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Ein teurer Winter

Die Inflationsrate steigt, und an die abhängig Beschäftigten ergeht der Appell, ihren Kaufkraftverlust hinzunehmen

  • Von Stephan Kaufmann
  • Lesedauer: 5 Min.

Die Inflationsrate in Deutschland ist im November auf 5,2 Prozent gesprungen. Verteuert haben sich vor allem Güter des täglichen Bedarfs: Nahrungsmittel kosteten im Schnitt 4,5 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, Energie sogar 22 Prozent mehr. »Es droht der teuerste Winter seit Jahrzehnten!«, wetterte die »Bild«-Zeitung schon vor Wochen. Olaf Scholz »verhandelt mit Grünen und FDP lieber über die Verteilung der Ministerposten«, anstatt die »Rekord-Preise« zu kommentieren. Dieser Aufforderung kam der künftige Kanzler diese Woche nach: »Wir müssen das ganz, ganz sorgfältig beobachten«, sagte Scholz in Bild-TV. Sollte die Inflationsrate nicht wieder sinken, »müssen wir was tun«.

Laut Ökonomen wird die Rate aber bald wieder sinken. Denn verantwortlich für den aktuellen Inflationsschub sind vor allem Sondereffekte: zum einen die Rally an den Ölmärkten - der Ölpreis lag im November 80 Prozent höher als vor einem Jahr, ohne Energieprodukte betrug die Inflationsrate in Deutschland nur 3,4 Prozent. Dazu kommt die wieder angehobene Mehrwertsteuer und eine globale Knappheit an Rohstoffen und Vorprodukten.

Zudem »haben etliche Dienstleister wie Restaurants, Hotels, Friseure, Handwerker seit den Sommermonaten 2021 ihre Preise erhöht, um Umsatzausfälle wettzumachen«, erklärt die Commerzbank. Im Klartext: Im Zuge von Konjunkturaufschwung und steigender Nachfrage haben viele Unternehmen die Gelegenheit genutzt, ihre Preise zu erhöhen, um Umsatz und Gewinn zu steigern. Höhere Einkaufspreise legten sie auf ihre Verkaufspreise um, um ihre Gewinnspannen zu schützen. Zumindest für die großen Unternehmen und ihre Anteilseigner lohnt sich das bisher: Den Konzernen des Deutschen Aktienindex (Dax) wird für dieses Jahr ein Gewinnplus von 53 Prozent prognostiziert, so die Commerzbank. »Den Aktionären winkt 2022 ein Dividendenboom.« Trotz steigender Rohstoffpreise sind die Gewinnspannen stabil.

Die abhängig Beschäftigten dagegen erleiden einen Verlust an Kaufkraft - sie werden ärmer. So stiegen die Tarifverdienste in Deutschland im dritten Quartal 2021 um durchschnittlich 0,9 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal, meldete diese Woche das Statistische Bundesamt, das war der geringste Anstieg seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 2010. Im gleichen Zeitraum legten die Verbraucherpreise um 3,9 Prozent zu. Für das Gesamtjahr prognostiziert die Commerzbank ein Plus bei der Tarifverdiensten von rund 1,5 Prozent, die Inflationsrate werde etwa doppelt so hoch liegen.

Die Experten bei Banken und Wirtschaftsforschungsinstituten geben allerdings Entwarnung: Der Inflationsgipfel sei im November voraussichtlich erreicht worden. Künftig soll die Teuerung wieder nachlassen. »Dennoch werden die deutschen Verbraucher vor allem im ersten Halbjahr 2022 mit Raten von deutlich mehr als drei Prozent konfrontiert sein, denn höhere Preise für Gas und Strom, aber auch für Güter des täglichen Bedarfs sind bereits in der Pipeline«, so die Fondsgesellschaft DWS. »Die höheren Inflationsraten werden daher auch 2022 ganz oben auf der Agenda der deutschen Öffentlichkeit stehen und nicht wenige werden Reallohnverluste hinnehmen müssen.«

An die Beschäftigten und ihre gewerkschaftliche Vertretung ergeht nun die Mahnung, diese Verluste hinzunehmen und sich bei den kommenden Lohnverhandlungen zurückzuhalten. Denn sollten »die Gewerkschaften die Lohnforderungen des nächsten Jahres um die Inflation dieses Jahres erhöhen«, so der Ökonom Hans Werner Sinn, dann »setzt sich eine Lohn-Preis-Spirale in Gang, die sich mehrere Jahre drehen kann«. Im Klartext: Die Beschäftigten dürfen nicht versuchen, ihren Kaufkraftverlust zu kompensieren, weil dann die Unternehmen ihnen die wiedergewonnene Kaufkraft über Preiserhöhungen wieder abnehmen. An dem daraus folgenden Inflationsschub wären laut Ökonomen dann die Gewerkschaften schuld.

Die Lohnabhängigen sollen sich also in Verzicht und Bescheidenheit üben. Danach sieht es derzeit auch aus. »Die Inflation liegt aktuell bei 5,2 Prozent, gleichzeitig ist der Tarifabschluss im öffentlichen Dienst der Länder eher moderat - einmalig 1300 Euro, dann 2,8 Prozent Lohnsteigerung, Laufzeit 24 Monate«, schreibt die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. »Das sieht nicht nach inflationssteigernden Zweit- und Drittrundeneffekten aus.« Und die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« lobt die Gewerkschaften, sie hätten »der Versuchung widerstanden, die schon auf mehr als fünf Prozent gesprungene Inflationsrate zum Anlass zu nehmen, die Reallöhne über ein noch höheres Tabellenergebnis abzusichern«. Dies sei auch wichtig, weil der öffentliche Dienst eine Leitfunktion im Tarifgefüge hat. »Mit 2,8 Prozent legt der öffentliche Dienst die Latte nicht so hoch, dass die Tarifparteien der privaten Wirtschaft in Bedrängnis kommen.«

Auch die Commerzbank erwartet, dass die Beschäftigten ihre Verluste hinnehmen. Zwar dürften im nächsten Jahr »die Löhne in Deutschland wieder stärker zulegen«, allerdings »immer noch langsamer als in den beiden letzten Jahren vor der Pandemie«. Daran ändere auch der voraussichtlich steigende Mindestlohn nichts. Für 2022 kalkuliert die Bank einen Anstieg der Tariflöhne von etwa 2,5 Prozent, die Inflationsrate werde dagegen über drei Prozent liegen, was den Beschäftigten weitere Kaufkraftverluste beschert. »Von einer Lohn-Preis-Spirale dürfte deshalb zumindest im kommenden Jahr nicht die Rede sein.«

Das gleiche gilt für die gesamte Eurozone: Dort gingen zuletzt die Nominallöhne im Jahresvergleich sogar zurück. »Damit fehlt es an nötiger Substanz für eine Lohn-Preis-Spirale im nächsten Jahr«, notiert die Bank Natixis. »Auf absehbare Zeit bleibt die Verhandlungsmacht der Beschäftigten schwach.« Von dieser Schwäche und den steigenden Preise profitieren Unternehmen: Laut aktueller Konsensprognose der Aktienanalysten können die 600 europäischen Konzerne aus dem Börsenindex Stoxx 600 in den nächsten Quartalen Gewinnsteigerungen zwischen zehn und 15 Prozent erwarten.

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