Lücken in der Erinnerungskultur

Hamburg soll eine Gedenkstätte für Zwangsarbeit im Hafen bekommen, doch gibt es Probleme bei der Umsetzung

  • Knut Henkel, Hamburg
  • Lesedauer: 6 Min.
Lisa Heilriegel und Markus Fiedler von der Initiative Dessauer Ufer setzen sich für einen Gedenkort im Lagerhaus G ein.
Lisa Heilriegel und Markus Fiedler von der Initiative Dessauer Ufer setzen sich für einen Gedenkort im Lagerhaus G ein.

Ein ausrangierter Bus, zwei Lastwagen und mehrere Autos ohne Kennzeichen stehen vor Haus 1 des Lagerhauses G. Ein Stück weiter oben, auf Höhe des alten Kantinenschildes ist ein Transporter abgestellt, mit einem Werbeslogan: »Die Top Adresse für gebrauchte LKW«. Elektroschrott stapelt sich. Trostlos wirkt das Ambiente rund um die Backsteinriegel, die sich über 160 Meter erstrecken und mit Brandschutzmauern in acht Segmente unterteilt sind. Risse im Mauerwerk fallen nicht nur am Haus 1 unterhalb des Daches ins Auge, sondern auch an anderen Teilen des 1903 errichteten Gebäudes.

Mehr als ein Lagerhaus

Das Lagerhaus G auf dem Kleinen Grasbrook wurde 1903 als Teil des ersten Lagerhauskomplexes außerhalb der Hamburger Speicherstadt gebaut. Das Backsteingebäude diente als Bodenspeicher für sogenannte Kolonialwaren wie Tabak, Kaffee, Zucker und Kakao. Gebaut wurde es von der Hamburger Hafen- und Lagerhaus-Aktiengesellschaft zusammen mit dem identischen Lagerhaus F. Beide je 24 000 Quadratmeter großen Gebäude wurden in Holzständerbauweise errichtet und mit einer Backsteinhülle versehen.

Sie besitzen neben drei Böden ein zum Wasser hin offenes Untergeschoss. Während Lagerhaus F baulich verändert wurde, ist Lagerbaus G originalgetreu erhalten geblieben, nur der erste Abschnitt wurde nach einem Bombentreffer im Oktober 1944, bei dem 150 KZ-Häftlinge starben, neu aufgebaut.

Das Lagerhaus G ist heute das einzig komplett erhaltene der insgesamt 15 Außenlager des KZ-Neuengamme und daher prädestiniert als Erinnerungsort. Darüber herrscht Einigkeit unter allen Akteuren. Ungeklärt ist jedoch die Frage, wie der dreistöckige Speicher, in dem bis Anfang der 90er Jahre bekannte Firmen wie der Hamburger Tabakkonzern Reemtsma oder das Teehaus Hälssen & Lyon Waren einlagerten, künftig genutzt werden soll. Unklar ist zudem, wer für die dringende Sanierung aufkommt, die wohl mehr als zehn Millionen Euro kosten dürfte.

Ob die Besitzerin, die holländische Lagerhaus G Heritage Foundation, dazu willens und in der Lage ist, bleibt offen. Mit der Absichtserklärung des Senats, einen Gedenkort im Lagerhaus G zu errichten, ist jedoch klar, dass es öffentliche Gelder für das Vorhaben geben wird.

An diesem Punkt setzt die Initiative Dessauer Ufer mit ihrem Nutzungskonzept an: Sie plädiert für eine genossenschaftliche Organisationsform, die Raum für solidarisches Wirtschaften bietet - für Kollektive, Ateliers, Probebühnen und Handwerksbetriebe. Auch Raum für kulturelle und bildungspolitische Aktivitäten soll es geben. Erste Ansätze wie den Aufbau eines kollektiv betriebenen Kaffee-Röstzentrums auf rund 3000 Quadratmetern gibt es bereits. Das hätte durchaus Charme, denn Kaffee wurde im Lagerhaus vor gut 100 Jahren bereits gelagert. khe

