Der Wunsch als Mutter des Gedankens

»Das Baby von Bethlehem«: Ein Bilderbuch für Kinder zeigt die Geburt von Jesus einmal anders: realistisch

  • Lotte Laloire
  • Lesedauer: 5 Min.
Ohne die Heiligen Drei Könige: In dieser Weihnachtsgeschichte geht es um die Geburt selbst
Ohne die Heiligen Drei Könige: In dieser Weihnachtsgeschichte geht es um die Geburt selbst

Das »Baby von Bethlehem« hat schon immer polarisiert. Bei einem so betitelten Kinderbuch hat das allerdings andere Gründe als bei Jesus Christus. Auf 36 Seiten, illustriert von Madlen Rehse, erzählt Autorin Anne Steckner die Weihnachtsgeschichte mal anders. Als Bilderbuch für Menschen ab fünf. Sie legt den Fokus auf die Geburt selbst. Sie schildert alles, was der alte Lukas uns vorenthalten hat: den offenbar schon damals virulenten Hebammenmangel, Marias Dammriss und die am Heiland hängende Käseschmiere.

»Hätt’ Maria abgetrieben, wär’ ihr das erspart geblieben«, lautete ein alter Spontispruch. Allerdings, so munkelt man, war der Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen in Galiläa ungefähr so wie in Deutschland unter Union und SPD: nicht flächendeckend gesichert. Und aufgeklärt, wie wir sind, wollen wir lieber an eine selbstbestimmte Entscheidung glauben. So lasset uns der Mutter Gottes und ihrem Leiden endlich die gebührende Aufmerksamkeit schenken. Die Motivation hinter dem Buch könnte feministisch, aber genauso gut auch katholisch sein.

Linke dürfte die hier von Beginn an kindgerecht vermittelte Herrschaftskritik begeistern, etwa wenn es um die Volkszählung und Steuern geht. »Wovon sollen sie noch Geld nehmen für den Kaiser, der sowieso schon reich ist?«, heißt es. Es ließe sich fragen, warum die Autorin aus dem Paar Maria und Josef nicht gleich zwei Rebellen gemacht hat, die Augustus und das gesamte System stürzen, statt seinem Gebot zu folgen. Doch alle, die wissen, wie konservativ Kinder sein können, werden einsehen, dass diese solch extreme Abweichungen vom Original womöglich nicht goutieren.

Steckner hält also an klassischen Elementen fest (Stall, Stroh, Hirten), sodass ein jeder die Geschichte sofort wiedererkenne. En passant fädelt sie alternative Konzepte wie die soziale Elternschaft ein: »Maria war schwanger geworden, bevor sie Josef kennenlernte. Josef hat Maria sehr lieb, deshalb freut er sich mit ihr auf das Kind.« Weggelassen werden in dieser Geburtsgeschichte Jungfräulichkeit, Engel, Heilsversprechungen und die Heiligen Drei Könige.

Die Figur des Josef lässt einen schmunzeln: Einer, der demnach schon vor 2000 Jahren feministischer war als manch ein wickeltuchtragender Teilzeit-Daddy von heute. Hier war wohl der Wunsch Mutter des Gedankens, aber ein bisschen Utopie schadet nie! Einigen echten Vätern näher kommen Josefs unkonventionell bis ungelenk wirkende Versuche, sich nützlich zu machen, etwa indem er das Baby den Tieren unter die Nase hält, damit deren Atem es wärmt. Kinder finden das lustig.

Im Hauptteil zur Entbindung wird es sachlicher. Der Ablauf und die meisten Begriffe werden eingängig erläutert, einzig bei »Fötus« wurde das versäumt. Etwas wild wird es an der Stelle, als die Plazenta Wölfen zum Fraß vorgeworfen wird. Auch was den Stil betrifft, geht es freigeistig zu. Der Text oszilliert zwischen Hoch-, Umgangs- und Kindersprache. Erst kommt der »Bote für etwas Tolles«, dann soll Maria pressen »wie bei einer Kackwurst«.

Die antike »Öllampe« steht neben postmodernen »Herzensmenschen«, was niedlich klingt, aber keinen Aufschluss darüber gibt, wer die Figuren »Eli und Nuri« sein sollen, die man aus der Bibel nicht kennt. Derartige Unklarheiten verzeihen nicht alle Kinder. Andere Formulierungen sind dafür besonders rührend: »Wann es wohl zur Welt kommt, das kleine Menschlein?« Und auf drastische Szenen folgen meist beruhigende, tröstende Passagen - das ist gut gemacht, weil es Zuhörenden kurze Verschnaufpausen verschafft.

Die kunstvollen Illustrationen von Madlen Rehse unterstützen das. Sanft fließen Aquarell und Tusche um den teilweise schonungslosen Text, mildern diesen visuell etwas ab. Die Linien, die aus Minipünktchen bestehen, sind weich, die Bilder detailreich. Am meisten fasziniert die Kinder, denen ich das Buch gezeigt habe, das Bild, das aus der Sicht des Jesus-Kinds selbst gezeichnet ist.

Ansonsten gehen die Reaktionen weit auseinander: Die achtjährige Tochter einer Linksradikalen aus Berlin-Kreuzberg, die bei der »Ode an die Freude« längst »Alle Menschen werden Schwestern« singt, findet das Buch »normal« und »gut«. Einem sieben- und einem elfjährigen Mädchen aus Süddeutschland, die in der Schule bisher mehr über den Regenwurm als über den weiblichen Körper gelernt haben, hat die Geschichte fast völlig die Sprache verschlagen. »Mama, hasst du uns jetzt?«, fragt die Kleinere angesichts der beschriebenen Geburtsschmerzen. Die Große findet das Bild, auf dem sich das Köpfchen aus der Vagina schiebt, »eklig« und greift lieber wieder zu ihrem »Asterix«-Comic. Ihre Mutter hält die Freigabe des Buches ab fünf Jahren für zu früh. Nicht etwa, weil sie religiös oder konservativ wäre, im Gegenteil: Sie ist unbedingt für Gleichberechtigung. Doch sie wirft die Frage auf, ob Kinder wirklich schon alles wissen müssen.

Letztlich wissen Eltern oder Erziehende individuell am besten, wann bei ihrem Kind der richtige Zeitpunkt für dieses Aufklärungsbuch ist. Sie sollten die Lektüre begleiten und Zeit für Gespräche einplanen. Den Kern der Weihnachtsgeschichte, da waren sich alle einig, veranschaulicht das Buch jedenfalls sehr gut: Eine Mutter gebiert unter widrigsten Umständen ein Kind, trotzdem geht alles gut. Und das ist ein Wunder.

Anne Steckner/Madlen Rehse: Das Baby von Bethlehem. Die Geschichte einer Geburt. Edition Paavo, 36 S., geb., 14 €.

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