Nachwuchssuche mit Hindernissen

Wie sich ein Industrieunternehmen im Thüringer Wald um Auszubildende bemüht

  • Von Sebastian Haak, Neuhaus am Rennweg
  • Lesedauer: 7 Min.
Das Unternehmen GB-Neuhaus im Thüringer Wald
Das Unternehmen GB-Neuhaus im Thüringer Wald

Eigentlich sollte man meinen, dass der Bus schon kommt, wenn im Fahrplan steht, dass er gleich kommen wird. Doch schon häufiger hat Jonas Rössel in den vergangenen Jahren erleben müssen, dass diese Annahme ein Trugschluss sein kann. Der 19-Jährige ist aber auf den Bus angewiesen, um zur Arbeit zu kommen. Sein Ausbildungsplatz bei einem Industrieunternehmen in Neuhaus am Rennweg im südlichen Thüringen liegt etwa 13 Kilometer von seinem Heimatdorf entfernt. Will er pünktlich zum Arbeitsbeginn kommen, dann muss er den Bus um 5.05 Uhr nehmen. Laut Fahrplan.

»Manchmal ist der Bus auch gar nicht gekommen, da haben die wohl gedacht, es fährt sowieso keiner mit«, sagt Rössel. Morgens um kurz nach fünf Uhr ist im öffentlichen Nahverkehr nicht viel los. Und schon gar nicht auf dem Land. Es ist bezeichnend, dass der Jugendliche das ohne jede Empörung in der Stimme sagt. Fast schon amüsiert. Das kann man nur tun, wenn man sich mit einer Situation abgefunden oder arrangiert hat.
Derlei Begebenheiten kennt Sandra Arnold zur Genüge. Sie ist die Personalleiterin des Ausbildungsbetriebs von Rössel. Bei der GB-Neuhaus, einem Spezialunternehmen für Beschichtungsmaterial, wird der Jugendliche inzwischen im dritten Lehrjahr zum Mechatroniker ausgebildet. Viele Auszubildende des Industrieunternehmens müssen regelmäßig den Bus nehmen, um Kilometer um Kilometer durch das zu fahren, was man gemeinhin als ländlichen Raum bezeichnet. Die Situation, die Arnold und Rössel schildern, ist ein Problem, das Unternehmen und Auszubildende abseits der größeren Städte in Thüringen, im Osten, ja überall in Deutschland gleichermaßen haben: Jugendliche sind in ihrer Mobilität eingeschränkt; die Unternehmen müssen darauf Rücksicht nehmen.

Gemeinsame Suche nach Lösungen

Zwar habe, sagt Arnold, noch kein potenzieller Lehrling einen ihm angebotenen Ausbildungsvertrag bei der GB-Neuhaus abgelehnt, weil er in der dicht bewaldeten, aber dünn besiedelten Region im südlichen Thüringen nicht von A nach B gekommen wäre. Doch liege das auch daran, dass das Unternehmen flexibel sei, wenn es etwa darum geht, wann für einen Lehrling der Arbeitstag beginnt – oder wenn man Lösungen gefunden habe, um ihm lange Wege zu ersparen. »Er hilft ja nichts«, sagt Arnold. Schließlich seien weder die Betriebe noch die Lehrlinge dafür verantwortlich, dass die Busverbindungen in der Region so schlecht sind. Gemeinsam müssen sie nach Lösungen suchen.

Allerdings ist es für Kommunen und Busunternehmen eine fast unlösbare Aufgabe, einen attraktiven und gleichzeitig kostendeckenden Nahverkehr im ländlichen Raum anzubieten. Seit inzwischen Jahrzehnten lässt sich vielerorts beobachten, dass Dorf- und Kleinstadtbewohner zwar unzufrieden mit dem dünnen Bus- und Bahnangebot in ihrer Region sind. Die Angebote aber, die es gibt, werden jenseits des Schülerverkehrs von nur sehr wenigen Menschen genutzt. Wenn zusätzliche Linien eingerichtet werden, ist deren Frequentierung dann oft so gering, dass es sich aus wirtschaftlichen Gründen überhaupt nicht lohnt, diese Busse oder Bahnen fahren zu lassen; obwohl viele auf dem Land vorher nach einem besseren Angebot im öffentlichen Nahverkehr gerufen haben.

Schlecht ausgebauter öffentlicher Nahverkehr

Wer also kein eigenes Auto im ländlichen Raum hat, fühlt sich schnell eingeschränkt, was nicht zuletzt auch mit dem stark gewachsenen Bedürfnis nach individueller Mobilität zu tun hat. In Zeiten, in denen alles überall und sofort verfügbar sein soll, wollen viele Menschen nicht darauf warten, dass der Bus erst in zwanzig Minuten oder zwei Stunden fährt. Sie wollen jetzt und auf direktem Wege zum Einkaufen, zum Arzt oder zum Fußballspiel ins Nachbardorf und anschließend so schnell und so direkt wie möglich wieder zurück.

