Die Bescherung der Zentralbanken

Notenbanken in Mittel- und Osteuropa erhöhen ihre Leitzinsen, in den USA und bei der EZB ist man noch zögerlich

  • Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.

Die rasant gestiegene Inflation setzt die Geldpolitik unter Druck. In den Vereinigten Staaten dürfte die Federal Reserve (Fed) trotz einer Inflationsrate von 6,8 Prozent dennoch lediglich beschließen, das Ende ihrer Anleihekäufe auf den März vorzuziehen. Die Europäische Zentralbank (EZB) dürfte noch zögerlicher vorgehen, und lediglich im Umfeld der Bank von England wird über eine Zinserhöhung nachgedacht.

Auch in Osteuropa treibt das Inflationsgespenst sein Unwesen. Polens Notenbank hat deshalb die Zinsen im Dezember zum dritten Mal in Folge angehoben. Der Leitzins steigt somit auf 1,75 Prozent. Die größte Volkswirtschaft der osteuropäischen EU-Staaten kämpft mit der stärksten Teuerungsrate seit dem Ende des Sozialismus (7,7 Prozent).

Spaß und Verantwortung

Olga Hohmann versteht nicht, was Arbeit ist und versucht, es täglich herauszufinden. In ihrem ortlosen Office sitzend, erkundet sie ihre Biografie und amüsiert sich über die eigenen Neurosen. dasnd.de/hohmann

An sich hat die polnische Wirtschaft die Coronakrise gut überstanden. Sie ist breit aufgestellt und daher nicht so krisenanfällig wie etwa die deutsche Industrie, die extrem exportorientiert ist. Polens Wirtschaft sieht durchaus positiv in die Zukunft. Die Erste Group, eine in Osteuropa stark engagierte Bank aus Österreich, rechnet für 2022 mit 4,8 Prozent Wachstum, auch weil die Löhne in Polen trotz gut ausgebildeter Arbeitskräfte immer noch relativ niedrig sind.

Energiepreise, steigende Logistikkosten und die Erholung vom pandemiebedingten Abschwung treiben auch in Mittel- und Osteuropa die Preise nach oben. Ob die Inflation dauerhaft bleibt, ist umstritten. Hinzu kommt allerdings die hohe Beschäftigungsrate, die steigende Löhne begünstigt, was wiederum die Preise pusht.

Ebenfalls umstritten ist, ob die enge wirtschaftliche Verflechtung mit Industrie und Banken in Westeuropa auch die Inflation begünstigt. So arbeiten in Ungarn 170 000 Menschen in der Fahrzeugindustrie, meist Tochtergesellschaften deutscher Konzerne. In wenigen Wochen hob die ungarische Notenbank (Inflation 7,4 Prozent) zum fünften Mal ihren Zinssatz auf nun 3,30 Prozent an. Zum Vergleich: Die jährliche Inflation im Euroraum stieg im November auf »nur« 4,9 Prozent.

Auch die Ukraine (11 Prozent Inflation) erhöhte ihren Leitzins auf 9 Prozent. Hier dürfte die Konfrontation mit Russland ein zusätzlicher Preistreiber sein. Auch andere Länder der Region wie Georgien, Moldawien und Rumänien erhöhten in jüngster Zeit ihre Zinssätze, um den Preisauftrieb zu bremsen.

Nach einer Übersicht des Infodienstes »Central Bank Rates« wurden im Jahr 2021 weltweit 99-mal Leitzinsen erhöht, elfmal gesenkt. Zu letzteren Staaten gehört ausgerechnet die Türkei. Trotz einer Inflation von 20 Prozent dürfte die Notenbank den Leitzins am Donnerstag weiter senken - auf immer noch rekordhohe 14 Prozent. Ökonomen halten das für falsch.

Eine eigenständige Währung und Notenbank wird in vielen Hauptstädten durchaus positiv gesehen. »Asymmetrische Schocks« für die Volkswirtschaft, wie Lieferengpässe in der Autoindustrie, können durch den Wechselkursmechanismus abgefedert werden. Die tschechische Zentralbank in Prag hat diesen Aspekt in einem Papier hervorgehoben, das auf der Internetseite der Bank auf Englisch veröffentlicht wurde, und das in der EU für Aufregung sorgt.

Nach den üblichen Lobpreisungen einer offenen Volkswirtschaft, die Tschechien mit der Eurozone verbindet, listen die Volkswirte der »centrální bankou České republiky« eine Reihe von Einwänden auf, die gegen einen Eurobeitritt sprechen. So liege die Staatsverschuldung mit 45 Prozent weit unter der in der Eurozone mit 100 Prozent der Wirtschaftsleistung. Auch seien Löhne und Preise in Tschechien niedriger, Steuern und Sozialleistungen hätten eine andere Struktur. Eine Euroeinführung wäre daher riskant und die Kosten unabsehbar. Insgesamt gilt die tschechische Wirtschaft als gut aufgestellt. Die deutsche Außenhandelsgesellschaft GTAI erwartet in diesem Jahr dort ein Wachstum von 3,0 Prozent, im kommenden von 4,4 Prozent.

Tschechien, Polen, Ungarn, Rumänien sowie Kroatien und Bulgarien sind zwar schon lange in der EU, halten aber an einer eigenen Währung fest. Allein Kroatien will 2023 den Euro einführen, Bulgarien ein Jahr später. Beide Länder haben ihre Währung bereits an den Euro gekoppelt. Die anderen Länder gelten als Euro-skeptisch.

Dazu trägt auch der Zustand des Währungsraums bei, der von außen betrachtet an vielen Stellen desolat erscheint. So kritisieren die tschechischen Notenbanker »die unzureichende Konvergenz«. Statt sich anzunähern, wie mit der Euroeinführung versprochen wurde, driften die Volkswirtschaften ausein-ander. Teilweise seien selbst die Probleme, die aus der Krise 2009/2010 entstanden, noch ungelöst. Alles in allem sei der Aufbau der Eurozone »noch unfertig«, heißt es in dem Dokument. Die möglichen Folgen einer zukünftigen Einführung des Euro für die Tschechische Republik müssten daher »weiter beobachtet und sorgfältig abgewogen werden«. Für 2022 erwarten Beobachter weitere Leitzinserhöhungen in Mittel- und Osteuropa.

App »nd.Digital«

In der neuen App »nd.Digital« lesen Sie alle Ausgaben des »nd« ganz bequem online und offline. Die App ist frei von Werbung und ohne Tracking. Sie ist verfügbar für iOS (zum Download im Apple-Store), Android (zum Download im Google Play Store) und als Web-Version im Browser (zur Web-Version). Weitere Hinweise und FAQs auf dasnd.de/digital.

Das beste Mittel gegen Fake-News und rechte Propaganda: Journalismus von links!

In einer Zeit, in der soziale Medien und Konzernmedien die Informationslandschaft dominieren, rechte Hassprediger und Fake-News versuchen Parallelrealitäten zu etablieren, wird unabhängiger und kritischer Journalismus immer wichtiger.

Mit deiner Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Sei Teil der solidarischen Finanzierung und unterstütze das »nd« mit einem Beitrag deiner Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.

Vielen Dank!

Unterstützen über:
  • PayPal