Das Lagerhaus G gilt schon lange als sanierungsbedürftig, meint Markus Fiedler von der Initiative Dessauer Ufer. 2017 ist der Dokumentarfilmer aus dem benachbarten Stadtteil Rothenburgsort bei Dreharbeiten auf das Gebäude aufmerksam geworden. Zwei Gedenktafeln weisen darauf hin, dass das Lagerhaus G ab Juli 1944 als KZ Außenlager Dessauer Ufer genutzt wurde. KZ-Häftlinge, erst 1500 Frauen, dann 2000 Männer, waren hier ab September 1944 untergebracht, um im Zuge des Geilenberg-Programms die für die NS-Diktatur wichtige Mineralölindustrie am Laufen zu halten. »Trümmer mussten beseitigt, aber auch Panzersperren und Notunterkünfte gebaut werden. Dafür wurden weibliche KZ-Häftlinge aus dem Vernichtungslager Auschwitz per Bahn herangeschafft«, erzählt Lisa Heilriegel, Geschichtsstudentin und seit 2019 aktiv in der Initiative Dessauer Ufer (IDU).

Die Gruppe engagiert sich für die Schaffung eines Gedenkortes in dem Lagerhaus, das bislang nie von Historikern und Archäologen en détail untersucht wurde. Dort könnten sie also noch Überraschungen bergen, so wie den Aluminiumlöffel, der 1998 in Haus 6 bei Renovierungsarbeiten in einem Holzbalken im 1. Obergeschoss gefunden wurde, oder die Zementtafel, die im Keller von Haus 7 zu sehen ist. »Hier arbeitete der Gefangene Alexander Federov 1945« ist darauf eingeritzt.

Die beiden Exponate, durch Zufall gefunden, sind in der Ausstellung »Zeitkapsel Lagerhaus G« zu sehen, die von der IDU konzipiert wurde und im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe ab Ende September zwei Wochen zu sehen war. Das hat für Aufsehen in der Hansestadt gesorgt, denn die Exposition stellt Fragen, gibt Anregungen und liefert Vorschläge für ein alternatives Nutzungskonzept für das 24 000 Quadratmeter große Lagerhaus. Parallel dazu wird ein fundierter Einblick in die Geschichte des Gebäudes und seine Nutzung während, aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg gegeben. Im November war die Ausstellung noch einmal für zwei Wochen in einer Galerie in der Nähe des Hauptbahnhofs zu sehen. Nun wird ein neuer Ausstellungsort gesucht, um weiterhin auf die klaffende Lücke in der Erinnerungskultur der Hansestadt aufmerksam zu machen.

Initiative für würdevolles Erinnern

Aber mehr als Anregungen für den Umgang mit dem mächtigen Gebäuderiegel und dessen Nutzung kann die Initiative nicht geben. Schwierigkeiten für eine künftige Nutzung bereiten die Eigentumsverhältnisse. Das historische Gebäude befindet sich nämlich nicht im Besitz der Hansestadt, nur der Untergrund, auf dem es steht, gehört ihr. Zwar wurde der lang gestreckte Bau bereits 1988 unter Denkmalschutz gestellt, aber schon damals scheuten die Verantwortlichen der Hansestadt die nötigen Investitionen für den Erhalt des Lagerhauses. Das war laut dem Hamburger Denkmalverein schon zu dieser Zeit nicht im allerbesten Zustand.

Dabei ist das Lagerhaus G als letztes Gebäude eines ganzen Ensembles von Lagerhäusern außerhalb der Hamburger Speicherstadt originalgetreu und unverbaut erhalten geblieben. Das ist ein wesentlicher Grund, weshalb es unter Denkmalschutz gestellt worden ist. Trotzdem wurde die Immobilie 1997 an die LG Lagerhaus GmbH verkauft. Zwar wurde das Unternehmen vertraglich dazu verpflichtet, das Gebäude zu sanieren, doch genau das erfolgte nicht immer sachkundig und oft nur im Rahmen von unbedingt notwendigen Maßnahmen. Risse im Mauerwerk, Feuchtigkeitsschäden und Schwamm soll es in dem Gebäude geben - der Hamburger Denkmalverein appellierte deshalb mehrfach an die Stadt, endlich Verantwortung für das historische Gebäude zu übernehmen.

»Die Chancen dafür hätten 2018 gut gestanden«, erinnert sich Markus Fiedler. 2017 und 2018 hat er das Innere des Lagerhauses mit dem damaligen Besitzer einige Male in Augenschein nehmen können. Schon zu dieser Zeit ging es Fiedler und der gerade entstandenen IDU, der vor allem Historiker*innen, Architekt*innen sowie Stadtteilaktivist*innen angehören, darum, das Gebäude zugänglich zu machen und einen Erinnerungsort zu schaffen. Der damalige Besitzer war kooperativ und ermöglichte es der Initiative mehrfach, Gedenkveranstaltungen mit Überlebenden vor dem Lagerhaus G zu organisieren.