Diese Misere um den schlecht ausgebauten öffentlichen Nahverkehr im ländlichen Raum führt dazu, dass all diejenigen, die kein eigenes Auto haben und auf den selten getakteten Bus angewiesen sind, sich immer wieder anderweitig behelfen müssen. Auch Rössel, wenn er mal wieder morgens um 5.05 Uhr stehengelassen wurde. Dann, sagt der Jugendliche, »haben mich Vati oder Mutti bislang immer gefahren«. Der Ausbildungsbetrieb weiß das zu schätzen, wenn die Eltern einspringen. Wichtig sei ein Miteinander, erklärt Arnold, ein Zusammenarbeiten von Unternehmen, Eltern, aber etwa auch Schulen und Vereinen.

Längst muss sich die Wirtschaft im ländlichen Raum anstrengen, um geeigneten Nachwuchs zu finden, weil sonst die jungen Menschen überhaupt nicht auf die Idee kommen, sich bei einem bestimmten Betrieb in der Region zu bewerben. In vielen dünn besiedelten Landstrichen können die Betriebe die vorhandenen Ausbildungsstellen nicht mehr besetzen.

Mittlerweile betreiben die Unternehmen für die Suche nach Auszubildenden sogar ein eigenes Marketing im Internet und auf Kontaktmessen. Aber nach wie vor bleibt auch »die Mund-zu-Mund-Propaganda bleibt für uns unverzichtbar«, sagt Arnold. Es komme nämlich häufiger vor, dass der Erstkontakt junger Menschen zu den Unternehmen in der Region über eine persönliche Empfehlung läuft. Auch bei Rössel war das so: Über die Mutter einer Klassenkameradin wurde er auf GB-Neuhaus aufmerksam. Irgendwann stand er vor der Tür des Betriebs, der in einem Industriegebiet am Rande der Kleinstadt seinen Sitz hat. Er unterschrieb seinen Ausbildungsvertrag, und bald darauf kam er jeden Tag in die Werkstatt.

Noch immer komme es vor, sagt Arnold, dass Kontakte wie bei Rössel quasi nebenbei entstehen. So sei das halt auf dem Land, da sei der Kontakt zwischen den Menschen oft enger und intensiver als in größeren Städten. Folglich sei es ganz natürlich, dass man diesen und jenen kenne und darüber auch Kontakte von jungen Menschen zu Unternehmen zustande kämen.

Aber darüber hinaus hat das bewusste Netzwerken für viele Unternehmen im ländlichen Raum an Bedeutung gewonnen. Geschäftsführer und Personaler schenken dieser Aufgabe mittlerweile mehr Beachtung als noch vor einigen Jahren. »Auch wir netzwerken inzwischen gezielt«, verrät Arnold. Nicht zuletzt, indem das Unternehmen Vereine in der Region bewusst unterstützt, um die Bekanntheit als engagierter Ausbildungsbetrieb zu steigern. Zudem ist GB-Neuhaus auch Teil des Obenauf-Netzwerks, bei dem etwa zwanzig Firmen gemeinsam versuchen, die Region im Thüringer Wald als vielseitigen Wirtschaftsstandort zu vermarkten.

Aber Netzwerkarbeit kostet neben Arbeitszeit auch Geld, was natürlich erst einmal erwirtschaftet werden muss. Arnold hält das aber dennoch für sinnvoll. »Schließlich bilden wir für unseren eigenen Nachwuchs aus.« Und für die Zukunft des Betriebes sei das eine wichtige Aufgabe.

Betriebe müssen flexibel sein

Dabei nimmt das Unternehmen auch auf die Bedürfnisse der Lehrlinge Rücksicht. Um das Mobilitätsproblem der Jugendlichen zu lösen, stellt GB-Neuhaus beispielsweise seit 2015 eine Azubi-WG zur Verfügung. In dieser Wohngemeinschaft, erzählt Arnold, könnten Lehrlinge wohnen, die von so weit herkommen, dass das tägliche Pendeln für sie nicht zumutbar ist. Die ersten beiden Lehrlinge, die dort unterkamen, waren ein junger Mann aus Saalfeld – etwa 30 Kilometer von Neuhaus entfernt – und einer aus Gera – von Neuhaus etwa 100 Kilometer weit weg. Seit die WG gegründet wurde, wird sie quasi ununterbrochen von Auszubildenden bewohnt; derzeit von einem minderjährigen Flüchtling, der in dem Unternehmen lernt.

Aber nicht nur die Unternehmen im ländlichen Raum müssen bei der Suche nach Nachwuchs – und nach allen Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten – flexibel sein. Auch für die angehenden Lehrlinge ist es von Vorteil, wenn sie sich nicht stur auf einen Berufswunsch festlegen, sondern dazu bereit sind, nach links und rechts zu schauen.

Wie Rössel. Er wollte nämlich zuerst gar kein Mechatroniker werden. Sondern Informatiker. Doch weil Arnold in dem Jahr, als sich der Jugendliche bewarb, schon jemanden für die Ausbildung zum Informatiker gefunden hatte, ließ er sich von ihr in eine andere Richtung lenken. »Mittlerweile muss ich sagen, ich hab’s nicht bereut.« Arnold wundert sich nicht über die Aussage. »Da ist er nicht der Einzige, bei dem das so ist.« Jemand, der sich eigentlich als Industriekaufmann bei ihr beworben hat, sitze heute in der IT-Abteilung.

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