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  • Kultur
  • Buchbeilage »Sinnvoll Schenken«

Der Bus rollte

Zwischen Koranzitat und Arabesk-Musik

  • Lesedauer: 6 Min.

Türke - Vorzeigetürke - Deutschtürke: So fasst Levent Aktoprak die Genese der Fremdzuschreibung zusammen, die ihm als Kind des Ruhrpotts, Kneipengänger und BVB-Fan widerfährt. Die Türkei bereist er als Fremder, mit 500 Gramm Türkisch und den Geschichten der Verwandten im Gepäck - und dem Blick auf die politische Repression der Putschzeit. Zuhause im Ruhrpott, wird er, wohlwollend liberal, wieder nach den Stühlen befragt, zwischen denen er gefälligst zu sitzen habe. Selbst die Liebe wird zur Kulturkampfarena, wo doch nur das Begehren zählt. Aktoprak macht sich über verschwiemelte Toleranz lustig in seinen Versen, nimmt zugleich die Geschichte der Einwanderer ernst, die als Gastarbeiter geduldet, aber nicht gewollt waren. Und die so viel Hoffnung in dieses fortschrittliche Deutschland gesetzt hatten. Wie seine Eltern oder sein Großvater.

Zwei Gedichtbände, erstmals vor über 30 Jahren veröffentlicht, lesen sich trotz der zeitgeschichtlichen Verankerung in den ’80ern, als wären sie heute geschrieben. Assoziationen, Tagträume und spitze Alltagsskizzen, Fabeln und Beziehungsdramen verweben sich zu einem »Hier bin ich!«. Und komm mir nicht mit Stühlen!

… »Unsere Tage sind schön, doch nicht von Ewigkeit.«
»Meinst du, dass sie gezählt sind?« »Nein, Schönheit kann man nicht zählen.« …

Wenn verbrauchte Worte
die ersten Tage aufsuchen
Erwachen verstaubte Geständnisse …

Umarmt haben wir die Jahreszeiten
und keine ausgelassen

Was nehme ich mit
zerknüllt im Koffer
Was lass ich zurück
geordnet im Schrank

[…]

Noch am selben Abend, als das Meer
zu sehen war in der Ferne dem Himmel in Blau entriss,
sagte ich,

Ach,
und mein Ach verließ mich.
In den letzten vier Jahren,
sagte ich
nicht selten Ach,
und mein Ach verließ mich.
Einmal zog es nach Köln und spielte
dort mit dem Bischof Verstecken.

Dabei lüftete mein Ach
Ihm seine Kutte und
verführte ihn mehrmals zu Weiberspielen.

Dann kletterte es in die Domspitze und sprang
tief in ein Faschingsherz.
Mein Ach störte es nicht,
wenn die Wolken tief hingen und
der erste Schnee schon schwer und kalt roch.

Mein Ach störte es nicht,
wenn der Himmel sich spreizte und
sein Blau ergoss,
wie der damalige Himmel in meiner Liebsten Augen.

Ein anderes Mal,
trampte es nach Istanbul und
verwickelte den Imam in ein Gespräch, so
dass es trunken wurde von zwei Flaschen Beaujolais.

Dann stieg es in die Minarettspitze
der Blauen Moschee,
verwirrte eine Zeitlang die Gläubigen und sprang,
bevor sie es zerstückelten,
in den verschmutzten Bosporus.

Aber irgendwie kehrte es immer wieder zurück.
Jetzt ist es endgültig fort,
nun ist es vorbei mit meinem Ach,
dachte ich,
als ich am Sonntag
auf dem Balkon saß
und das Meer
wieder dem Himmel
sein Blau entriss.

