Afghanistan.

Genau 100 Tage ist es her, dass die Taliban Kabul ein- und die Macht in Afghanistan übernommen haben. Seitdem ist die Lage für Frauen und Mädchen unsicherer geworden, berichten Aktivistinnen aus Afghanistan. Jeden Tag erleiden Frauen Gewalt. Ganz zu Anfang hätten Frauen bis zu einem gewissen Grad noch am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können, »dann aber haben die Taliban die Regeln verschärft und zum Beispiel den Zugang von Frauen zu Medien systematisch eingeschränkt«, sagt Zahra Esrafil vom Berliner Verein Yaar e.V., der seit 2012 Geflüchteten aus Afghanistan hilft.

Inzwischen sind zahlreiche Tötungen von Frauen dokumentiert. So wurden in Masar-e Scharif vier Frauenrechtsaktivistinnen ermordet, darunter Universitätsdozentin Foruzan Safi; die Leichen wurden in einem Vorort gefunden. Die Tochter eines ehemaligen Beamten wurde getötet durch eine Mine, versteckt in ihrem Haus in Kabul. Und die ehemalige Gefängnisleiterin aus Herat, Adela Azizi, wurde von den Taliban vorgeladen: Seither ist sie verschwunden, berichtet Yaar am Mittwoch bei einer Online-Veranstaltung anlässlich des Internationalen Tags gegen Gewalt an Frauen, zu der Frauenrechtlerinnen aus Afghanistan zugeschaltet waren.

Wie ernst die Lage ist, wird deutlich, als die Kabuler Frauenrechtsaktivistin Madina Darwazi sich mitten in der Diskussion verabschiedet. Sie müsse sich an einen sicheren Ort begeben, da sie Informationen erhalten habe, dass die Taliban nach ihr suchten, weil sie mit Mitstreiterinnen eine Demonstration von Frauen geplant habe; und die sei von den Taliban verboten worden.

Die für Frauenrechte zuständige stellvertretende Direktorin der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, Heather Barr, sprach jüngst von einer »fürchterlichen Eskalation« der Übergriffe gegen Aktivistinnen in Afghanistan seit der Machtübernahme der islamistischen Taliban im August. Seither dürfen Frauen nicht zurück an ihre Arbeitsplätze und Mädchen nicht über die Primarschule hinaus unterrichtet werden, auch wenn die Taliban anderes versprochen hatten.

Trotz dieser dramatischen Situation ignorieren die Medien vielfach Vorfälle von Gewalt gegen Frauen und Mädchen. »Die Medien sind nicht mehr am Leiden der afghanischen Frauen interessiert«, konstatiert Zahra Esrafil. Eine Folge davon sei, dass die Aktivistinnen selbst kein Interesse mehr zeigten, an solchen Veranstaltungen teilzunehmen: Yaar hatte Frauen aus allen Landesteilen zur Online-Veranstaltung eingeladen, aber kurzfristig kamen Absagen aus Herat und Dschalalabad, sodass die Berichte sich auf Kabul und Masar-e Scharif beschränkten.

Gewalt gegen Frauen und Mädchen finden in Afghanistan sowohl im eigenen Haus als auch im öffentlichen Raum statt. Insbesondere im Falle häuslicher Gewalt hätten afghanische Frauen schon immer Schwierigkeiten gehabt, diese anzuzeigen und Gerechtigkeit zu erfahren, sagt Frauenrechtlerin Sakina Sakhi; sie hat mittlerweile das Land verlassen. Die Täter seien Ehemänner oder andere männliche Mitglieder der Familie. »Der Zugang zur Justiz war für Frauen in Afghanistan traditionell eingeschränkt, aber mit der Rückkehr der Taliban hat sich die Lage noch verschärft.« Nun würden Frauen, die Gewalt ausgesetzt seien, systematisch und organisiert von Gerichtsbarkeit und Gesundheitswesen ferngehalten, sagt Sakhi.

Unter dem alten Regime hatten Frauen zumindest die Möglichkeit, sich bei sexueller Belästigung an die Polizei oder ein Gericht zu wenden, beschreibt sie, Täter seien auch verurteilt worden. Diese geringen Schutzmechanismen gehören nun der Vergangenheit an. »Die Taliban wollen die Klagen der Frauen nicht hören«, sagt Sakina Sakhi. Sie berichtet von einer Frau, die Gewalt in der Familie erfahren hatte und sich in Kabul an das Polizeihauptquartier 6 gewandt habe. Der Polizeichef habe »keine Anzeige wegen geringfügiger Vergehen« annehmen wollen und schlug die Frau selbst mit einem Stromkabel. Mittlerweile sind Gewalttäter, die vor der Rückkehr der Taliban verurteilt und inhaftiert worden sind, wieder auf freiem Fuß und bedrohten nun die Frauen, die sie angezeigt haben, und die Anwälte, die ihren Fall vor Gericht gebracht haben. Sakhi sagt, dass fünf Anwälte umgebracht worden seien.

Vorgestern sei die Anwaltskammer von den Taliban angegriffen worden, Datenbanken und Dokumente seien in die Hände der neuen Machthaber gefallen, berichtet Sakina Sakhi. Damit wird die Verfolgung unliebsamer Anwält*innen noch einfacher. Und die Zukunft verheißt Schlimmes: Strafverteidiger müssten zukünftig einen Abschluss von der Universitätsfakultät für islamisches Recht (Scharia) vorweisen – nicht mehr von der Juristischen Fakultät. Welche Auswirkung diese Vorschrift auf die Strafjustiz haben wird, lässt sich leicht ausmalen.

Gewalt in Afghanistan richtet sich nicht allein gegen den Körper von Frauen und Mädchen, sondern benachteiligt diese auch strukturell. Das bekannteste Beispiel ist der Ausschluss von der Bildung. Nach 100 Tagen Amtszeit haben die Taliban noch nicht entschieden, wohin sie ihre Bildungspolitik steuern wollen – trotz aller Versprechungen, Mädchen den Schulbesuch wieder zu ermöglichen. Derzeit dürfen Mädchen vier Jahre zur Schule gehen, danach ist für sie Schluss. Diese offizielle Regel scheint aber nicht überall Anwendung zu finden, denn in Masar-e Scharif, im Norden Afghanistans, gingen die Mädchen auch höherer Klassen weiter in die Schule und die Studentinnen säßen weiterhin im Hörsaal, berichtet Qudsia Schujazada, Frauenrechtsaktivistin und Journalist aus Masar-e Scharif. Die Taliban hätten aber zum Beispiel Privatuniversitäten gezwungen, die Geschlechtertrennung zu garantieren. »Durch solche Maßnahmen versuchen sie, Proteste von Frauen zu vermeiden«, sagt Schujazada.

Sakina Sakhi macht eine Art langsamen Mentalitätswandels in der afghanischen Gesellschaft nach dem Machtwechsel aus: Hätten Frauen früher, wenn sie auf der Straße sexuell belästigt wurden, die Unterstützung der Menschen erfahren, sehe dies nun anders aus. »Jetzt denken viele Männer, dass Frauen zu Hause bleiben sollten«, sich sexuelle Belästigung durch ihr Verhalten quasi selbst zuzuschreiben hätten. Diese kulturelle Regression wird nun auch durch Gesetze befördert: Am Montag verboten die Taliban den TV-Sendern, Filme oder Serien zu zeigen, in denen Frauen eine Rolle spielten oder die der islamischen Scharia oder afghanischen Werten widersprächen.

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