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Die neue Variante

Viel ist zu Omikron noch nicht bekannt, einige Fragen können aber bereits beantwortet werden

  • Von Ulrike Wagener und Martin Höfig
  • Lesedauer: 5 Min.

Am Mittwoch hat Südafrika der Weltgesundheitsorganisation eine neue Coronavirusvariante gemeldet. Die Mutante B.1.1.529 läuft laut WHO-Nomenklatur unter dem griechischen Buchstaben Omikron. Gesammelt wurde die Probe, bei der diese Infektion zum ersten Mal festgestellt wurde, am 9. November. Die neue Variante unterscheidet sich deutlich von den bisherigen und könnte die aktuell dominante Delta-Variante ablösen. Die WHO bewertet Omikron als »besorgniserregend«. Was wissen wir über die neue Variante?

Wie ist die Mutation entstanden?
Virusmutationen sind normal. Viren vermehren sich mit Hilfe der Zellfunktion einer Wirtszelle. Dabei können kleine Fehler entstehen - Mutationen. Sind diese von Vorteil für die Vermehrung des Virus verdrängen sie mit der Zeit die ursprüngliche Variante. Besonders häufig entstehen Virusmutationen laut Experten dort, wo ein reges Infektionsgeschehen herrscht. Also vor allem unter Ungeimpften. Außerdem geht man davon aus, dass ein gewisser »Immundruck« (das heißt, eine Immunreaktion, die nicht stark genug ist, um das Virus zu eliminieren, jedoch einen gewissen Selektionsdruck ausübt, der das Virus zur Weiterentwicklung »zwingt«) die Voraussetzungen für die Entstehung neuer Varianten schafft. Es könnte also bei einer Person entstanden sein, deren Immunsystem, etwa durch eine existierende HIV-Erkrankung, bereits geschwächt war.

Ist das Auftreten dieser Mutation überraschend?
Dass es weitere Mutationen des Coronavirus geben würde, war klar. Allerdings waren Experten davon ausgegangen, dass es sich dabei um eine Ableitung von der Delta-Variante handeln würde: »Dass jetzt eine komplett neue Variante aufgetreten ist, ist schon ein bisschen überraschend«, sagte Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, im Interview mit den »Tagesthemen«. Bei Omikron wurden 32 Mutationen allein am Spike-Protein ausgemacht. Dieser Teil wird vom Virus genutzt, um in die menschlichen Zellen einzudringen und sie so zu infizieren.

Wie wurde Omikron entdeckt?
Laut einem Bericht der BBC hatte Angélique Coetzee, die Vorsitzende des südafrikanischen Ärzteverbands, die südafrikanischen Behörden Anfang November über ungewöhnliche Symptome bei Covid-19-Patient*innen informiert. Außerdem stiegen die Infektionszahlen im Land plötzlich schneller an als zuvor. Südafrikanische Wissenschaftler*innen haben deshalb Proben sequenziert und die neue Variante an die WHO gemeldet. Wo die Mutante zuerst entstanden ist, ist indes nicht bekannt. Südafrika ist federführend in der Genom-Sequenzierung und hat bereits im April 2020 genomische Überwachungsmaßnahmen für das Coronavirus eingeführt. So wurde die Beta-Variante entdeckt.

Wo ist die Omikron-Variante bisher bereits aufgetaucht?
Nachdem die Mutante zuerst in Südafrika und Botswana festgestellt wurde, wurde sie auch in anderen südafrikanischen Ländern nachgewiesen. Im Laufe der vergangenen Tage wurden dann auch Fälle in Hongkong und Israel gemeldet, und auch in Europa ist Omikron mittlerweile aufgetaucht. So bestätigten sich am Wochenende zwei Fälle in Bayern und einer in Hessen. Weitere bestätigte Fälle gibt es bislang in Belgien, der Schweiz, Großbritannien und den Niederlanden, wo am Sonntag bei Südafrika-Rückkehrer*innen 13 Omikron-Infizierte festgestellt wurden. In Italien gab es bis Redaktionsschluss einen bestätigten Fall. Am Sonntag wurden auch in Australien zwei Fälle der Corona-Mutante bekannt, zwei Reisende aus dem Süden Afrikas seien nach ihrer Ankunft in Sydney positiv auf die Variante getestet worden. Laut WHO können die derzeit gängigen Coronatests auch die Omikron-Variante nachweisen.

Warum heißt das Virus Omikron?
Das Omikron ist der 15. von 24 Buchstaben im griechischen Alphabet. Die Namensvergabe erfolgt laut WHO, um außerhalb des wissenschaftlichen Kontextes den öffentlichen Diskurs über die Virus-Varianten zu vereinfachen. Dass nach der Delta-Variante mit Omikron nun bereits der 15. Buchstabe des griechischen Alphabets auftaucht, bedeutet nicht, dass es eine Lücke in der Benennung gibt - die Namen der zwischenzeitlich benannten Varianten wurden lediglich nicht so bekannt. Denn die WHO benennt nicht nur die »besorgniserregenden Varianten«, sondern auch solche, die als »Variante von Interesse« oder auch nur als »Variante unter Beobachtung« eingestuft werden.

Ist Omikron gefährlicher als die Deltavariante?
Dazu erklärte Hartmut Hengel, Leiter der Virologie am Uniklinikum Freiburg: »Das ist sicher ein sehr auffälliges Virus. Aber insgesamt ist das wissenschaftliche Wissen um diese Variante noch sehr gering«. Auch der Berliner Virologe Christian Drosten sieht noch viele offene Fragen. So sei unklar, ob die Variante tatsächlich ansteckender ist oder ob ein anderer Faktor Grund für die momentan beobachtete Ausbreitung ist. »Für eine veränderte Krankheitsschwere gibt es derzeit keine Hinweise«, so Drosten.

Helfen die aktuellen Impfstoffe gegen die Omikron-Variante?
Laut Drosten sei nicht zu erwarten, dass die neue Variante in der Lage ist, den Immunschutz völlig lahmzulegen. »Nach derzeitigem Ermessen sollte man davon ausgehen, dass die verfügbaren Impfstoffe grundsätzlich weiterhin schützen«, so der Virologe. Der Schutz gegen schwere Infektionen sei dabei besonders robust gegen Virusveränderungen. »Der beste Schutz auch gegen die neue Variante ist daher das Schließen aller Impflücken in der Bevölkerung und die schnelle Verabreichung von Auffrischungsimpfungen«, mahnte Drosten.

Was müsste man jetzt tun?
Die WHO ruft alle Staaten dazu auf, die Überwachung und Sequenzierung von Coronavirusvarianten zu verstärken. Und die neue Mutation weiter zu erforschen, um die Notwendigkeit von Maßnahmen besser beurteilen zu können. Für die einzelnen Menschen gilt erst einmal das Altbewährte: Kontakte reduzieren, Masken tragen, gute Belüftung von Innenräumen - und Impfen.

Hört diese Pandemie denn nie auf?
Dazu sagt Carsten Watzl, dass das Virus sich nicht beliebig verändern könne. Irgendwann habe sich das Spike-Protein so verändert, dass das Maximale erreicht ist. Ob das jetzt schon der Fall sei oder später, wisse man aber noch nicht.

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