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Weniger Jobs für behinderte Menschen

2021 noch mehr Erwerbslose unter Menschen mit Behinderung als im Vorjahr

  • Von Martin Höfig
  • Lesedauer: 4 Min.
Ein Qualifizierungsprojekt für Menschen mit Behinderung, das noch nicht eingestellt ist: Partner-Werkstatt in Chemnitz.
Ein Qualifizierungsprojekt für Menschen mit Behinderung, das noch nicht eingestellt ist: Partner-Werkstatt in Chemnitz.

Behinderte Menschen sind durch die Coronakrise abermals benachteiligt. So sind laut einer aktuellen Studie mehr von ihnen von Arbeitslosigkeit betroffen als vor der Pandemie. Zudem hat sich für sie durch die momentane Situation das Risiko erhöht, lange Zeit arbeitslos zu bleiben.

In den ersten zehn Monaten des Jahres 2021 waren in Deutschland im Schnitt 174 000 Menschen mit Behinderung arbeitslos, wie der am Dienstag in Bonn veröffentlichte Inklusionsreport der Aktion Mensch und des Düsseldorfer Handelsblatt Research Instituts zeigt. Damit liegt der Wert über dem des vergangenen Jahres, als durchschnittlich 169 700 Menschen mit Behinderung keine Arbeit hatten.

Die Arbeitslosenquote unter behinderten Menschen lag demnach im Oktober 2021 um 8,3 Prozent höher als im Oktober 2019. Den bisherigen Höchststand der Arbeitslosenzahlen seit Beginn der Coronakrise verzeichnet der Report im Januar 2021 mit über 180 000 behinderten Arbeitslosen.

Laut Bert Rürup, Wirtschaftsfachmann und Präsident des Handelsblatt-Research-Instituts, liegt das Niveau der Inklusion auf dem Arbeitsmarkt insgesamt damit auf dem Stand von 2016. »Alle bisherigen Fortschritte sind damit wieder verloren«, konstatiert Rürup. Und: »Aktuell entwickelt sich die Lage für Menschen mit Behinderung zudem weniger positiv als für Menschen ohne Behinderung.« Denn erfahrungsgemäß sei der Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderung von einer geringeren Dynamik geprägt, weshalb zu befürchten sei, dass sie deutlich länger mit den negativen Folgen der Pandemie zu kämpfen haben werden. Außerdem steige so auch die Gefahr, dass noch mehr Menschen mit Behinderung in die Langzeitarbeitslosigkeit geraten. Grund dafür seien auch ausgebliebene Qualifizierungs- und Beschäftigungsmaßnahmen. Hier drohe ein »Rückstau«, der schnell aufgelöst werden müsse, so der Wirtschaftsexperte.

Schon im vergangenen Jahr waren knapp 70 000 Menschen mit Behinderung mindestens ein Jahr ohne Beschäftigung, davon über die Hälfte sogar länger als zwei Jahre. »Die Langzeitarbeitslosigkeit ist auch unabhängig von der derzeitigen Krise ein gravierendes Problem«, erklärt Christina Marx, Sprecherin der Aktion Mensch. Für behinderte Menschen, die schon lange arbeitssuchend sind, bestünden ohne eine aktive Unterstützung seitens Wirtschaft und Politik kaum Chancen, auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. »Diese Menschen werden schlichtweg vergessen und durch strukturelle Barrieren auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt«, kritisiert Marx.

Um Inklusion auf dem Arbeitsmarkt voranzutreiben, brauche es zwingend einen Kultur- und Bewusstseinswandel, im Rahmen dessen Voreingenommenheit durch Offenheit ersetzt werden müsse. So wünschen sich Menschen mit Behinderung von Arbeitgebern beispielsweise ein besseres Verständnis für etwaige Beeinträchtigungen durch ihre Behinderung, gleichzeitig aber auch mehr Vertrauen in ihre Leistungsfähigkeit. »Zudem ist natürlich Barrierefreiheit unerlässlich, ohne die es Menschen mit Behinderung schlichtweg verwehrt bleibt, ihre Stärken auf dem Arbeitsmarkt so einzusetzen, wie es für Menschen ohne Behinderung möglich ist«, erklärt Marx.

Idealerweise sollten sich Unternehmen nicht erst aufgrund von Neueinstellungen um Barrierefreiheit bemühen, sondern bereits präventiv die strukturellen Rahmenbedingungen für die Einstellung von Menschen mit Behinderung verbessern - etwa, indem bauliche Barrierefreiheit bei Neu- oder Umbauten oder auch digitale Barrierefreiheit beim Erwerb von Hard- oder Software von Anfang an mitgedacht werden.

Vielfach liegt in Unternehmen jedoch ein Informationsdefizit vor. Daher hat auch das im April vom Bundestag beschlossene Teilhabestärkungsgesetz festgelegt, dass mit Beginn des kommenden Jahres einheitliche Ansprechstellen geschaffen werden sollen, um Arbeitgeber hinsichtlich der Ausbildung, Einstellung und Beschäftigung von Menschen mit Behinderung besser als bisher zu unterstützen.

Wie wichtig diese Unterstützung ist, zeigen die Zahlen der Studie: So lassen sich im ersten Pandemiejahr 2020 lediglich vier Prozent des coronabedingten Anstiegs der Arbeitslosigkeit von Menschen mit Behinderung auf Kündigungen zurückführen, dagegen rund 30 Prozent auf weniger Neueinstellungen. Mit den richtigen Maßnahmen könne sich die Situation in den kommenden Jahren aber durchaus verbessern.

»Die Nachfrage nach Arbeitskräften zieht aufgrund der demografischen Entwicklung weiter an«, analysiert Rürup. »Die besten Aussichten haben Arbeitskräfte im Öffentlichen Dienst sowie in den Branchen Erziehung, Gesundheit, Handel, Verkehr und Gastgewerbe - und in diesen Bereichen sind rund 45 Prozent der Menschen mit Behinderung beschäftigt«, so der Wirtschaftsexperte weiter. Die Erfahrung lehre allerdings, dass sich der Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderung sowohl im Abschwung als auch im Aufschwung langsamer entwickele als für Menschen ohne Behinderung, also durch eine geringere Dynamik geprägt sei. »Für den kurzfristigen Ausblick auf 2022 bedeutet dies, dass Menschen mit Behinderung zwar von der absehbaren Erholung des Arbeitsmarktes profitieren werden, jedoch voraussichtlich langsamer als Menschen ohne Behinderung«, so Rürup.

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