Werbung

Es müssen keine Böller sein

Krawall machen, Mensch und Tier erschrecken - das geht auch ohne Feuerwerk, meint Andreas Koristka

  • Von Andreas Koristka
  • Lesedauer: 3 Min.
Feuerwerk - nur eine von vielen Möglichkeiten, die Umwelt zu versauen
Feuerwerk - nur eine von vielen Möglichkeiten, die Umwelt zu versauen

Die deutsche Gesellschaft ist zu einem amorphen Haufen bequemer Wohlstandsverwahrloster degeneriert. Viele Kulturtechniken sind uns abhanden gekommen, deren Beherrschung einst selbstverständlich war. Früher waren die Menschen in diesem Land dazu in der Lage, mit einer Damenstrumpfhose einen Pkw in Schwung zu bringen. Sie konnten ihre Eigenheime selbst mauern und einfache Schädelbrüche bei Kindern behandelte man, indem man den Kleinen einen kalten Löffel auf ihre Beulen drückte. Wenn es mal wieder kein Bubble Gum zu kaufen gab, dann klagte man nicht, sondern kratzte ein wenig Fensterkitt zusammen, auf dem gutmütig herumgekaut wurde.

Das alles ist heutzutage nicht mehr vorstellbar. Da wird gejammert und gezetert, wenn es kein Silvesterfeuerwerk zu kaufen gibt. Sind die Menschen wirklich so fantasielos, dass ihnen nichts weiter einfällt, als in großen Scharen nach Polen zu wandern, um sich dort mit Böllern und Raketen einzudecken? Fällt es einigen tatsächlich so schwer, adäquaten Ersatz selbst herzustellen?

Dabei ist es so einfach! Einen alten Autoreifen findet man in nahezu jeder Grünanlage. Wer ihn anzündet (mit festem Grillanzünder) und dazu mit voller Kraft »Peng, peng, peng« ruft, schafft sich eine alternative Böllerei, die dem Original wenig nachsteht. Wer es noch authentischer haben möchte, kann einen oder auch mehrere Gullideckel vom Dach eines mehrstöckigen Hauses auf den Gehweg werfen und den lauten Aufschlag genießen.

Manch einer hat noch eine Gaskartusche herumstehen, weil er gern zeltet, Motorboot fährt oder ein ähnlich kulturloses Hobby betreibt. Mit ein wenig Beharrlichkeit kann man so eine Kartusche zur Explosion bringen. Einfache Illuminationseffekte lassen sich gut mit einer Taschenlampe nachstellen, die man sehr schnell an und ausschaltet. Alternativ kann man mit brennendem Spiritus herumspritzen.

Auch für die gute alte Handverletzung benötigt man nicht zwangsläufig konventionelles Feuerwerk. Die Leute tun gerade so, als hätten sie keine Messer, Sägen und Zangen im Haus, mit denen sie sich ihre Finger schmerzvoll amputieren könnten. Mülltonnen mit Papier anzünden, Briefkästen mit Baseballschlägern zerstören, Haustiere mit Erbsen aus Zwillen beschießen - wer nur ein bisschen sein Köpfchen anstrengt, der findet andere Möglichkeiten, um während des Jahreswechsels nicht auf den üblichen Spaß zu verzichten.

Warum fällt das einigen so schwer? Wenn man auf diese naheliegenden Lösungen nicht von alleine kommt, könnte man doch wenigstens Alexa fragen. Vielleicht ist es so, dass wir nur noch Freude empfinden können, wenn wir konsumieren. Deshalb ist das Verkaufsverbot von Feuerwerk eine Chance. Wir können uns wieder auf den eigentlichen Sinn des Neujahrsfestes besinnen. Ich zum Beispiel werde versuchen, mich mit meinen Kindern an eine Taube heranzuschleichen, um sie mit Schreien und lauten Schlägen auf Kochtöpfe zu erschrecken. Es geht alles auch ohne gekaufte Knaller!

Natürlich gibt es keine Garantie dafür, dass das funktioniert. Aber muss denn immer alles perfekt sein? Der eigentliche Sinn von Silvester ist es doch, Welt und Natur für alles zu bestrafen, was sie uns angetan haben. Für Corona, die Flut im Ahrtal und den Nieselregen der letzten Tage. Diesen eigentlichen Sinn sollten wir wieder in unsere Herzen lassen. Es gibt Tausende Arten, Feinstaub zu produzieren. Böller sind nur eine einzige davon. Aber es gibt im Jahr nur ein einziges Silvester. Versuchen Sie, daran zu denken, wenn die Taube wegen eines Herzinfarkt vor Ihnen vom Baum fällt. In diesem Sinne wünsche ich allen einen guten Rutsch und ein gesundes neues Jahr.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung