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Der alte Mann, der einfach immer weiter springt

Japans Skisprung-Altstar Noriaki Kasai versucht verzweifelt, mit 49 noch einmal zu Olympia zu kommen

  • Von Felix Lill
  • Lesedauer: 5 Min.
Japans Altstar Noriaki Kasai ist schon 49, weit entfernt von der Weltspitze – und träumt trotzdem noch von Sprüngen auf Olympiaschanzen.
Japans Altstar Noriaki Kasai ist schon 49, weit entfernt von der Weltspitze – und träumt trotzdem noch von Sprüngen auf Olympiaschanzen.

Das Lob für den schmächtigen Typen, der derzeit weiter springt als jeder andere, überhäuft sich dieser Tage. Als »Künstler« wurde er beim Blick auf die laufende Vierschanzentournee schon bezeichnet, ein »Überflieger«, der »unbesiegbar« sei. Wer an diesem Donnerstag das traditionelle Skispringturnier in Deutschland und Österreich gewinnen will, muss wohl auf einen Patzer jenes bewunderten Favoriten hoffen, der nicht etwa in den Alpen aufgewachsen ist, sondern von weit her kommt. Ryoyu Kobayashi stammt aus dem Norden Japans.

Auf den Schanzen der Tournee aber fürchtet man ihn schon länger. Rund um den Jahreswechsel 2018/19 gewann er sie zum ersten Mal, mit Siegen an allen vier Orten. Auch diesmal ist er wieder mit zwei Tageserfolgen gestartet, wenngleich er sich selbst nicht als Maß der Dinge sehen will. Mit fast klischeehaft japanischer Bescheidenheit betont er in Interviews, dass alles eine Mannschaftsleistung sei, die Ausrüstung besonders gut passe oder ihm die Schanzen einfach liegen würden. Seine offensichtliche Überlegenheit gegenüber den meisten Konkurrenten wird er öffentlich kaum eingestehen. Selbstlob gibt es nicht.

Wobei er etwas davon nötig haben könnte. Zwar wird auch in Kobayashis Heimat über die Erfolge des 25-Jährigen berichtet. Immerhin ist er erst der dritte Japaner, der vergleichbare Erfolge im eigentlich nord- und kontinentaleuropäisch dominierten Skispringen nachweisen kann. Aber in Kobayashis Disziplin gibt es ja noch einen anderen, der schon viel länger dabei ist und sich einfach nicht unterkriegen lassen will: Noriaki Kasai.

Kasai wird in diesem Jahr 50, ist also fast doppelt so alt wie der aktuelle Überflieger Kobayashi. Kasais Trophäensammlung ist daher auch noch deutlich größer. Im Skisprung-Gesamtweltcup wurde Kasai zweimal Dritter, einmal davon gewann er mit Japan die Nationenwertung. Die Skiflug-WM sicherte er sich auch schon - im Jahr 1992! 1994 in Lillehammer wurde Kasai Olympiazweiter, 2014 in Sotschi gewann er dann noch einmal Silber auf der Großschanze und Bronze mit dem Team. Bei Nordischen Skiweltmeisterschaften hat er insgesamt sieben Medaillen gewonnen, japanischer Meister war er zwischen 1993 und 2017 fünfmal. Lediglich bei der Anzahl der Weltcupsiege (17) liegt Kasai schon hinter Kobayashi (24).

Die Fußstapfen, in die der neue Skisprungstar tritt, sind also riesig. Zumal Kasai selbst seine Schuhe noch anbehalten und neue Spuren hinterlassen will. Für Peking hofft er auf seine neunte Olympiateilnahme. »Ich habe noch nicht meine ganze Kraft verloren«, sagte er zuletzt auf die Frage ausländischer Journalisten, ob er an ein Karriereende denke.

In Japan selbst wäre eine derart offen gestellte Frage, die ja auch auf einen Leistungsverfall hindeutet, eine Art Majestätsbeleidigung. Dort wird Kasai eher für seine sportliche Langlebigkeit bewundert. Die Tageszeitung »Tokyo Shimbun« nannte ihn im vergangenen Herbst erst wieder eine »Legende«. Das angesehene »Asahi Shimbun« schrieb vor kurzem mit ähnlicher Bewunderung: »Auch im Alter von 49 Jahren hat seine Besessenheit nicht nachgelassen.« Kasai wird darin zitiert, dass er noch alle Medaillen gewinnen will, die er bis jetzt nicht hat erreichen konnte. Sportlich ist zwischen Kobayashi und Kasai längst ein Klassenunterschied entstanden. Der Altmeister kam selbst bei den nationalen Meisterschaften im Oktober von der kleinen wie von der großen Schanze nie über Platz 22 hinaus und wurde danach von den Nationaltrainern nicht einmal mehr im zweitklassigen Continental Cup eingesetzt. Sein letzter Weltcupsieg liegt mittlerweile schon sieben Jahre zurück, und dass er wirklich in Peking starten darf, gilt als so gut wie ausgeschlossen.

Kasai lässt das alles zumindest äußerlich kalt. Es wird sogar schon darüber gesprochen, dass er auch bei den Olympischen Winterspielen 2030, für die sich die nordjapanische Stadt Sapporo beworben hat, noch einmal antreten will. Zu dem Zeitpunkt wäre er dann 57 Jahre alt.

Im Ausland wird Kasai bereits als starrsinnig angesehen. Was in Japan wiederum eher gut ankommt. Ende letzten Jahres sagte Kasai: »Ich werde zwar nächstes Jahr 50, doch ich werde weitermachen - so wie King Kazu.« Damit spielte er auf seinen 54-jährigen Landsmann Kazuyoshi Miura an, der 36 Profispielzeiten als Fußballer hinter sich hat und vergangenes Jahr noch in der ersten japanischen Liga im Kader stand - wenn auch nur zu einem einzigen Kurzeinsatz kam. Auch Miura, der lange Zeit der beste japanische Spieler war und als Vater des Profifußballs im Land gilt, offenbarte in den vergangenen Jahren keine Gedanken an ein Karriereende. Nun wechselt er allerdings in die vierte Liga und damit in den Amateurbereich.

Dabei ist die Rolle der Altgedienten im Sport häufig eine schwierige, zumal im altershierarchisch geprägten Japan. Sportler mit viel Erfahrung ziehen Aufmerksamkeit, Einsatzzeiten und Werbeverträge auf sich, dienen nicht immer nur als Mentoren, sondern auch mal als sperrige Brocken auf dem Weg der nächsten Generationen nach oben. Ryoyu Kobayashi hat sich selbst schon mal als »modernen Japaner« bezeichnet - auch, wenn er sich in Interviews bescheiden gibt, trommelt er sich nach gelungen Sprüngen gern auf die Brust und lässt sich feiern. Schon das ist untypisch.

Dem alten Kasai hat dies einmal so missfallen, dass das Vorbild der jüngeren Skisprunggeneration den neuen Star daraufhin zurechtwies. Ryoyu Kobayashi ließ sich allerdings kaum unterkriegen. Auch jetzt gleitet er nach einer gelungenen Landung mit triumphal ausgestreckten Armen durch den Schnee der Schanzenausläufe. Noriaki Kasai dagegen macht vor allem mit jung gebliebenen Ankündigungen von sich hören. Vor allem in Japan funktioniert das, um Schlagzeilen zu generieren - nur lesen sie sich allmählich weniger wie Sportnachrichten als eine alterstrotzige Kuriosität.

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