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Notarzt für die Pandemiepolitik

Die Nominierung von Karl Lauterbach zum SPD-Gesundheitsminister ist nicht ganz selbstverständlich

  • Von Max Zeising
  • Lesedauer: 4 Min.
Karl Lauterbach bei seiner Nominierung im Willy-Brandt-Haus
Karl Lauterbach bei seiner Nominierung im Willy-Brandt-Haus

Es war ein letzter Versuch der Einflussnahme. Die Medizinerin Carola Holzner, die unter dem Pseudonym »Doc Caro« während der Corona-Pandemie eine gewisse Bekanntheit als Webvideoproduzentin erlangt hatte, saß am Sonntagabend in der Talkrunde bei Anne Will, ihr gegenüber Karl Lauterbach. Es ging um den Posten des künftigen Gesundheitsministers der Ampel-Koalition. Der populäre SPD-Politiker und Corona-Experte, über dessen mögliche Nominierung die Öffentlichkeit in den letzten Wochen kontrovers diskutiert hatte, mimte den Ahnungslosen – da fasste sich Holzner ein Herz: »Ich appelliere noch einmal«, sagte sie, an Lauterbach gerichtet: »Es gibt niemanden, der das Amt so kompetent ausfüllen könnte wie Sie.«

Natürlich wusste der Begehrte in diesem Moment schon, dass er keine zwölf Stunden später tatsächlich im Willy-Brandt-Haus an der Seite des designierten Bundeskanzlers stehen würde. Doch weil Lauterbach eben nicht nur als Fachmann, sondern fraktionsintern auch als eigenwillig und schwer steuerbar gilt, waren die Prognosen auseinandergegangen. Umso drängender hatte zuletzt jener Teil der Gesellschaft, der sich in der Pandemiepolitik mehr Vorsicht, mehr Klarheit und einen stärkeren Fokus auf die Wissenschaft wünscht, für Lauterbach geworben – wie Carola Holzner, von deren Komplimenten sich Lauterbach gerührt zeigte: »Das finde ich sehr schmeichelhaft.«

Lauterbach: »Werden das schaffen«

Während FDP und Grüne ihre Minister bereits vor eineinhalb Wochen bekannt gegeben hatten, war aus der SPD bislang nichts nach außen gedrungen. Olaf Scholz hatte die Namen der Seinen wie einen Goldschatz gehütet, nun gab er sie am Montag auf einer Pressekonferenz bekannt – und natürlich richtete sich, pandemiebedingt, alle Aufmerksamkeit auf das Gesundheitsressort.

»Die meisten Bürgerinnen und Bürger haben sich gewünscht, dass der nächste Gesundheitsminister vom Fach ist«, kündigte Scholz den Auftritt des Epidemiologen an – was durchaus als Seitenhieb auf seinen bisherigen Koalitionspartner CDU zu verstehen war: Dessen Ressortleiter Jens Spahn hatte als gelernter Bankkaufmann eine zuweilen recht unglückliche Figur abgegeben und viel Kritik einstecken müssen.

Nun wird also tatsächlich Karl Lauterbach das Gesundheitsressort leiten. Er betrat die Bühne des Willy-Brandt-Hauses und ergriff sofort das Wort: »Vielen Dank, Olaf«, das musste zur Begrüßung reichen. Ein typischer Lauterbach, der sich artig über den Zuspruch freute, um hernach den Blick sofort wieder auf Corona zu richten: »Wir müssen diese Pandemie bekämpfen. Die Pandemie wird länger dauern, als viele denken.«

Und dann fügte er etwas an, das oberflächlich betrachtet ein bisschen nach Merkel klang – gewissermaßen sein erstes Versprechen, an dem er als Minister künftig gemessen wird: »Wir werden das schaffen.«

Hohe Inzidenzen, viele Kranke und Tote, geringe Impfquote – gewiss, der neue Amtsinhaber steht vor einem Berg an Herausforderungen. Auf Lauterbach ruhen viele Hoffnungen, umso beträchtlicher ist die Fallhöhe, die der hoch Gelobte nun unter sich wissen muss. Zugleich ist seine Nominierung trotz seiner Fachkenntnis nicht ganz selbstverständlich, eben weil er mit seiner klaren Haltung so ganz anders wirkt als der oft spröde, zurückhaltende Scholz.

Nur eine ostdeutsche SPD-Ministerin

Doch offenbar versteht es der künftige Kanzler durchaus, Aufsehen zu erregen – wenn auch weniger durch sich selbst. Lauterbach war nicht die einzige bemerkenswerte Personalie: Zum ersten Mal wird mit Nancy Faeser eine Frau an der Spitze des Innenministeriums stehen. Die hessische SPD-Landesvorsitzende hatte kaum jemand auf dem Zettel – eher hatte man mit der bisherigen Justizministerin Christine Lambrecht gerechnet, die nun jedoch das Verteidigungsressort übernimmt. Weniger überraschend hingegen waren die Nominierungen von Hubertus Heil, der erneut das Arbeitsministerium führen wird, sowie von Scholz' bisherigem Staatssekretär und »rechter Hand« Wolfgang Schmidt für die Leitung des Bundeskanzleramts. Auch die bisherige Umweltministerin Svenja Schulze war im Ampel-Kabinett erwartet worden, sie übernimmt das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Derweil befindet sich unter den sieben SPD-Ministern nur eine Ostdeutsche: Klara Geywitz, eine Scholz-Vertraute, die der Kanzler in spe für das neu geschaffene Bauministerium bestimmte. Vor zwei Jahren, als die SPD tief in der Krise steckte, hatten beide als Duo an der Wahl zum Parteivorsitz teilgenommen und waren gescheitert – nun sind die Vorzeichen genau andersherum, beide ziehen ins Kabinett ein.

Zur Glückseligkeit der Sozialdemokraten passte, dass Stunden später auch die Grünen grünes Licht gaben: 86 Prozent der Parteimitglieder stimmten für den Koalitionsvertrag – damit kann die Ampel nun starten. Bei SPD und FDP hatten Parteitage bereits am Wochenende zugestimmt. Die nächsten Tage sind durchgetaktet: Der Koalitionsvertrag soll am Dienstag unterschrieben werden, die Bildung der Bundesregierung und die Kanzlerwahl sind für Mittwoch geplant.

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