Die Psychologie der Querdenken-Szene

Der Mord von Königs Wusterhausen zeigt das Gewaltpotenzial der Querdenker*innen, kommentiert Veronika Kracher

  • Von Veronika Kracher
  • Lesedauer: 4 Min.
Der Tatort des Mehrfachmordes in Königs Wusterhausen
Der Tatort des Mehrfachmordes in Königs Wusterhausen

Die paranoide Weltauffassung der Corona-Leugner*innenszene zeigt sich besonders deutlich am Mehrfachmord vom 4. Dezember 2021. Weil die Frau des mutmaßlichen Täters für ihr Arbeitsverhältnis an einer Hochschule einen Impfpass brauchte, organisierte ihr Partner – Devid R. – eine Fälschung. Nachdem diese aufgeflogen war, befürchtete R., das Jugendamt könne ihm als Impfgegner »die Kinder wegnehmen«. Diese Sorge ist selbstverständlich unbegründet, nicht jedoch für Mitglieder der Querdenken-Szene. Die beschwört in Telegram-Gruppen nämlich die omnipräsente Bedrohung gegen ihre Kinder, die von Staat, Impfmafia oder LGBTQ-Lobby ausgeht, gegen die Eltern in Stellung gehen müssten. Die R. naheliegend erscheinende Handlung: die drei Töchter (vier, acht und zehn Jahre alt), die Ehefrau und sich selbst zu erschießen. Dass die Querdenken-Szene ausgesprochen regressive Familienvorstellungen vertritt, sollte an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben.

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Nicht wenige in der Querdenken-Szene aber machen nicht Devid R., sondern die »Corona-Diktatur« für die Tat verantwortlich. Die »Junge Freiheit« bringt den Mehrfachmord mit der Impfkampagne gegen Covid-19 in Zusammenhang. Der AfD-Rechtsaußen Björn Höcke betont, die Corona-Politik treibe Menschen in die Verzweiflung. Der rechte Autor und Blogger Oliver Flesch ist bekennender Corona-Leugner und Antifeminist. Er entblödet sich nicht, den verharmlosenden Begriff des »Familiendramas« zu verwenden.
Der Begriff der »Tragödie« fällt ebenfalls oft. Auch die ehemalige Bundestagskandidatin und Querdenkerin Eva Rosen (Die Basis) hat ihn verwendet – als ob es sich bei der Tat um etwas Unvermeidbares handeln würde und nicht um einen Mehrfachmord. Des Weiteren wurde in der Szene dazu aufgerufen, am 11. Dezember im Rahmen einer »bundesweiten Gedenkfeier« vor Rathäusern zu demonstrieren und Kerzen abzulegen. Generell findet die Szene viel Verständnis für einen Mehrfachmörder: Schon schlimm, aber er sah wirklich keinen anderen Ausweg.

Die Geschlechterforscherin Kate Manne analysiert in ihrem Buch »Down Girl – Die Logik der Misogynie« Fälle von Männern, die Familienmitglieder umbringen. Diesen Morden geht oftmals die Angst vor dem Gesichts- und Kontrollverlust voraus, so Manne. Diese Erfahrung sei gerade für autoritäre Männer oftmals unerträglich, was in einer Unfähigkeit zu verorten ist, Schamgefühl zu verarbeiten. Manne argumentiert, dass diese narzisstisch gekränkten Männer nicht nur sich selbst durch den Suizid für ihr Scheitern bestrafen wollen, sondern alle Zeug*innen des Scheiterns ebenfalls töten möchten. Patriarchal denkende Männer betrachten zudem ihre Familienmitglieder, vor allem die Kinder, weniger als eigenständige Subjekte, sondern als Verlängerung ihrer selbst und handeln dementsprechend so: Bevor das Jugendamt und somit das »Merkel-Regime« die Kinder in die Finger bekommt, sollen sie durch die Hand des Familienoberhauptes sterben.

Im »Tagesspiegel« dagegen wird der Mehrfachmord entpolitisiert. Dort gibt Isabelle Heuser, Direktorin der Klinik und Hochschulambulanz für Psychiatrie und Psychiatrie der Charité Berlin, an, dass bei derartigen Tätern meistens schwere Persönlichkeitsstörungen vorlägen. Solche Aussagen koppeln eine Tat wie die von Königs Wusterhausen sowohl von der Querdenken-Bewegung als auch der Pathologie patriarchalen Denkens ab. Doch den Auffassungen der Querdenker liegt ein ideologisch fest geschlossenes Weltbild zugrunde, das alles aus der Verschwörungsideologie heraus erklärt.

R. war tief in der Szene verwurzelt: Mitglied der Partei Die Basis und organisiert bei den »Freiheitsboten Königs Wusterhausen«, einer auf Telegram vernetzten Corona-Leugner*innengruppe. Er hatte, wie in der Szene nicht unüblich, Strafanzeige gegen »die Regierung« gestellt und sich in Telegram-Nachrichten zum Kampf gegen »Unrecht und Tyrannei« bereit erklärt. R. und seine Gesinnungsgenossen sehen sich in einem aufrechten Kampf um die eigene Existenz und die ihrer Kinder. Mit diesem so irrationalen wie starken Bedrohungsgefühl legitimieren sie ihr Handeln – und dieses wird zunehmend gewalttätig.

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