Doch dann rutschte die LG Lagerhaus in die Insolvenz, und das große Backsteingebäude wurde Teil der Insolvenzmasse. Da hatte die Hansestadt die zweite Chance, das Lagerhaus G zu übernehmen. Über die stadteigene Hamburger Port Authority hätte das Gebäude problemlos und für wenig Geld aus der Insolvenzmasse übernommen werden können, so Fiedler. Der 49-jährige Filmemacher hat damals den Verkauf beobachtet und mit einem kleinen Kreis von Unterstützer*innen an ein eigenes Gebot gedacht. Aber dann ging das historische Gebäude für wenig Geld an die jetzigen Eigentümer, die Lagerhaus G Heritage Foundation KG mit Sitz in den Niederlanden.

Besitzer ohne Konzept

Die Kommanditgesellschaft, die das Lagerhaus derzeit gewerblich nutzt, ist jedoch nur Besitzer des historischen Gebäudes. Das Grundstück, auf dem es steht, gehörte bis zum Juni dieses Jahres der Hamburger Port Authority und ist mittlerweile an die Hafen City Hamburg GmbH übertragen worden. Die soll den Stadtteil Grasbrook zu einem Wohn- und Arbeitsquartier entwickeln. Dabei ist sowohl eine »angemessene und ansprechende Gestaltung des Vorfeldes des Lagerhauses« als auch die »Entstehung einer Gedenkstätte zur Dokumentation von Zwangsarbeit und KZ-Außenlagern in der NS-Zeit« anvisiert, so die Pressesprecherin der Hafen City, Susanne Bühler. Sie verweist auf den Koalitionsvertrag zwischen Grünen und SPD, in dem dies fixiert ist, aber auch auf Gespräche mit der Stiftung Hamburger Gedenkstätten sowie zivilgesellschaftlichen Akteuren, darunter die Initiative Dessauer Ufer.

Wie das Vorhaben konkret umgesetzt werden soll, ist allerdings derzeit völlig unklar. Die niederländische Kommanditgesellschaft verkündete zwar im Frühjahr, sie wolle ein eigenes Erinnerungskonzept vorlegen. Aber noch herrscht offenbar weitgehend Funkstille zwischen den städtischen Planern und der niederländischen Gesellschaft. Auch der Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Oliver von Wrochem, hat bislang noch kein Konzept erhalten und plädiert dafür, alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen, um dann ein gemeinsames Erinnerungskonzept zu entwickeln.

Für die Historiker*innen der KZ-Gedenkstätte ist das Langerhaus G von originärem Interesse. Denn als Ort der Erinnerung an Zwangsarbeit und das System der Außenlager des KZ Neuengamme ist es angemessener als eine Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte. Noch aber gibt es keine Gespräche zur Gestaltung eines Gedenkorts Lagerhaus G. Auch das Denkmalschutzamt wartet auf einen Termin, um eine detaillierte Bestandsaufnahme des Lagerhauses vorzunehmen und mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Nutzungsgeschichte des Gebäudes beginnen zu können.

Das Lagerhaus G im Hamburger Hafen. Zwangsarbeiter*innen mussten hier im Zweiten Weltkrieg arbeiten, um die Mineralölversorgung des NS-Staats aufrecht zu erhalten.
Das Lagerhaus G im Hamburger Hafen. Zwangsarbeiter*innen mussten hier im Zweiten Weltkrieg arbeiten, um die Mineralölversorgung des NS-Staats aufrecht zu erhalten.

Dazu ist die Einwilligung der Besitzer*innen nötig. Deren Bevollmächtigter, Güven Polat, klagt, dass die Hamburger Verantwortlichen ihm und der niederländischen Foundation nicht wohlgesonnen seien. Unklar ist allerdings, weshalb das Lagerhaus G auf der Homepage der Investorengesellschaft Holtburgh auftaucht und welche Pläne diese mit der Immobilie hat. Diese offenen Fragen hat Polat bisher nicht beantwortet.

»Führungen durch das Gebäude sind schon länger nicht mehr möglich«, so Markus Fiedler und Lisa Heilriegel. Sie hoffen, dass sich an der festgefahrenen Situation bald etwas ändert. Unstrittig und kaum zu übersehen ist, dass der Sanierungsstau in und am Gebäude dessen Erhalt immer kostspieliger macht.

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