Ich rannte gleich in das erstbeste Restaurant,
um wenigstens meinen Hunger zu stillen.
Plötzlich hörte ich,
hinter mir
Sätze in einer Sprache,
die mir vertrauter waren
als die Sätze,
meiner eignen … Ich drehte mich um und …

Wie kam es dorthin,
seit wann saß es dort … Auf diesen Lippen,
auf diesen fremden Lippen,
die sich bewegten,
sich öffneten,
so trocken und doch
so weinfeucht … Ich stand auf …

Angora
Ankara
Mir fremd
doch nah
Aus deinen Armen
bin ich rausgewachsen
Gleich hast du
mich wieder
und ich
werde dich begrüßen
Zwischen uns
lebt
offen und verborgen
mehr als nur
ein Leben
Gleich hast du
mich wieder
und ich
werde dich begrüßen
mit osmanischer Gelassenheit
mit preußischer Disziplin
wie beim letzten Mal
Angora
Ankara
Mir fremd
doch nah
[…]

Pädagogen können einem auch …
die letzte Idylle zerreden … Ausländerfeindlichkeit,
Fremdenhass … Was suchten diese Dinge
zwischen dem Auberginen- und Hirtensalat
In meinem Rakı-Glas
drohten fast
die Sterne zu erlöschen,
wäre mir da nicht der »Villa Doluca«
zu Hilfe geeilt,
Peter hätte kein Ende gefunden.
Er fiel nicht gerade vom Stuhl,
aber aus dem weiteren Bild des Abends,
untergehakt von Claudia beim torkeligen Abgang.

[…]

Der Bus rollte
über den Staub
der Straßen
über die Asche
der Tage
in Richtung Stadt
mit ihm
die Erinnerungen
aus den Stunden
in die Stunden

… Der Muezzin hatte die Gläubigen zum Gebet
gerufen, die ersten bereiteten sich auf die Frühschicht
vor … Das Geschrei zerriss die Morgendämmerung
… Aufmachen, Aufmachen … Die gläserne Ruhe zerbrach
über dem Haus … Aus den Träumen der Unwirklichkeiten erwacht, standen wir,
mit weit geöffneten Augen, vor der Wirklichkeit … Der neue Tag kam zu uns,
unvorbereitet öffneten wir die Tür … Nein, nein, der Morgen kam zu mir, nur für mich
kam er durch die Tür mit Stiefeln und Waffen …
… Wie heißt du … Wo bist du geboren …
Wohnhaft in … Woher hast du die Waffe …
Warum hast du auf ihn geschossen …
Es gibt Zeugen. Du bist Mitglied einer verbotenen Organisation, wir haben Material
sichergestellt … Du hast es doch getan, du warst es … Unterschreib gleich,
es ist schon alles notiert, dann hast du es geschafft …
Wiederholungen, Wiederholungen.
Zuerst das Brennen der vereinzelten
Ohrfeigen, dann die Schmerzen der
Faustschläge … Die Augen verbunden,
die Hände verschnürt, hörte ich immerzu die eine Stimme, in meinen Ohren,
im Raum schwiegen die anderen beiden …
Unvergesslich diese Ventilatorfrische …
Warum schreien, wenn dich doch keiner
hört, außerhalb dieser Wände, dachte ich
und schrie trotzdem meinen Schmerz
… Mit jeder Sekunde stürzte ich …

[…]

… Zu zehn Jahren verurteilt, davon fünf abgesessen …
Gute Führung, jeder Tag zählte zwei … Sein Anwalt war engagiert,
mehrere Anklagepunkte entfielen, so viel kann auch ein Mensch allein
in einem Leben nie gemacht haben. Übrig blieb:
Waffenbesitz, Mitgliedschaft in einer verbotenen Organisation und …
Er soll einen angeschossen haben, die Zeugen sollen ihn als Täter überführt haben …
Seltsam, die Kugel aber stammte nicht
aus seiner Waffe? … Was war geschehen,
was war mit dem Richter? …
War es seine eigene Angst, die ihn
in dem Moment politisch machte, oder
war er vielleicht in der Zeit nur Tee trinken? …
Wer fällte eigentlich das Urteil, die Zeugen? … Die Zeugen … Fünf Jahre Gefängnis …
Vor kurzem den Militärdienst abgeleistet …
Keine Reiseerlaubnis ins Ausland …

[…]

Levent Aktoprak: Unterm Arm die Odyssee - Das Meer noch immer im Kopf Gedichte
Mit einem autobiografischen Essay
148 Seiten, gebunden
18,00 EUR
ISBN 978-3935597-62-3

Erschienen im Dağyeli-Verlag

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