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Ein Hohelied

Iris Rapoport über die Vorzüge des (Silvester-)Karpfens

  • Von Iris Rapoport
  • Lesedauer: 3 Min.
Biolumne: Ein Hohelied

Wo sind sie geblieben, die leckeren Silvesterkarpfen, von denen stets eine Schuppe in der Geldbörse landete - auf dass diese das Jahr über gefüllt bliebe? In Weihnachtskarpfen haben sie sich jedenfalls nicht verwandelt. Eher scheint der heimische Süßwasserfisch ein wenig aus der Mode gekommen. Das ist sehr schade.

Karpfen gehören seit sehr langer Zeit zur menschlichen Nahrung. Sie wurden bereits vor über 2000 Jahren in chinesischen Teichen gehalten und von den Römern nach Europa gebracht. Karpfenzucht ist somit die älteste Aquakultur. Im Mittelalter waren Karpfen als Fastenspeise geschätzt. So verwundert es nicht, dass Klöster oft Fischteiche unterhielten, wo die Mönche Karpfen züchteten.

Vieles spricht auch heute für den Karpfen. Als Friedfisch ernährt er sich vor allem von dem, was er gründelnd am Boden der Teiche findet: Insektenlarven und Plankton. Wird zugefüttert, dann meist minderwertiges Getreide, das für Brot nichts taugt. Fischmehl wie bei Raubfischen brauchen die Karpfen nicht. Dennoch sind die Raubfische Forelle und Lachs derzeit die wichtigsten Fische in der Aquakultur.

Mit dem Plankton gelangen viele mehrfach ungesättigte Fettsäuren ins Karpfenfett. Die können weder Karpfen noch Menschen selbst bilden. Doch sie werden in den Membranen aller Zellen dringend benötigt, denn sie sichern deren Flexibilität. Gleichzeitig dienen sie der Bildung vieler Gewebshormone. So entpuppt sich der vermeintliche Nachteil des Karpfens, sein hoher Fettgehalt, für unsere Ernährung als Vorteil. Speziell bei Omega-3-Fettsäuren kann der Karpfen durchaus mit so manchem Seefisch, etwa Scholle oder Kabeljau, mithalten. Omega-3-Fettsäuren helfen, Entzündungen zu drosseln und senken den Blutfettspiegel. Damit schützen sie letztlich sogar vor Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall.

Doch das ist nicht alles. Das bindegewebsarme Fischfleisch ist leicht verdaulich und liefert ein hochwertiges Eiweiß. Das enthält viele Aminosäuren, die für unsere körpereigene Eiweiß-Synthese unabdingbar sind und die wir auch nicht selbst bilden können.

Schließlich ist der Karpfen eine gute Quelle für etliche Vitamine - für A, B6, B12, und Niacin. Vor allem aber für Vitamin D, das im Winter für so manchen ein Problemvitamin ist. Da passt es, dass der Karpfen gerade von Oktober bis April Saison hat.

Wie jeder Fisch hat auch der Karpfen seinen ganz eigenen, vielleicht erdig zu nennenden Geschmack. Der stammt von Mikroorganismen des Teichgrunds und verliert sich, wenn der Karpfen nach dem Abfischen in klarem Wasser gehalten wird.

Beim Verzehr vieler Fische trübt der Gedanke an Überfischung oder die ökologischen Probleme der Aquakultur den Genuss. Auch hier ist beim Karpfen alles anders. Sein Bestand ist nicht gefährdet. Er überzeugt mit Regionalität und Nachhaltigkeit. Kurze Transportwege sorgen für einen niedrigen CO2-»Flossen«-Abdruck. Und Teichlandschaften sind keine Massentierhaltung. Im Gegenteil: Viele Teichgebiete bieten seit Jahrhunderten Lebensraum für seltene Pflanzen und Tiere. Etliche Teichlandschaften sind heute sogar Naturschutzgebiete.

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